Zürich

Wenn «Normale» und andere zusammen zur Schule gehen

Schule Seit zehn Jahren gilt im Kanton Zürich: integrieren statt separieren. Kinder mit Behinderungen oder speziellen Bedürfnissen werden in normalen Klassen unterrichtet. Zwei Fachfrauen erzählen von ihren Erfahrungen.

Kinder mit besonderen Bedürfnissen gehen heute meistens in die normale Schule und werden dort regelmässig von einer Heilpädagogin unterstützt.

Kinder mit besonderen Bedürfnissen gehen heute meistens in die normale Schule und werden dort regelmässig von einer Heilpädagogin unterstützt. Bild: Keystone

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Melanie ist ein sonniges Kind. Sie ist immer fröhlich, springt herum und singt. Ihre Mitschüler haben das Mädchen mit Trisomie 21 gern. In derselben Klasse ist auch Robin. Der Junge weist autistische Züge auf. Er kann gut arbeiten, wenn die Regeln klar sind und eine ruhige Atmosphäre herrscht. Manchmal aber regt er sich plötzlich furchtbar auf, ohne dass seine Kameraden verstehen wieso. Ramon dagegen spielt gern Fussball und liebt es, im Mittelpunkt zu stehen. Wegen seines Aufmerksamkeitsdefizits mit Hyperaktivität (ADHS) hat er jedoch Mühe, still zu sitzen und sich zu konzentrieren. Die Lehrerin muss stets ein Auge auf ihn haben.

Die drei Beispiele von Kindern sind frei erfunden, jedoch nahe an der Wirklichkeit. In den meisten Schulklassen sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen integriert (siehe Box). Einem Grossteil sieht man ihre Schwierigkeiten nicht auf den ersten Blick an. Jungen und Mädchen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom oder Legasthenie gebe es in jeder Klasse durchschnittlich zwei bis drei, sagt Maya Mulle. Die Moderatorin und Organisationsentwicklerin hat selbst zwei Kinder grossgezogen und kann auf langjährige Erfahrungen mit integrativer Schulung zurückblicken.

Dielsdorf als Pionier

Vor zwanzig Jahren war Mulle an ihrem Wohnort in Dielsdorf als Schulpflegerin tätig. Obwohl das integrative Modell im Kanton Zürich damals noch nicht standardmässig eingeführt worden war, bewarben sich in der Unterländer Gemeinde diverse Lehrpersonen, die entsprechend arbeiten wollten. Zudem zeigten verschiedene Familien mit beeinträchtigten Kindern Interesse an einer Integration in die Volksschule. So sei es dazu gekommen, dass Dielsdorf in dieser Sache eine Vorreiterrolle einnahm, erzählte Mulle an ihrem Vortrag Ende Oktober im Winterthurer Schulhaus Wiesenstrasse.

«Viele Eltern von anderen Kindern waren besorgt um das Leistungsniveau und das Klassenklima», erzählt Mulle. Eine gute Kommunikation helfe, das Verständnis für die integrierten Kinder zu verbessern. Wenn etwa ein Kind von Lernzielen befreit ist und in einem oder mehreren Fächern keine Noten bekommt, werde das von den anderen schnell als ungerecht empfunden. Es sei wichtig, ihnen und ihren Eltern die Gründe zu erklären, führt Mulle aus. Ein Knackpunkt dabei ist jedoch der Datenschutz. Meistens gebe man keine konkreten Diagnosen bekannt, sagt Mulle. «Man kann die Schwierigkeiten umschreiben und erklären, wie die Lehrpersonen mit diesen Kindern arbeiten.»

Manchmal würden die Eltern von beeinträchtigten Kindern am Elternabend von sich aus noch etwas genauer informieren, ergänzt Christine Brack, die in Winterthur als schulische Heilpädagogin arbeitet. «Wenn es sich um eine sichtbare, körperliche Behinderung handelt, fällt es den Eltern meist leichter, dar­über zu sprechen.» Geht es um eine körperliche Behinderung, habe die Auseinandersetzung mit der Si­tua­tion bereits stattgefunden. Doch häufig würden sich Auffälligkeiten erst mit dem Eintritt in den Kindergarten allmählich manifestieren, sagt Brack. Die Eltern befinden sich dann noch in einem schmerzhaften Prozess und können nicht so gut über die aktuellen Schwierigkeiten reden.

Verständnis fördern

Um das Verständnis bei den Mitschülern zu fördern, sei der Klassenrat ein wunderbares Gefäss. Der Austausch über zwischenmenschliche Aspekte findet dort bereits im Kindergarten regelmässig statt. «Wir thematisieren mit den Kindern das Anderssein generell und kon­zen­trie­ren uns nicht auf die Defizite», betont die Heilpädagogin.

