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Bürgerkrieg in ÄthiopienWegen dieses Mannes droht das Land zu implodieren

Debretsion Gebremichael kandidierte erfolglos als Ministerpräsident, jetzt kämpft er gegen die Regierung – und setzt damit die Zukunft Äthiopiens aufs Spiel.

Erzrivale des äthiopischen Staatschefs Abiy Ahmed: Debretsion Gebremichael.
Erzrivale des äthiopischen Staatschefs Abiy Ahmed: Debretsion Gebremichael.
Foto: Tiksa Negeri (Reuters) 

Am Ende war nicht sicher, ob eine der zwei Stimmen, die Debretsion Gebremichael bei der Wahl des Ministerpräsidenten von Äthiopien bekommen hatte, nicht von ihm selber stammte. Genau 1,11 Prozent von 180 Mitgliedern hatte für Debretsion gestimmt, als das Exekutivkomitee der Einheitspartei mit grosser Mehrheit seinen Konkurrenten Abiy Ahmed wählte. Vielleicht würden die Dinge heute anders liegen, wenn Debretsion wenigstens ein paar Stimmen mehr bekommen hätte, der Gesichtsverlust des grossen alten Freiheitskämpfers weniger gross gewesen wäre. «Du bist zu unreif. Du bist nicht der richtige Kandidat», hatte der heute 70-jährige Debretsion dem fast drei Jahrzehnte jüngeren Ministerpräsidenten Abiy schon damals zugeraunt.

Zwei Jahre nach der Wahl stehen sich die beiden Konkurrenten wieder gegenüber, diesmal auf dem Schlachtfeld. Es geht nicht mehr darum, wer Ministerpräsident des Landes mit 110 Millionen Einwohnern wird, sondern, ob es das Land in dieser Form überhaupt noch geben wird. Ob Äthiopien als Einheit erhalten bleibt oder implodiert wie einst Jugoslawien. Seit drei Wochen bekämpfen sich die Truppen von Abiy und Debretsion, ein Krieg mit bisher mehreren Hundert Toten und Zehntausenden Flüchtlingen.

Er gehörte lange zur Elite

Äthiopien ist eine ethnische Föderation, die grössten der mehr als 80 Volksgruppen sind auf zehn Regionen verteilt, mit weitreichender Selbstbestimmung. Zumindest auf dem Papier. In der Realität hatte die kleine Gruppe der Tigray, die nur fünf Prozent der Bevölkerung ausmacht, fast drei Jahrzehnte lang das Sagen in Politik und Wirtschaft. Auch Debretsion gehörte lange zu dieser Elite, die ihren Sonderstatus damit begründete, dass seit jeher in der Region im Norden jeder Eindringling zurückgeschlagen wurde. Erst bissen sich die Italiener an Äthiopien die Zähne aus, das sich als einziges Land Afrikas jeder Kolonialisierung erwehrte. Dann kämpften die Tigray 17 Jahre lang gegen die brutale kommunistische Diktatur, die Millionen Äthiopier das Leben kostete.

Debretsion und die anderen Freiheitskämpfer lebten viele Jahre lang in den Höhlen des Hochgebirges, überzeugt vom Kampf, enttäuscht vom Rest der Welt, der sie im Stich gelassen habe. Sie bauten sich ihre eigene Ideologie zurecht, die keinen Widerspruch kannte, schon allein deshalb, weil niemand sich dafür interessierte. Debretsion hatte schon in der Schule mit Elektroschrott gebastelt, aus scheinbar nichts funktionierende Glühbirnen hergestellt. Im Widerstand tüftelte er an Apparaten, um die Funksender des Militärs zu stören.

Aus Befreiern wurden Unterdrücker

Auf Panzern rollten die Partisanen 1991 schliesslich in die Hauptstadt Addis Abeba ein, sie begannen, das Land nach dem Vorbild Chinas zu modernisieren, mit gewaltigen Infrastrukturprojekten, Gewerbeparks und Flughäfen. Das Wirtschaftswachstum war enorm. Debretsion und seine Leute tauschten die Kampfuniform gegen Anzüge, aber darunter hielt sich das Höhlendenken: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Aus Befreiern wurden Unterdrücker, aus der Volksbefreiungsfront (TPLF) von Tigray eine Clique von korrupten Autokraten. Viele Jahre demonstrierten Hunderttausende Äthiopier für mehr Wandel und Chancen.

Die Einheitspartei machte deshalb Abiy Ahmed zum ersten Ministerpräsidenten aus der Volksgruppe der Oromo. Er will die Vorherrschaft der Tigray beenden. Sein Gegenspieler Debretsion, der es vom Partisanen-Funker zum Telekommunikationsminister geschafft hatte, zog sich in die Hochebene von Tigray zurück und tat das, was er am besten konnte: Er griff zum Gewehr, befahl seinen Kämpfern, die Bundesarmee anzugreifen. Seitdem schiessen Äthiopier auf Äthiopier. Bis Mittwoch hat Abiy nun Debretsion Zeit gegeben, um zu kapitulieren. Der wiederum hat die alten Parolen aus dem Freiheitskampf ausgepackt: «Das Volk der Tigray wird sich niemals vor Eindringlingen beugen.»

3 Kommentare
    Wolfgang Blanck

    Höhlendenken und entsprechendes Verhalten von Stammesführern ist in Afrika noch weit verbreitet und zwingt Paradoxerweise einen Friedensnobelpreisträger zu den Waffen zu den Waffen zu greifen, was im Endeffekt ausser zu vielen Toten zu nichts führt. Da helfen nur Aufteilungen der "Reviere" der verfeindeten Ethnien, um das Schlimmste zu verhindern.