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5 Antworten zur Corona-ImpfungWas man über die beiden Impfstoffe weiss

Zwei neuartige Vakzine sollen zu 90 Prozent oder mehr vor einer Covid-19-Erkrankung schützen. Was bedeuten diese Daten? Und welche Fragen sind noch offen?

Eine brasilianische Gesundheits-Mitarbeiterin erhält im Rahmen einer klinischen Studie eine Impfung gegen Covid-19.
Eine brasilianische Gesundheits-Mitarbeiterin erhält im Rahmen einer klinischen Studie eine Impfung gegen Covid-19.
Foto: AFP

Endlich mal gute Nachrichten zum Thema Corona! Das dachten die meisten, als letzte Woche die Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer bekannt gaben, dass ihr neuartiger Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus zu 90 Prozent wirkt. Noch mehr Good News dann diese Woche, als das US-Unternehmen Moderna vermeldete, ihr Impfstoff wirke noch einen Tick besser.

Ist nun Euphorie angesagt? «Das ist eine positive Nachricht», sagt Christoph Berger, Infektiologe am Universitäts-Kinderspital Zürich. «Aber im Moment ist sie eine Trendmeldung, vergleichbar einer Wetterprognose.» Nun müssten zunächst die Studien abgeschlossen und die Daten geprüft und in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Erst dann könne man Genaueres dazu sagen. Es sind also noch viele Fragen offen. Wir schauen auf die wichtigsten Punkte.

Was weiss man bisher über die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna?

Der Impfstoff von Moderna zeigte in einer ersten Zwischenauswertung eine Wirksamkeit von 94 Prozent.
Der Impfstoff von Moderna zeigte in einer ersten Zwischenauswertung eine Wirksamkeit von 94 Prozent.
Foto: Reuters

Die beiden Impfstoffe basieren auf der gleichen Technologie und gehören mit zu den ersten, die seit Juli 2020 in grossen klinischen Studien mit mehreren Zehntausend Probanden getestet werden. Für beide Impfstoffe liegen zudem seit kurzem erste Zwischenergebnisse aus diesen klinischen Studien vor, die allerdings mit Vorsicht zu geniessen sind. Denn bislang basieren alle Informationen nur auf Pressemitteilungen der beteiligten Unternehmen und nicht auf von Experten begutachteten Studien.

So vermeldeten Biontech und Pfizer letzte Woche, dass ihr Impfstoff zu 90 Prozent wirksam sei, dass also neun von zehn Geimpften nicht erkranken, wenn sie mit dem Virus in Kontakt kommen. Keine Angaben machten die beiden Firmen zu möglichen schweren Verläufen bei den Geimpften und zur Altersverteilung der erkrankten Probanden.

Moderna kündigte ihre Zwischenergebnisse genau eine Woche später an. Und siehe da, die US-Firma ging dabei auch auf zentrale Fragen und Kritikpunkte ein, die bei der Biontech/Pfizer-Ankündigung auftauchten. So hatten von den 95 Probanden, die im Rahmen der Moderna-Studie bislang erkrankten, 11 einen schweren Verlauf – sie alle erhielten die Placebo-Impfung ohne Wirkstoff. Von den mit dem wahren Impfstoff Behandelten erkrankten nur fünf Probanden, alle leicht. Zudem machte Moderna auch Angaben zur Altersverteilung der Erkrankten und zu deren Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen.

Die beiden Impfstoffe sollen eine Wirksamkeit von 90 Prozent oder mehr haben. Was bedeutet das genau?

Sie waren die Ersten, die Zwischenresultate aus einer grossen klinischen Studie präsentierten: Die Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer.
Sie waren die Ersten, die Zwischenresultate aus einer grossen klinischen Studie präsentierten: Die Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer.
Foto: Reuters

Fast kein Impfstoff bietet einen hundertprozentigen Schutz. Sehr gut schneidet etwa der Masern-Impfstoff ab, der nach zwei Injektionen zu mindestens 97 Prozent schützt. Deutlich weniger effektiv ist zum Beispiel die jährliche Grippe-Impfung. Sie schwankt in ihrer Wirksamkeit von etwa 40 bis 75 Prozent, weil schon Monate im Voraus festgelegt werden muss, gegen welche Stämme des sich rasch verändernden Influenzavirus die Impfung wirken soll, und weil die tatsächlich kursierenden Stämme dann oft nicht genau denen entsprechen, die im Impfstoff berücksichtigt sind. Zudem wirkt die Grippeimpfung oft bei jenen Personen am schlechtesten, die sie am besten gebrauchen könnten: den Senioren.