Die grosse Bandbreite an Fähigkeiten und Lernniveaus bedeutet für die Lehrpersonen eine grosse Herausforderung. Doch mit neuen Lernformen sei es möglich, alle Kinder teilhaben zu lassen, sagt Christine Brack. Wochenpläne zum Beispiel erlauben es, die Lernziele individuell zu gestalten. Zudem lernen die Kinder damit, selbstständig zu arbeiten.

Keine Lösung für alle

Bei aller Überzeugung für die integrative Schulung ist sich Maya Mulle aber auch deren Grenzen bewusst. Die Eltern seien meistens stark gefordert, weil sie ihr Kind beim Lernen unterstützen müssen. Nähert sich dann die Pubertät, wehren sich die Kinder manchmal gegen die enge Betreuung. Schwierig wird es auch, wenn behinderte Kinder wegen Krankheiten und Spitalaufenthalten immer wieder länger abwesend sind und danach den Anschluss nicht mehr finden. Oder wenn in der Familie weitere Belastungen wie etwa Scheidung, Alkoholprobleme oder Arbeitslosigkeit hinzukommen. Damit die Integration gelingen kann, brauche es ­geeignete und aufgeschlossene Lehrpersonen sowie kooperative Eltern. Damit ein behindertes Kind die Klasse nicht zu stark einschränkt, können Auszeiten in Sonderschulen hilfreich sein.

Nicht in jedem Fall sei die Schulung in der Regelklasse die beste aller Möglichkeiten, räumt Mulle ein. «Man sollte es ausprobieren, und wenn es nicht geht, nach einer besseren Lösung suchen.» Generell aber sei der Umgang mit Kameraden, die anders sind, für die «normalen» Kinder ein Gewinn, ist Maya Mulle überzeugt. «So lernen sie schon früh, mit speziellen Menschen umzugehen.»

(Landbote)

Erstellt: 08.11.2015, 21:13 Uhr

Geschichte der Integrativen Schulung

Alle Kinder profitieren von den Kenntnissen der Fachpersonen

Früher gab es an der Zürcher Volksschule diverse Kleinklassen, die verschiedene spezielle Bedürfnisse abdeckten. Kinder mit Lernschwierigkeiten wurden getrennt von solchen mit Verhaltensauffälligkeiten oder sprachlichen Defiziten unterrichtet. Mit dem Behinderten-Gleichstellungsgesetz aus dem Jahr 2002 wurde eine grundlegende Reform hin zur integrativen Schulung eingeleitet. Ziel war, die Stigmatisierung und Benachteiligung der betroffenen Kinder zu verhindern.

Mit der Einführung des neuen Volksschulgesetzes, das im Jahr 2005 in einer Volksabstimmung angenommen wurde, schafften die Schulgemeinden nach und nach die meisten Kleinklassen ab und integrierten die Schüler und Schülerinnen in normale Regelklassen. Auch einige Kinder aus Sonderschulen besuchten fortan die Volksschule. Die Lehrpersonen werden seither von schulischen Heilpädagogen mit einer Spezialausbildung unterstützt. Wie viele Stunden für integrative Förderung (IF) zur Verfügung stehen, hängt von der Anzahl Kinder ab, die in einer Klasse Förderungsbedarf haben. Die Heilpädagogen haben die Möglichkeit, sich Kindern im Klassenzimmer zu widmen oder sie in separaten Räumen getrennt von der Klasse zu unterrichten – in Kleingruppen oder einzeln. Ein Vorteil dieses Systems ist, dass auch als «normal» eingestufte Kinder punktuell von den Kenntnissen der Fachpersonen profitieren und Auffälligkeiten niederschwellig angegangen werden können.

Einige Schulgemeinden wie etwa Winterthur bilden sogenannte Integrationsklassen, in denen mehrere Kinder mit grösserem Förderungsbedarf oder einer Behinderung zusammengenommen werden. Durch diese Kon­zen­tra­tion können die betroffenen Kinder gemeinsam vom Spezialunterricht profitieren und es stehen mehr Kapazitäten vonseiten der Heilpädagogen zur Verfügung.

Kinder, die sich trotz dieser Bemühungen nicht in einer normalen Klasse unterrichten lassen, müssen weiterhin in Sonderschulen eingewiesen werden. Solche Massnahmen sind sehr teuer. Seit Einführung der integrierten Sonderschulung sind sie über den gesamten Kanton hinweg anzahlmässig stabil geblieben, während sie vorher stetig anstiegen. In Winterthur dagegen nahmen die Einweisungen weiterhin zu, weshalb die Stadt nun ein ­Konzept entwickelt hat, das die Kosten in Schach halten soll.

Die Meinungen darüber, ob das neue Modell ein Gewinn ist oder nicht, gehen auseinander. Während Kritiker von mehr Unruhe in den Klassenzimmern und Überforderung der Lehrpersonen sprechen, sind andere zufrieden. Gemäss Fachliteratur sind die Schulleistungen und Chancen der integrierten Kinder seither gestiegen, während bei den anderen der Lernerfolg nicht schlechter geworden ist.

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