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Tennis-VideochatsWenn Tsitsipas plötzlich Bayrisch spricht

Um die Corona-Pause zu füllen, rief der deutsche Coach Christopher Kas einen Tennis-Videochat ins Leben. Da zeigt er die Cracks von einer anderen Seite.

Ein Mann mit vielen Projekten: Tenniscrack Stefanos Tsitsipas macht die Lizenz zum professionellen Fliegen von Drohnen.
Ein Mann mit vielen Projekten: Tenniscrack Stefanos Tsitsipas macht die Lizenz zum professionellen Fliegen von Drohnen.
Foto: Getty Images/EyeEm

«Stefanos, gehts dir gut?», fragt Christopher Kas. «Ja, freilich, mir gehts gut», sagt der. «Gerade eine Gaudi auf dem Tennisplatz gehabt, und jetzt eine kleine Chatrunde mit dir.» Stefanos Tsitispas strahlt nach seiner Premiere auf Bayrisch übers ganze Gesicht.

Der 21-Jährige, eine der schillerndsten Figuren des Tennis, ist für vieles zu haben. Natürlich waren die zwei Sätze eingeübt, doch die Aussprache des Griechen ist erstaunlich. «Ich arbeite weiter dran», verspricht er. Und jetzt also eine 40-minütige Chatrunde mit Kas, in der Tsitsipas (auf Englisch) unter anderem darüber spricht, dass er während der Corona-Pause Lektionen im professionellen Drohnenfliegen nimmt.

Kas mit Sprachtalent Tsitsipas. Der verspricht: «Ich arbeite noch an meinem Akzent.»
Video: Instagram tennisnetnews

«Mir ist langweilig, den anderen ist langweilig»

Der frühere Doppelspezialist Kas und heutige Coach des Deutschen Peter Gojowczyk und der Ukrainerin Kateryna Koslowa füllte die Leere, indem er einen Tennis-Livechat ins Leben rief. «Es entstand aus einer Laune heraus», sagt der 39-Jährige. «Mir ist langweilig, den anderen ist langweilig, also dachte ich, es wäre doch ganz interessant, sie etwas zu unterhalten.» Er fragte Alexander Antonitsch, ob er die Videos via die Kanäle von dessen Website tennisnet.com verbreiten könnte, und stiess beim Österreicher auf offene Ohren.

Dominic Thiem war schon früh dabei, der moderierte ihm einmal Tsitsipas an, worauf das eine zum anderen führte. Kas hat inzwischen schon viele prominente Exponenten vor dem Bildschirm gehabt. Nebst den Weltnummern 3 (Thiem) und 6 (Tsitsipas) auch Boris Becker, Marat Safin, Severin Lüthi, Marco Chiudinelli, Jewgeni Kafelnikow, Andreas Seppi, Jan-Lennard Struff, Tommy Haas, Nicolas Massu, Marcos Baghdatis, Barbara Schett, Sven Groeneveld oder weniger bekannte wie Gebhard Gritsch, den langjährigen Fitnesscoach von Novak Djokovic.

Gritsch war ab 2009 dabei, als die Karriere des Serben abzuheben begann. Der Österreicher erzählte eine Episode aus der Anfangszeit, als Djokovic in Peking neben Federer trainiert und kopfschüttelnd zu ihm gesagt habe: «Schau dir den an! Der Input ist so gering, der Output so riesig. Diese Effizienz ist der Wahnsinn!» Von da an hätten sie noch viel mehr mit der Biomechanik zu arbeiten begonnen. Für Djokovic sei das der Schlüssel gewesen, «denn der Unterschied zwischen Novak und Roger ist, dass Novak von seiner Grundausbildung her nicht die perfekte Technik hat stabilisieren können». Deshalb habe er dies anders kompensieren müssen. Mit der Balance, mit Rhythmus, der Fitness.

«Gute Vibes sind für mich wichtig. Ich bin nicht auf die schnelle Schlagzeile aus.»

Christopher Kas

Viele Offenbarungen

In den Gesprächen mit Kas offenbaren die Spieler, Ex-Spieler und Coachs noch etwas mehr als sonst, weil ihr Gegenüber selber auf der Tour ist, sich in der Materie gut auskennt. Und weil er eine gute Gesprächsatmosphäre schafft. «Gute Vibes sind für mich wichtig. Ich bin kein Journalist, ich bin ein Tennistrainer. Deshalb habe ich auch keinen journalistischen Anspruch. Ich bin nicht auf die schnelle Schlagzeile aus, ich will Vertrauen schaffen. Wenn ich merke, dass jemand im Gespräch falsch abbiegt, versuche ich, ihn zurückzuholen.»

Seinen Enthusiasmus habe er von seinem Vater mitbekommen, der als Radioreporter für den Bayerischen Hörfunk Fussball kommentiert. Die ersten vier Sendungen zeichnete er im Wohnzimmer auf, dann gab es Proteste seiner Familie, von der Frau, der zwölfjährigen Tochter und dem achtjährigen Sohn. Also zog er sich in die Abstellkammer zurück. «Da ist das Internet sowieso das beste», sagt er schmunzelnd. Das Hobby wuchs sich schon bald aus, schliesslich wollte er sich gut vorbereiten. Severin Lüthi wollte er nicht nur zu Federer befragen, sondern mit ihm auch über die neue Generation von jungen Schweizer Spielern reden.

Als das Coronavirus noch ganz weit weg war: Christopher Kas in Roland Garros 2019.
Als das Coronavirus noch ganz weit weg war: Christopher Kas in Roland Garros 2019.
Foto: Screenshot Instagram

Apropos Federer. Den könnten sich jene Spieler zum Vorbild nehmen, die nun jammern würden über die Corona-Pause, sagt Kas. «Ich sagte zu meinen Athleten, dass dies für sie auch eine Chance sei. Dass sie nun herunterfahren, ihre Verletzungen ganz ausheilen könnten. Fast alle haben Probleme mit der Schulter oder dem Ellbogen. Wer diese Pause richtig nützt, der kann vielleicht später zwei, drei Jahre länger spielen. Roger hat ja gezeigt, wie es geht.»

Kas schaut Woche für Woche, Monat für Monat

Aber natürlich ist Kas froh, dass die Courts nun wieder geöffnet sind, langsam etwas Normalität einkehrt. Am 25. Mai startet eine Turnierserie in Österreich, am 8. Juni in Deutschland. Gespielt wird ohne Zuschauer, Ballkids oder Linienrichter, die Felder sind gemischt, von Topcracks wie Thiem oder Struff bis zu Junioren. Kas ist mit Gojowczyk auch dabei, der Final findet in seinem Club statt, dem TC Grosshesselohe ausserhalb von München. Immerhin 300’000 Euro werden ausgeschüttet. Ähnliche Turnierserien sind in anderen Ländern geplant.

Aber ob in diesem Jahr nochmals internationale Turniere möglich sind, ist fraglich. «Wichtig ist, dass man nicht in Perspektivlosigkeit verfällt», sagt Kas. «Ich schaue Woche für Woche, Monat für Monat.» Was seine Videochats betrifft, so hat er nun eine kurze Pause eingelegt bis zum 25. Mai. Gerne würde er das Format weiterführen, zumal er noch hohe Ziele hat. Auch Federer schaute ihm einmal zu, als er den Südtiroler Seppi interviewte, der Maestro schaltete sich in den Kommentaren kurz ein. Falls der Federer mal Lust hätte, selber im Chat mitzuwirken, er würde versuchen, einen Termin zu finden, sagt Kas augenzwinkernd.