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Playoff-HeldenWenn es drauf ankam, waren sie noch besser

Es ist nicht einfach, eine Top 10 aus 35 Jahren Playoff-Geschichte im Schweizer Eishockey zu erstellen. Wir haben es – rechtzeitig zum vermeintlichen Finalstart – dennoch getan.

Reto von Arx: Mr. Playoff

Der vierte von sechs Meistertiteln mit dem HCD: Reto von Arx präsentiert den Fans vor dem Rathaus in Davos den Pokal am 18. April 2009.
Der vierte von sechs Meistertiteln mit dem HCD: Reto von Arx präsentiert den Fans vor dem Rathaus in Davos den Pokal am 18. April 2009.
Arno Balzarini/Keystone

Sechs Meistertitel mit Davos im Best-of-7-Zeitalter, bei vier als unbestrittene Leader-Figur, einmal als treibende Kraft hinter den Lockout-Stars Thornton und Co. sowie ein letztes Mal in der finalen Saison der Karriere in kleinerer Rolle, aber dennoch als Schütze des Meistertors – etwas, das ihm dreimal (!) gelang: Reto von Arx ist der unbestrittene «Mr. Playoff» des Schweizer Eishockeys. Zwischen dem ersten und dem letzten Titel liegen 13 Jahre, kein anderer spielte so lange so dominant in allen möglichen Rollen: Spielmacher, Torschütze, Kämpfernatur, Center der Paradeformation, Spezialist in Power- und vor allem Boxplay.

Mikael Johansson: Viermal der Unterschied

Episches Duell: Slawa Bykow (links) dominierte mit  Fribourg-Gottéron oft nach Belieben, doch im Playoff-Final 1994 fand er mit Klotens Mikael Johansson seinen Meister – dieses Bild datiert vom 15. März 1994, aufgenommen beim 2. Spiel des Best-of-5-Finals.
Episches Duell: Slawa Bykow (links) dominierte mit Fribourg-Gottéron oft nach Belieben, doch im Playoff-Final 1994 fand er mit Klotens Mikael Johansson seinen Meister – dieses Bild datiert vom 15. März 1994, aufgenommen beim 2. Spiel des Best-of-5-Finals.
Keystone

Als dreifacher Meister, als Weltmeister und zweifacher Europacupsieger kam Mikael Johansson 1992 nach Kloten – mit ihm wurde alles anders. «Micke» machte bei den vier Titeln in Folge den Unterschied. Jedes Mal. Er setzte «mentale» Checks, er lancierte seine Flügelzange Felix Hollenstein/Roman Wäger. Und brillierte in den Finals gegen Fribourg (2), Zug und Bern. Keiner bot das bessere Gesamtpaket. Fribourgs Slawa Bykow war 1993/94 mit 32 Punkten bester Playoff-Skorer. Mit Fribourg aber verlor er die Finalserie gegen Kloten 1:3 und das Duell mit Johansson nach Skorerpunkten 5:8. Wenn es wichtig war, war der Schwede am besten.

Leonardo Genoni: Der Herr der ungeraden Jahre

Der erste von bislang fünf Meistertiteln in ungeraden Jahren: Leonardo Genoni (links) feiert mit Reto Berra den 2:1-Sieg von Davos im siebten Finalspiel in Kloten am 13. April 2009.
Der erste von bislang fünf Meistertiteln in ungeraden Jahren: Leonardo Genoni (links) feiert mit Reto Berra den 2:1-Sieg von Davos im siebten Finalspiel in Kloten am 13. April 2009.
Patrick B. Kraemer/Keystone

Selten war der Aufschrei im Schweizer Eishockey grösser als im August 2018 und der Bekanntgabe von Leonardo Genonis Wechsel auf das kommende Jahr von Meister Bern zu Herausforderer Zug, mit einem Fünfjahresvertrag. Der 32-Jährige ist einer der ganz wenigen Goalies, welche mit Fug und Recht als «Lebensversicherung» bezeichnet werden können, er führte Davos zu drei Meisterschaften und Bern zu zwei Titeln, beide gegen den EVZ übrigens. Bei den vier letzten Titeln sank seine Playoff-Fangquote nie unter 94,6 Prozent. Genoni holte übrigens alle Titel in ungeraden Jahren. In Zug freut man sich auf 2021.

