Zum Hauptinhalt springen

Analyse zu den US-WahlenWas trotz Hochrechnungen gegen Biden spricht

Amerikas Wahlforscher sind vorsichtiger geworden in den Prognosen. 2016 lagen sie komplett daneben. Warum das 2020 auch passieren könnte.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden kann sich im Wahlkampf noch nicht ausruhen. Kürzlich besuchte er den umkämpften Swing State Florida.
Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden kann sich im Wahlkampf noch nicht ausruhen. Kürzlich besuchte er den umkämpften Swing State Florida.
Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewinnt? Amerikas Meinungsforscher haben derzeit viele Antworten auf diese Frage. Manche davon sind absurd, sie geben dem Demokraten eine Siegeschance von 99,5 Prozent. Manche sind vorsichtiger und beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass Biden gewinnt, eher auf 75 Prozent. Wäre das so, dann könnten die Kandidaten dem Land die letzten Wahlkampfwochen, die elend zu werden versprechen, ersparen.

Die Lage ist nicht eindeutig

Aber ist die Lage tatsächlich so eindeutig? Natürlich nicht. Man muss sich nur an den Herbst 2016 erinnern, an all die schicken Grafiken, in denen ebenfalls angeblich ganz zweifelsfrei bewiesen wurde, dass die Demokratin Hillary Clinton die Wahl gewinnen und Donald Trump ganz bestimmt verlieren würde. Auch damals wurden die Chancen auf Sieg und Niederlage bis aufs Zehntelprozent angegeben.

Aber die Umfragedaten, auf denen diese Prognosen beruhten, waren eben falsch. Am Wahltag waren es dann genau diese paar Zehntelprozentpunkte, die Trumps Vorsprung in drei wichtigen Bundesstaaten ausmachten und ihm die Präsidentschaft brachten.

Drei mögliche Szenarien

Es ist nicht schwer, sich für dieses Jahr einen ähnlich überraschenden Ausgang vorzustellen. Bidens Vorsprung mag in den Umfragen solide aussehen, in Wahrheit ist seine Führung wackelig. Wie wackelig, das zeigen drei Szenarien. Zwei davon sind sehr erfreulich für Biden, das dritte hingegen ist sein Albtraum.

Erstens: Sollte Biden in allen Bundesstaaten siegen, in denen er in den Umfragen derzeit vor Trump liegt, egal wie knapp, dann würde ihm das gut 350 Stimmen im Electoral College einbringen – weit mehr als die 270 Stimmen, die er braucht, um Präsident zu werden.

Zweitens: Selbst wenn Biden nur jene Staaten gewänne, in denen er mit mehr als drei Prozentpunkten führt, bekäme er immer noch gut 290 Wahlmännerstimmen.

Wenn allerdings – das dritte Szenario – die Umfragen dieses Jahr die gleichen Fehlermargen haben wie 2016, dann würde Biden nur 260 Stimmen im Electoral College zusammenbekommen. Trump hingegen hätte 278 Stimmen und bliebe Präsident.

Eine Mehrheit der Amerikaner hat Trump zwar satt, aber seine Anhänger haben viel Energie und Begeisterung für ihn.

Anders gesagt: Die Erwartung, dass Biden gewinnt, speist sich vor allem aus der Annahme, dass die Meinungsforscher die methodischen Fehler korrigiert haben, die ihnen vor vier Jahren unterlaufen sind. Das kann man hoffen, vielleicht sogar annehmen. Garantiert ist es nicht.

Für den Ausgang einer Wahl ist weniger entscheidend, was die Wähler über den einen oder anderen Kandidaten denken. Entscheidend ist, wem sie ihre Stimme geben. Eine Mehrheit der Amerikaner hat Trump zwar satt, sie wollen nicht mehr mit Lügen überhäuft werden, sie haben Angst vor dem Chaos, das der Präsident anrichtet. Aber Bidens gesamter Wahlkampf besteht im Moment darin, irgendwo im Internet Kommentare zu diesem Chaos abzugeben. Man kann sich über die Bootsparaden für Trump und dessen Auftritte in Flughafenhangars lustig machen. Aber man kann daran auch ablesen, wie viel Energie und Begeisterung Trumps Anhänger haben. Das wird sich am Wahltag für Trump auszahlen.

Trump motiviert seine Gegner mindestens so sehr wie seine Fans.

Vielleicht reicht es nicht, um Biden zu schlagen, denn Trump motiviert seine Gegner mindestens so sehr, zur Wahl zu gehen, wie seine Fans. Aber vielleicht reicht es eben doch. 2016 hat gezeigt: Es genügen ein paar Zehntelprozente.

32 Kommentare
    P. Muggli

    Biden ergeht es wie Schweizer Volksinitiativen die zu Beginn hohe Zustimmung haben dann aber bei näherem hinsehen sich als ideologisch geprägte Mogelpackungen erweisen und bachab gehen. Trump wird wieder gewählt.