Für den Corona-Impfstoff haben Experten eine Wirksamkeit von 60 bis 70 Prozent erhofft. Dass die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna nun deutlich wirksamer sein sollen – nochmals: es sind erst vorläufige Daten –, kam für viele überraschend.

Anhand der etwas detaillierteren Angaben von Moderna lässt sich nachvollziehen, wie das Biotech-Unternehmen auf die angegebene Wirksamkeit von 94,5 Prozent gekommen ist. Laut der Pressemitteilung sind von allen rund 30’000 Probanden der grossen klinischen Studie 95 Menschen zwei Wochen oder später, nachdem sie die zweite Spritze bekommen hatten, an Covid-19 erkrankt. 90 von ihnen erhielten vorgängig die Schein-Impfung (Placebo), fünf den Impfstoff. Würde die Impfung gar nicht wirken, hätten auch 90 Probanden aus der zweiten Gruppe an Covid-19 erkranken müssen (weil beide Gruppen gleich gross waren). Offenbar waren nun aber 85 der theoretisch 90 möglichen Erkrankten dank der Impfung geschützt, das ergibt dann die angegebenen 94,5 Prozent.

Viele Fragen sind hier aber noch offen: So ist der Beobachtungszeitraum bei beiden Impfstoffen noch sehr kurz. Daher ist es auch möglich, dass sich die Wirksamkeitszahlen künftig noch verschlechtern könnten. Zudem ist auch unklar, wie lange der Impfschutz anhalten wird. Antworten darauf werden wir erst in einem halben Jahr oder noch später kennen. Die Moderna-Studie läuft offiziell bis Oktober 2022.

Warum brauchen andere Impfstudien viel länger?

Die Entwicklung eines Impfstoffs verläuft so rasend schnell, weil viele Entwicklungsprozesse, wie hier in einem Labor von Moderna, parallel liefen.
Die Entwicklung eines Impfstoffs verläuft so rasend schnell, weil viele Entwicklungsprozesse, wie hier in einem Labor von Moderna, parallel liefen.
Foto: Reuters

Erst einmal sei die Entwicklung des Corona-Impfstoffes ungewöhnlich schnell gegangen, sagt Christoph Berger. Das Sars-CoV-2 Virus ist erst im Januar genau beschrieben worden, und gleich darauf haben zahlreiche Firmen begonnen, einen Impfstoff zu entwickeln. Hinzu kommt, dass viele Firmen staatliche Gelder bekommen haben und dass einige Entwicklungsprozesse parallel liefen. Bei dem Moderna-Impfstoff waren beispielsweise die Tierversuche noch nicht abgeschlossen, als die ersten Verträglichkeitsstudien am Menschen begannen. Die erste Testperson liess sich medienwirksam bereits am 16. März die Vakzine spritzen.

Dass die grossen Corona-Impfstoff-Studien so schnell erste Wirksamkeitsdaten liefern, hat aber auch mit einer unerfreulichen Tatsache zu tun: nämlich, dass in den Ländern, wo diese Studien laufen, also in den USA oder Brasilien, das Coronavirus derzeit nahezu ungehemmt wütet. Deshalb haben sich in der doch sehr kurzen Zeit seit der Impfung auch schon etliche Probanden, die den Impfstoff oder ein Placebo erhalten haben, im normalen Alltag mit Sars-CoV-2 angesteckt. Und nur, wenn sich viele Testpersonen auch anstecken, kann man herausfinden, ob der Impfstoff tatsächlich tut, was man sich von ihm erhofft.

