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Aktivismus in sozialen MedienWenn Weisse auf Instagram solidarisch sind, geht alles schief

Stars und grosse Marken, alle posteten diese Woche schwarze Kacheln gegen Rassismus. Warum das für die Aktivisten in den USA ein Debakel war.

So sah es diese Woche auf Instagram aus: Schwarze Kacheln überall.
So sah es diese Woche auf Instagram aus: Schwarze Kacheln überall.
Foto: Screenshot

Unter den digitalen Plattformen ist Instagram der Ort, wo die Realität nichts zu suchen hat. Influencer, bekannte Marken, Designer, Modeschöpfer, alle posten hübsche Bilder, als Inspiration oder als Eigenwerbung, es ist eigentlich dasselbe, Hauptsache, keine Politik. Diese Woche aber war alles anders, viele Feeds verdunkelten sich in Solidarität mit den Protesten in den USA.

Das Problem war nur, dass alles schieflief, was schieflaufen konnte.

1. Der Aufruf

Am Anfang standen Jamila Thomas und Brianna Agyemang, zwei Frauen aus dem Musikgeschäft. Unter dem Titel #TheShowMustBePaused riefen sie die Unternehmen der Musikindustrie und andere grosse Brands dazu auf, innezuhalten und sich zu fragen, inwiefern sie selber von der Kreativität von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern profitiert haben.

Geplant war, dass der Dienstag nach Pfingsten dazu genutzt werden sollte, eine ehrliche Diskussion zu führen und Aktivisten zu unterstützen, indem man etwa auf antirassistische Organisationen verlinkt oder den Angehörigen von George Floyd hilft. «Wir sind müde, und allein können wir die Dinge nicht ändern», schreiben die zwei Frauen.

Dann kam der Dienstag.

2. Das Debakel

Man hätte es wissen können: Wenn Weisse ihre Solidarität bekunden sollen, gehen sie den Weg des geringsten Widerstands, entweder sie spenden etwas oder sie posten etwas. Am Dienstag verfinsterten sich viele Instagram-Feeds, weil auf einmal alle schwarze Kacheln hochluden, oft verbunden mit dem Hashtag #BlackLivesMatter. Unternehmen wie das Musiklabel Sony, Influencer, Museen, Schauspieler und Musikerinnen wie Ariana Grande. Keine coolen Pics mehr, alles war plötzlich schwarz.

Eine Kommentatorin der «Washington Post» fasste das Debakel später so zusammen: «Schwarze Menschen kämpfen in den Strassen dagegen, dass sie zum Schweigen gebracht werden. Wieso also soll ein schweigendes schwarzes Rechteck, in dem keine schwarzen Menschen zu sehen sind, als aktivistische Kommunikation durchgehen?» Das Ganze sei ein Lehrstück dafür, wie schnell «performative Solidarität» scheitern kann.

3. Die Korrektur

Als Reaktion auf den Berg von schwarzen Instagram-Plättli starteten die Aktivisten eine Korrekturinitiative. Wann immer jemand ein schwarzes Bild postete, wurde er oder sie darauf hingewiesen, nicht den Hashtag #BlackLivesMatter zu verwenden, sondern #BlackOutTuesday. Sonst werde es wegen der Schwemme von Einträgen unmöglich, die Demonstranten mit wichtigen Informationen zu versorgen.

Die Berühmtheiten auf Instagram setzten das sofort um, es war ihnen alles plötzlich sehr peinlich.

4. Die Scham

Es gab auch Schwarze, die den Aufruf #TheShowMustBePaused kritisierten. Der britische Rapper Awate schrieb auf Twitter, Künstlern würde eine Performance aufgezwungen. Andere hatten keine Lust, beim «white guilt day» mitzumachen.

Viele Weisse wussten offenbar nicht, wie sie sich verhalten sollen, und fürchteten, etwas Falsches zu posten, also schien das schwarze Rechteck der sicherste Weg. Andere waren so perplex über die Kritik an ihren Solidaritätserklärungen, dass sie von schwarzen Kollegen getröstet werden mussten, «überwältigt von Schuld und Sorge» seien sie gewesen, schreibt die «Washington Post».

Bei einigen setzte immerhin eine Reflektion ein. Die Designerin Ines Mazzotta (33’200 Follower) erklärte, es sei ihr angesichts der Proteste falsch vorgekommen, weiterhin schöne Bilder hochzuladen. Eigentlich habe sie vorgehabt, die Werke von schwarzen Designern über ihr Konto zu verbreiten, dann aber gemerkt, dass sie gar nicht so viele schwarze Designer kenne. «Ich litt an einer ernsthaften Kurzsichtigkeit.»

Inzwischen ist der Instagram-Feed wieder frei von dunklen Kacheln.