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Pop-BriefingWas Blays gross angekündigtes «Livekonzert» wirklich war

War das die Zukunft des Live-Gigs? Ääh, nein. Marc Sway und Bligg spielen gerade mal einen Song. Ausserdem: Querdenken mit Eric Clapton und Van Morrison. Und: Pink macht aggressiv.

Sie tragen interessante Hüte und machen weniger interessante Musik: Blay (Marc Sway und Bligg) haben mit der Swisscom zu einem «Livemusikkonzert» geladen.
Sie tragen interessante Hüte und machen weniger interessante Musik: Blay (Marc Sway und Bligg) haben mit der Swisscom zu einem «Livemusikkonzert» geladen.
Foto: zvg

Das muss man hören

Man könnte schon fast von einer neuen Mode sprechen: Diverse Musikschaffende haben offenbar die Homeoffice-Zeit dahingehend genützt, ihre Archive nach Veröffentlichungswürdigem zu durchforsten. So ist PJ Harvey gerade dabei, sämtliche Demos ihrer bisherigen Alben zugänglich zu machen. Die Demos zu ihrem neuesten Wunderalbum «For Their Love» hat auch die Gruppe Other Lives veröffentlicht. Und die Songs sind schlicht zu fantastisch, als dass sie nicht auch in diesem Aggregatszustand ihre Zauberhaftigkeit entfalten würden.

Ebenfalls im Tonbandschrank gekramt hat das honorige Duo The Kills. Es ist auf Raritäten und auf B-Seiten aus den Jahren 2002 bis 2009 gestossen. Das war die Zeit, in der die beiden noch auf ihren Drumcomputer zurückgriffen, den sie liebevoll Little Bastard nannten. «Little Bastards» heisst nun auch die wundertolle Vintage-Elektro-Blues-Zusammenstellung, die dieser Aufräumaktion erwachsen ist.

Sleaford Mods, die sympathischsten Wutbürger der Welt, haben ein Lockdown-Album zusammengebosselt – in bloss drei Wochen. Viel merkt man von diesem Produktionsgalopp nicht. Des Duos Grossartigkeit setzt sich seit eh und je aus kunstlosen, schlecht editierten Beats und den Schimpftiraden Jason Williamson zusammen. Die Themen-Evergreens sind ebenfalls traditionell dieselben: Kapitalismuskritik, Schimpf und Schande über konservative Landesväter und neuerdings auch das britische Pandemie-Missmanagement.

Aaron Frazer wurde in dieser Kolumne schon öfter lobend erwähnt – und zwar als Vorstand der Band Durand Jones & The Indications. Nun hat kein Geringerer als Dan Auerbach den Sänger zu einem Soloalbum verführt – und der Black-Keys-Mann hat ganze Arbeit geleistet: Die beiden haben das erste schönste Soul-Album des Jahres eingespielt, auf dem Aaron Frazer ausschliesslich dem Falsettgesang frönt.

Wir schreiben das Jahr 1972. Zimbabwe hiess noch Rhodesien und kämpfte um die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft. Ein Kampf, der sich auch in der Musik niederschlug: Gewisse Bands begannen, sich wieder auf ihre Kultur zu besinnen, und gingen dazu über, den populären Afro-Rock mit ihrer Musiktradition zu unterfüttern.

Die repetitiven Melodien des Daumenklaviers übersetzten sie auf die elektrische Gitarre, die feine Perkussion aufs Schlagzeug. Es entstand eine politisch aufgeladene Musik, die man später Chimurenga nannte.

Die wichtigste Band dieser Bewegung nannte sich Hallelujah Chicken Run Band, zu deren Urbesetzung auch Thomas Mapfumo gehörte, der der Chimurenga später auch in Europa zu Erfolg verhelfen sollte. Das Label Analog Africa hat nun die wichtigsten Aufnahmen der Band auf einer Best-of-Zusammenstellung versammelt.