Gaëtano Orlando: Mehr Wille als Talent

Kampfkraft: Im Spiel der Eishockey NLA des SC Bern gegen den EV Zug am Samstag, 15. November 1997, in Bern enteilt Gaëtano Orlando im SCB-Dress am 15. November 1997 in Bern dem Zuger Daniel Giger.
Kampfkraft: Im Spiel der Eishockey NLA des SC Bern gegen den EV Zug am Samstag, 15. November 1997, in Bern enteilt Gaëtano Orlando im SCB-Dress am 15. November 1997 in Bern dem Zuger Daniel Giger.
Alessandro della Valle/Keystone

Er war Antreiber und Aggressivleader, Punktegarant und Provokateur. Im Treibhausklima Playoff fühlte sich Gaëtano «Gates» Orlando am wohlsten. Der Italokanadier führte Bern 1997 und Lugano 1999 zur Meisterschaft – dazwischen verhalf er Langnau bei seiner Stippvisite (4 Partien, 5 Punkte) zum Aufstieg. Unlängst sagte Orlando mit einem Schmunzeln: «Einige meinten zwar, ich hätte spielerische Fähigkeiten gehabt. Aber der Arbeitswille übertraf das Talent bei weitem. Deshalb machte wohl mein Herz nach der Karriere schlapp.» Längst lebt Orlando (57) mit einem Spenderherz. Er arbeitet als Scout für die New Jersey Devils.

Ari Sulander: Die finnische Mauer

Der Abschied eines Grossen: Ari Sulanders letzte Partie ist das Meisterspiel der ZSC Lions in Bern mit dem 2:1-Sieg am 17. April 2012, das er nur noch als Lukas Flüelers Ersatzmann bestritt.
Der Abschied eines Grossen: Ari Sulanders letzte Partie ist das Meisterspiel der ZSC Lions in Bern mit dem 2:1-Sieg am 17. April 2012, das er nur noch als Lukas Flüelers Ersatzmann bestritt.
Keystone

Er führte den ZSC im Jahr 2000 zum ersten Titel seit 39 Jahren und war in vier Zürcher Meisterteams dabei – zum Abschied 2012 indes nur noch als Nummer 2 hinter Lukas Flüeler. Die Beharrlichkeit und mentale Stärke von Ari Sulander war die Basis dafür, dass die Lions im neuen Jahrtausend zu einem Erfolgsverein wurden. Und im Playoff war der Finne Sulander noch stärker als sonst, liess er sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Wenn er einmal ein «dummes» Tor erhalten hatte, war er danach praktisch unbezwingbar. Seine Ruhe und Stabilität übertrugen sich auf die Mitspieler. Zudem bewährte er sich als Jasspartner im Bus.

Felix Hollenstein: Viele wichtige Tore

Viermal Schweizer Meister mit Kloten: Und das, was Felix Hollenstein hier am 20. März 1994 nach einem 6:4-Heimsieg gegen Fribourg-Gottéron in den Händen hält, war damals tatsächlich der Pokal für den NLA-Champion.
Viermal Schweizer Meister mit Kloten: Und das, was Felix Hollenstein hier am 20. März 1994 nach einem 6:4-Heimsieg gegen Fribourg-Gottéron in den Händen hält, war damals tatsächlich der Pokal für den NLA-Champion.
Keystone

Reto von Arx und Ivo Rüthemann weisen mehr Playoff-Skorerpunkte auf als der Meistercaptain Klotens, sie absolvierten aber mehr Spiele. Kein Schweizer kommt auf den besseren Schnitt als Hollenstein. Seine 0,96 Punkte pro Playoff-Match stehen über Reto von Arxens 0,76 oder Ivo Rüthemanns 0,66. Hollenstein war der Captain mit dem unbedingten Siegeswillen, Sohn Denis erlebte das damals quasi als «Maskottchen» in der Garderobe mit. Hollenstein schoss eminent viele wichtige Tore. Eines der ersten war das 2:2 auswärts in der Halbfinalserie von 1993 gegen Lugano, in der Kloten 0:1 zurücklag. Kloten holte den ersten von vier Titeln in Folge.

Renato Tosio: Musterprofi und Showman zugleich

Er wird von den Fans auf Händen getragen: Der Churer SCB-Goalie Renato Tosio nach dem Gewinn des Meistertitels am 11. April 1992 dank eines 4:1-Siegs im alles entscheidenden Spiel 5 bei Fribourg-Gottéron.
Er wird von den Fans auf Händen getragen: Der Churer SCB-Goalie Renato Tosio nach dem Gewinn des Meistertitels am 11. April 1992 dank eines 4:1-Siegs im alles entscheidenden Spiel 5 bei Fribourg-Gottéron.
Edi Engeler/Keystone

Als er kam, sagte ihm der Materialwart des SC Bern: «Büebli, dich habe ich gehasst!» Als er ging, war das für tout Berne ein Stich ins Herz. Renato Tosio hatte 1986 in den Aufstiegsspielen als Torhüter bei Chur den SCB zur Verzweiflung getrieben. Danach wechselte er in die Hauptstadt, avancierte zum Leistungsträger und Publikumsliebling. Der Bündner beendete die Phalanx des «Grande Lugano», war die grosse Figur bei vier Meistertiteln, blieb 14 Jahre lang und verpasste keine einzige Partie. Tosio war Musterprofi und Showman zugleich. Er zelebrierte gar das Sommertraining und erzählt noch heute genüsslich, wie er im Nationalteam die Konkurrenten Anken und Bucher im 12-Minuten-Lauf «abtrocknete». Mittlerweile 55, ist Tosio Manager beim Golfclub Domat/Ems.