In Ländern wie Neuseeland oder Japan, wo das Virus sich derzeit kaum ausbreitet, würden solche Studien viel länger dauern. Generell gilt: Die finale klinische Erprobung eines neuen Impfstoffs an Zehntausenden Probanden dauert in der Regel mehrere Jahre.

Wie funktioniert ein RNA-Impfstoff?

Sowohl die Firmen Biontech/Pfizer als auch Moderna haben einen mRNA-Impfstoff entwickelt. Dabei wird eine sogenannte mRNA, ein Genschnipsel oder kleines Erbgutmolekül, in eine Körperzelle eingeschleust. Dort dient sie als Bauanleitung für ein Virusprotein, und zwar für das Stachelprotein auf der Aussenhülle des Coronavirus. Gegen dieses Protein bildet der Körper nun Antikörper. Christoph Berger hält den Ansatz für genial. «Man braucht bei dieser Methode keine Impfverstärker, also Adjuvantien.»

Für manch einen mag es hingegen beängstigend klingen, dass ein Genschnipsel von aussen in die Körperzelle dringt. Dabei nutzen auch die Viren genau diesen Mechanismus. Sars-CoV-2 schleust sein gesamtes Erbgut in die Schleimhautzellen von Nase und Rachen ein. Es zwingt dann die Zellen, sämtliche Virusproteine zu produzieren und sein genetisches Material zu kopieren, sodass neue Viren entstehen. Viren können sich generell nicht ohne die Hilfe von Körperzellen, die sie kapern, vermehren.

Der Impfstoff liefert hingegen in der mRNA lediglich den Bauplan für ein einzelnes Virusprotein. Es entstehen also keine neuen Viren. Auch wenn es sich um einen genbasierten Impfstoff handelt, so bauen sich mRNA-Moleküle nicht in das Erbgut von Körperzellen ein. (Das Erbgut der Zellen befindet sich in einem Zellkern, die mRNA wird ausserhalb vom Kern in der Zelle benötigt.) Nach getaner Arbeit zerstört die Zelle die mRNA.

Wie werden die Impfstoffe verabreicht?

Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und anderen Pharmafirmen müssen in den Muskel gespritzt werden.
Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und anderen Pharmafirmen müssen in den Muskel gespritzt werden.
Foto: Keystone

Beide Impfstoffe, sowohl der von Biontech/Pfizer als auch der von Moderna, werden den Probanden in die Muskeln gespritzt. Das ist womöglich keine sehr gute Nachricht. Erwartet wird, dass die gespritzten Impfstoffe vor allem eine Immunantwort in den unteren Atemwegen hervorrufen, jedoch kaum eine Reaktion in den oberen Atemwegen erzeugen, wo das Coronavirus zuerst angreift.

Die Folge könnte allerdings sein, so schrieb es der Mikrobiologe Florian Krammer von der New Yorker Icahn School of Medicine vor kurzem im Wissenschaftsjournal «Nature», dass diese Impfstoffe zwar vor einer Erkrankung schützen. Doch unter Umständen könnten die Geimpften das in Nase und Rachen vorhandene Virus trotzdem an andere Menschen weitergeben. Günstiger wären Impfstoffe, die als Nasenspray verabreicht werden. Allerdings arbeiten nicht viele Hersteller an dieser Methode.

Wie sieht es bei den Nebenwirkungen aus?

Bisher ist hierzu wenig bekannt. Die Firma Moderna gibt an, dass die Vakzine nach den bisherigen Erkenntnissen sicher und gut verträglich seien, schwere Nebenwirkungen seien bisher keine aufgetreten. Unter den milden bis moderaten Nebenwirkungen, die vorkamen, führt die Firma Rötungen an der Einstichstelle an sowie etwa vorübergehende Müdigkeit, Muskel-, Gelenk- oder Kopfschmerzen. Im Laufe der Studie könnten jedoch noch weitere Nebenwirkungen auftreten, möglicherweise auch schwerere.

20 Kommentare
    Dani

    Kommt endlich mit dieser Impfung. Ich bin bereit, sie mir als erster spritzen zu lassen. Kritiker gibt es immer. Die Impfungen werden seit Februar an Menschen ausprobiert. Noch keinem ist was passiert.