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Kampf um soziales NetzwerkWie China den USA die Tiktok- Übernahme vermiesen will

China droht damit, den Kern-Algorithmus der Plattform unter Exportkontrolle zu stellen. Damit wäre das Unternehmen für die Käufer uninteressant. Zudem gerät Tiktok wegen heikler Inhalte zunehmend in den Fokus.

Die Vorherrschaft bei den sozialen Medien wird zunehmend zum Zankapfel im Handelskonflikt der beiden Supermächte.
Die Vorherrschaft bei den sozialen Medien wird zunehmend zum Zankapfel im Handelskonflikt der beiden Supermächte.
Foto: Florence Lo (Reuters) 

Die Deadline läuft am 15. September ab. Bis dann will US-Präsident Donald Trump den Verkauf von Tiktok an einen amerikanischen Konzern durchgeboxt haben oder die von Jugendlichen geliebte digitale Plattform schliessen. Je näher der Termin rückt, desto grösser aber werden die Hindernisse für einen Deal.

Denn China denkt nicht daran, das erfolgreiche Unternehmen den Amerikanern kampflos zu überlassen. So will die chinesische Regierung die Algorithmen, das Kernstück der Plattform, einer Exportkontrolle unterstellen. Das würde den Wert des Unternehmens stark drücken und für einen Käufer in den USA uninteressant machen.

Bei künstlicher Intelligenz ist China weiter

Die Algorithmen sind nach Ansicht von Experten das, was Tiktok zu mehr macht, als nur zu einem Spielzeug für Jugendliche. Sie erlauben mithilfe der Technologie des «deep learning», die Vorlieben der Nutzer auszuwerten und das Videoangebot entsprechend individuell zurechtzuschneiden. Tiktok habe die künstliche Intelligenz weiter vorangebracht als die US-Konkurrenten, meinen Experten. Und genau das mache die Plattform für die Werbewirtschaft so wertvoll. «Tiktok beobachtet dich, wenn du Tiktok betrachtest», sagt Eugene Wei, Start-up-Investor und ehemaliger Tech-Manager von Amazon und Facebook. «Wer das nur als Video-App für Kinder sieht, übersieht das massive destruktive Potenzial.»

Zerstören könnte Tiktok indessen nicht nur die Konkurrenz. Die Plattform strahlt selber ein toxisches Klima aus. So giftig, dass sich die australische Regierung am letzten Wochenende zu einer dringenden Warnung gezwungen sah. Anlass war das Video eines Selbstmörders, der sich mit einem Schuss in den Kopf das Leben nimmt. Es war von Jugendlichen heruntergeladen, in Windeseile weiterverbreitet, aber teils auch mit einem Warnhinweis versehen worden.

Australiens Regierungschef übt Kritik

Sollte jemand auf ein Video eines jüngeren Mannes mit langen Haaren und Bart stossen, so sollte es keinesfalls geöffnet werden. Der australische Premier Scott Morrison verlangte von Tiktok, das Video zu löschen. «Das ist ihre Verantwortung, kein Kind sollte einem solch schrecklichen Inhalt ausgesetzt sein», erklärte er. Tiktok versuchte, das Video zu entfernen, doch tauchte es wiederholt an anderen Ecken der Plattform wieder auf.

Wie Facebook hat auch Tiktok Probleme mit rassistischen Inhalten. Mitte August tauchten Jugendliche auf der Plattform auf, die mit KZ-Lumpen bekleidet waren und vorgaben, Opfer des Holocaust zu sein. Die Videos wurden als «Holocaust-Challenge» zur Nachahmung weiterverbreitet.

Auch wenn unklar ist, ob das Video als Provokation oder als missglückter Holocaust-Erklärungsversuch gedacht war – so löste es heftige Proteste seitens jüdischer Organisationen aus. «Die Digitalisierung des Antisemitismus in den sozialen Medien hat zum steigenden Ausmass des globalen Antisemitismus beigetragen», erklärte das American Jewish Committee. Tiktok habe es versäumt, rechtzeitig Schranken gegen toxische Inhalte zu errichten, sagt Claire Atkin von Check My Ads – einer Firma, die Werbung und abstossende Inhalte trennen will.

Tiktok als Faustpfand im Handelskonflikt

Trotz dieser Probleme ist Tiktok ein begehrtes Übernahmeziel. Die US-Regierung sieht das Exportverbot für den Tiktok-Algorithmen daher als Versuch Chinas, den Wirtschaftskonflikt weiter anzuheizen. Präsident Trump soll aus dieser Optik dazu gebracht werden, weitere chinesische Firmen zu sanktionieren und so eine Lösung des Konflikts zu erschweren. Es geht um die Schuldzuweisung in einer Auseinandersetzung ohne Gewinner. «Die USA bedienen sich der wirtschaftlichen Einschüchterung und der politischen Manipulation gegen nicht amerikanische Firmen», kritisierte das chinesische Aussenministerium.

Die Lage erscheint so verzwickt, dass fraglich ist, ob bis Mitte September noch ein Deal zustande kommt. Falls nicht, steht Trump vor dem Dilemma, eine von Jugendlichen heiss geliebte App zu verbieten oder auf das Verhandlungsgeschick von Microsoft-Chef Satya Nadella zu hoffen. Microsoft werden die besten Chancen für den Kauf zugeschrieben, auch weil sich Nadella mit dem Detailhandelsriesen Wal-Mart verbunden hat. Im Rennen ist auch ein Konsortium von Oracle und amerikanischen Tiktok-Investoren. Der Kaufpreis liegt gemäss dem «Wall Street Journal» bei 30 Milliarden Dollar – allerdings inklusive der Algorithmen.

4 Kommentare
    Daniel Stirnimann

    Trump geht es hier darum, die Chinesen zu Schwächen. Die Amerikaner machen dasselbe, nämlich uns ausspionieren wo es nur geht. Gefahr droht also von beiden Seiten.