Beat Forster: Lieber im eigenen Team als beim Gegner

Meistertitel Nummer 6: Beat Forster und der Pokal (oder was während der Feier davon übrig blieb …) nach einem 3:0-Sieg mit dem HC Davos im fünften Finalspiel im Hallenstadion am 11. April 2015.
Meistertitel Nummer 6: Beat Forster und der Pokal (oder was während der Feier davon übrig blieb …) nach einem 3:0-Sieg mit dem HC Davos im fünften Finalspiel im Hallenstadion am 11. April 2015.
Patrick B. Kraemer/Keystone

Beat Forster ist der Prototyp des Spielers, den man nicht nur, aber vor allem in einem entscheidenden Playoff-Spiel lieber in den eigenen Reihen als beim Gegner weiss. Er wäre gut, stark und in seinem Spiel böse genug für eine gute NHL-Karriere gewesen, Nordamerika interessierte den eigenwilligen Appenzeller indes nie. So wurde er halt in der Schweiz sechsmal Meister, fünfmal mit Davos, einmal mit dem ZSC. Seine Kombination von Ruhe am Puck und physischer Einschüchterung vor dem eigenen Tor ohne Puck machten Forster in seinen besten Jahren zum idealen Abwehrchef in stürmischen und wilden Playoff-Schlachten.

Kent Johansson: Der Begründer des «Grande Lugano»

Der Pokal war seither auch schon grösser: Kent Johansson stemmt ihn am 5. April 1988 nach dem 4:3-Overtime-Sieg Luganos in der Resega gegen Kloten im dritten und letzten Spiel der Best-of-5-Serie.
Der Pokal war seither auch schon grösser: Kent Johansson stemmt ihn am 5. April 1988 nach dem 4:3-Overtime-Sieg Luganos in der Resega gegen Kloten im dritten und letzten Spiel der Best-of-5-Serie.
Keystone

Zeitgleich mit Landsmann John Slettvoll war Kent Johansson 1983 nach Lugano gekommen, und als dessen verlängerter Arm begründete er die Dynastie des «Grande Lugano». Spektakelmacher sowie Publikumsliebling zugleich, machte «Kenta» sich unsterblich, als er am 1. März 1986 im Jahr des ersten Playoffs im letzten Finalspiel in Davos nach einem 2:4-Rückstand vier Tore erzielte, am Schluss stand es 7:5. Die erste Meisterschaft Luganos war Auftakt zu seltener Dominanz: Johansson stand auch am Ursprung der Titel in den beiden nächsten Jahren und realisierte in vier Playoffs in 27 Spielen 58 Skorerpunkte.

Rolf Schrepfer: Der Provokateur

Auf dem Weg zum ersten Meistertitel mit den ZSC Lions: Mit blau-weiss-rotem Bart feiert Rolf Schrepfer seinen 2:0-Treffer gegen Lugano im vierten vom am Ende sechs Finalspielen am 28. März 2000 im Hallenstadion.
Auf dem Weg zum ersten Meistertitel mit den ZSC Lions: Mit blau-weiss-rotem Bart feiert Rolf Schrepfer seinen 2:0-Treffer gegen Lugano im vierten vom am Ende sechs Finalspielen am 28. März 2000 im Hallenstadion.
Michele Limina/Keystone

Kaum einer ging den Gegnern unter die Haut – oder auf die Nerven – wie der kantige Flügel aus der Ostschweiz. In den Finals 2000 und 2001 trieb er, damals im ZSC-Dress, Luganos Philippe Bozon zur Weissglut und zu dummen Strafen. 2004 bewies er seinen Wert als Playoff-Spezialist für den SC Bern. Er konnte nicht nur hart spielen, sondern wählte zum richtigen Zeitpunkt auch die richtigen Worte, um seine Widersacher emotional zu destabilisieren. Nie habe er aber in die unterste Schublade gegriffen und behauptet, er habe eine Liaison mit der Freundin oder Frau des Gegenübers gehabt, schwört er.

Alles richtig? Oder alles falsch?

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(jch, kk, mke, rek, sg )