Die Post-Punk-Wiederbelebung geht auch im Jahr 2021 weiter. Bei der Gruppe Shame aus London treibt dies ziemlich bunte Blüten: Das Bandoberhaupt Charlie Forbes hat sich dafür entschieden, das zweite Album der Band ausschliesslich in einem pink gestrichenen Raum auszuhecken. Sanft klingt das entstandene Werk namens «Drunk Tank Pink» trotzdem nicht. Wir konstatieren: Pink macht aggressiv.

Er hat weder eine besonders bestrickende Stimme, noch spielt er überragend Gitarre. Trotzdem hat sich der amerikanische Singer/Songwriter M. Ward der Aufgabe angenommen, die Songs neu darzubringen, die Billie Holiday einst auf ihrem Album «Lady in Satin» interpretierte. Und siehe da: Die Ehrfurcht vor den Originalen im Verbund mit einer fast schüchternen Fragilität im Vortrag führen zu einem ganz und gar betörenden Ergebnis.

Da schliesst sich der Bogen: Auch die brasilianische Indie-Majestät Lucas Santtana hat sich ihren Back-Katalog näher angeschaut und ihre ersten Klang-Essays auf dem Album «Eletro ben dodô» versammelt. Wie eine Insel der Glückseligkeit sticht dabei die Bossa-Nova-Ballade «Mensagem de amor» heraus – entlehnt von der Band Os Paralamas do Sucesso.

Darüber wird gesprochen

Die Älteren unter euch werden sich noch an die beiden verdienstvollen Musikanten Van Morrison und Eric Clapton erinnern. Die zwei aus der Ü-75-Risikogruppe haben nun ein gemeinsames Lied eingespielt, mit dem Geld für Corona-geschädigte Musiker eingespielt werden sollte. Doch als man den Text genauer betrachtete, den die beiden gedichtet hatten, mochten sich nur noch ganz wenige Gebeutelte um eine Unterstützung bewerben.

Im reichlich abgefingerten Blues «Stand and Deliver» geht es nämlich etwas gar eindeutig um altbekannte Querdenkerparolen: «Du hast dir von ihnen Angst einjagen lassen / Doch kein Wort, das du hörtest, war wahr», heisst es da beispielsweise – und das ganze kulminiert in der Frage: «Willst du ein freier Mensch oder willst du ein Sklave sein?»

Van Morrison hat sich schon zuvor als Kämpfer gegen die Regeln der Pandemiebekämpfung hervorgetan, mit dem neuen Song hat er nun auch Eric Clapton für seine Mission gewonnen. Vielleicht sollte jemand den beiden betuchten Senioren noch einmal erklären, dass Sklaverei dann doch ein bisschen einschneidender war als ein paar Monate Maskenpflicht.

Ein anderer 75-Jähriger ist damit aufgefallen, dass er die Verlagsrechte für seine 1180 Songs veräussert hat: Neil Young heisst der Mann, der sich 1988 noch in einem Lied über Künstler lustig machte, die ihre Musik für Werbespots anboten: «Ain’t singin’ for Pepsi, ain’t singin’ for Coke. I don’t sing for nobody. Makes me look like a joke.»

Wie viel Geld von der Firma Hipgnosis Fund an Young geflossen ist, ist unbekannt, Branchenkenner schätzen die Kosten zwischen 50 und 150 Millionen Dollar. Der Manager der Firma wurde auf BBC mit dem Satz zitiert, Musik sei für ihn ein Investitionsgut «wie Gold oder Öl».

Doch Tatsache ist, dass immer mehr Musikschaffende auf Einnahmequellen abseits von eingebrochenen Tonträgerverkäufen und Konzertaktivitäten angewiesen sind. Da kommt den Verlagen, die die Musik für Film und Werbung anbieten, eine immer wichtigere Rolle zu. Einen Monat vor Neil Young verkaufte auch Bob Dylan die Rechte über 600 Lieder an den Verlag von Universal Music – für einen geschätzten Betrag von 300 bis 500 Millionen Dollar. Selbiges tat kürzlich auch Stevie Nick von Fleetwood Mac – für circa 100 Millionen Dollar.

