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Wasserstoff am Wendepunkt?

Mit einem 24-Stunden-Rallye mit Brennstoffzellenautos wirbt die Wasserstoffbranche für den CO₂-neutralen Energieträger. Kommt dieser nun endlich in Fahrt?

17 Teams und ein Ziel: Werbung für die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie.
17 Teams und ein Ziel: Werbung für die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie.
Foto: PD

Es sieht aus, als wäre der Worst Case eingetreten: An der Tankstelle in Hunzenschwil klemmt der Stutzen. Das Wasserstoffauto ist vollgetankt, aber blockiert. Es könnte das Ende sein für das Schweizer Team Avenergy und seine Ambitionen.

Es ist Tag zwei des 24-Hour-Hydrogen-Rallys, das am Montag in Konstanz gestartet wurde und in Anlehnung an das Rennen in Le Mans einen vollen Tag dauert. Ziel ist Stuttgart, wo im Anschluss mit der “f-cell” eine Fachtagung stattfindet. Aber natürlich geht es bei der Wettfahrt um etwas anders, um eine Botschaft: dass Wasserstoff im Alltag angekommen ist.

17 Teams haben sich zum Start gemeldet, sie kommen aus Mittel- und Nordeuropa – und aus der Branche. Die längste Anreise hatten die Schweden. Die kürzeste die Österreicher, deren Bundesländer Vorarlberg und Tirol von den deutschen Behörden just am Wochenende auf die Quarantäneliste gesetzt wurden. Sie fahren eine Route im eigenen Land. Egal. Die Rennregeln sind offen, es geht ums Feeling und darum, möglichst alles in den sozialen Medien abzubilden.

Eine Achse durch die Schweiz

An der Tankstelle in Hunzenschwil rüttelt schliesslich ein Konkurrent am Stutzen. Mit Erfolg. Sonst wäre auch er liegen geblieben. Denn dicht ist das Netz der Wasserstofftankstellen nicht. Hunzenschwil ist die älteste öffentliche Anlage in der Schweiz. Bis Ende 2020 sollen fünf weitere hinzukommen, entlang der Achse von St. Gallen bis Lausanne. Ausgerichtet ist das Netz auf den Schwerverkehr, denn dort spielt sich, wenn überhaupt, der Wandel ab. Als erstes Unternehmen hat Hyundai kürzlich in der Schweiz einen Wasserstoff-LKW lanciert.

Rentabel ist Wasserstoff für die Tankstellenbetreiber nicht. Noch nicht, wie Martin Osterwalder sagt, Unternehmer in sechster Generation. Mit seinem Bruder betreibt er in der Ostschweiz rund 100 Avia-Tankstellen. In der Stadt St. Gallen hat er eine mit Wasserstofftanks ausgerüstet, also ist auch sie auf dem Ralley ein Etappenziel. Die Investitionen seien hoch, sagt er. Die Nachfrage ist zumindest wachsend. Alles, scheint es, hat noch Versuchscharakter. Die Mineralölbranche tastet sich an ihre Zukunft heran. Avenergy, der Sponsor des begleiteten Teams, vertritt die Interessen von Firmen wie BP, Shell oder Tamoil. Von Öl ist bei der früheren Erdöl-Vereinigung nicht mehr die Rede, dafür von «flüssigen Brenn- und Treibstoffen». Es ist das Vokabular einer Branche, die politisch immer stärker unter Druck gerät und dabei ist, sich neu zu finden.

Überschüsse aus Wind und Sonne

An dem Rallye ist der Glaube ans Potenzial des Wasserstoffs ungebrochen. Selbst bei einem Pionier wie Peter Sauber, der sich schon seit zwei Jahrzehnten um den Durchbruch bemüht. «Jetzt geht es wirklich los», sagt der Organisator der Fachtagung «f-cell» und Namensvetter des früheren Schweizer Formel-1-Unternehmers. Die deutsche Bundesregierung will Milliarden in Wasserstofftechnologien investieren. Der Grund ist handfest: Mit seinen Wind- und Solaranlagen muss Deutschland mit hohen Energiespitzen klarkommen, und das ohne Pumpspeicherkraftwerke. Wasserstoff bietet sich als Speicher der Überschussenergie an.

Auch im Schwerverkehr und in der Stahlindustrie nehmen die Anwendungen zu. Überall wo grosse Energiemengen nötig sind. Im mobilen Sektor sei Wasserstoff desto sinnvoller, je grösser das Fahrzeug sei, sagt Sauber. Aber auch in Personenwagen sei der Antrieb leistungsfähig und die Reichweite mit 600 bis 700 Kilometern besser als bei den Batteriefahrzeugen. Ein Problem sind der Wirkungsgrad und der Preis. Aber auch das kleine Angebot. Hyundai Nexo und Toyota Mirai sind die einzigen verfügbaren Modelle, Mercedes-Benz hat seinen GLC F-Cell eingestellt.

80 Fahrzeuge in der Schweiz

Trotz grosszügigen Zuschüssen sind in Deutschland erst 650 Brennstoffzellenfahrzeuge angemeldet, wie ein Vertreter der Nationalen Organisation Wasserstoff, kurz NOW, am Rande des Rallyes sagt. «Über Förderung kommt man nicht in den Massenmarkt.» Es brauche regulatorische Massnahmen. «Die Gesellschaft muss entscheiden, ob sie die schmutzige Energie etwas verteuern will, um die andere zu fördern.» In der Schweiz sind die Zahlen noch ernüchternder: Laut dem Bundesamt für Strassen sind derzeit 79 Wasserstoffautos unterwegs.

Von den 17 Teams rollen am Dienstag 16 pünktlich in Stuttgart durchs Ziel, eines mit Verspätung. Das Team Avenergy hat 800 Kilometer zurückgelegt. Zu wenig für einen Spitzenplatz. Andere sind die Nacht durchgefahren, teils bis nach Polen, und haben sich die Finger wund gepostet. Die Resonanz in den sozialen Medien bleibt noch bescheiden. Die Organisatoren wurmt das nicht, sie haben einen langen Atem. Die Zahl der Teams habe sich seit dem letzten Jahr verdreifacht, sagen sie. So soll es weitergehen.

9 Kommentare
    Jürgen Baumann

    Ein Fahrzeug mit Brennstoffzelle ist eigentlich eine Art Hybrid. Ohne den batterieelektrischen Teil kann es gar nicht vernünftig betrieben werden, da die Brennstoffzelle sehr träge auf Anforderungen zu mehr Leistung reagiert. Das sieht eher so aus, als ob die Brennstoffzelle eine Art "Range Extender" ist. Allerdings eine recht teure und dazu über die gesamte Kette gesehen auch noch ziemlich ineffiziente. Um nämlich den Wasserstoff für einen Kilometer Fahrt mit dem Brennstoffzellen-Fahrzeug zu produzieren braucht man genauso viel Energie wie für acht Kilometer mit dem Elektroauto. (SRU Gutachten Seite 81 ff).

    Einer der Knackpunkte der Technik ist das entstehende Wasser. Das muss aus der Brennstoffzelle unbedingt sicher raus. Es soll ja durchaus Gegenden geben, in den strenger zweistelliger Frost nichts ungewöhnliches ist.

    Wasserstoff ist ein toller Energiespeicher und geradezu prädestiniert für stationäre Anwendungen in der Industrie (Stahl, Zement). Aber ist der Mobilität wird es allein aus Kostengründen ein Exot bleiben.