Das Schweizer Fenster

Es klang ein bisschen so, als würde hier das grösste helvetische Musikfest seit der Geburt des Coronavirus über die Bühne gehen. «Switzerland Connected» hiess der als «dezentrales Livemusikkonzert» angekündigte Anlass, für den die Swisscom «die neue Schweizer Supergruppe Blay und zahlreiche Nachwuchsmusikerinnen und -musiker» aufgeboten hatte.

An einem eigens dafür veranstalteten Diskussionspanel stellten die Veranstalter im Vorfeld die ganz grossen kulturphilosophischen Fragen: Könnte dieser Event neue Perspektiven für die Unterhaltungs- und Kulturbranche begünstigen? Oder gar ein neues Showbusiness-Geschäftsmodell? Die Antwort ist: äääh, nein.

Denn was niemand wusste: Das «Livemusikkonzert» erschöpfte sich darin, dass genau ein einziges Blay-Lied dargebracht wurde, das Marc Sway und Bligg – die beiden Büezerbuben des volksnahen Hip-Hop – im leeren Volkshaus «performten».

Der Rest mutete an wie ein musikalisches Zoom-Meeting – live und synchron immerhin –, aber gar nicht mal so richtig prickelnd. Und danach durfte sich die Swisscom – wieder in einem Diskussionspanel – wortreich für das Gelingen dieses Anlasses und ihr stabiles Netz rühmen, ein Kraftakt, für den über hundert Mitarbeiter aufgeboten worden seien.

Somit ist es Bligg und Marc Sway – nach ihrem gemeinsamen Auftritt am Autokino-Konzert in Härkingen – schon zum zweiten Mal nicht so recht gelungen, die Zukunft des Showbusiness vorwegzunehmen. Schaut es euch an, es gibt viel zu schmunzeln.

Doch es gibt auch von erfreulicherer neuer Schweizer Musik zu berichten: Die Aargauer Indie-Pop-Gruppe Mnevis schenkt uns einen verträumten und doch unter Dauerspannung stehenden neuen Song. Das dazugehörige Album erscheint am 29. Januar.

Naked in English Class heisst das Projekt, in dem der letztes Jahr verstorbene Olifr M. Guz seine Vorliebe für den Elektropunk auslebte. An seinem Todestag, dem 20. Januar, soll das fünfte Album des Duos erscheinen. Darauf wird auch dieses Hüsker-Dü-Cover zu finden sein.

Was blüht?

Der Impfung sei Dank, steht uns ein zweites Halbjahr der Lockerungen und womöglich sogar der Festivals bevor. Der Epidemiologe Marcel Tanner sagte dieser Zeitung, dass er optimistisch sei, dass ab Juni grössere Veranstaltungen in der Schweiz wieder möglich seien – vorausgesetzt, die Impfmoral der Schweizerinnen und Schweizer sei gross genug und die Virenmutation mache keinen Strich durch die Rechnung.

Bis Juni soll nämlich jeder impfwillige Schweizer das Vakzin gespritzt bekommen haben, was für eine Herdenimmunität reichen würde. Da zu befürchten ist, dass das Ausland mit diesem Tempo nicht mithalten kann, könnten die Schweizer Bands diesen Sommer einen gewissen Wettbewerbsvorteil haben. Hier gehts zum Artikel

Das Fundstück

1983 brachte ein sonderbares Stück die Popwelt in Aufwallung: «Din Daa Daa (Trommeltanz)» hiess es und klang wie ein afrikanisch gemeinter Italo-Disco-Tanzboden-Hit. Urheber war der deutsche Schauspieler und Schlagzeuger George Kranz, der mit wachsendem Erstaunen feststellte, wie sein Song vom absoluten Flop zum Nummer-eins-Hit in den amerikanischen Charts avancierte.

Nun hat sich das Bandkollektiv Kokoko! aus Kinshasa des Lieds angenommen und präsentiert eine nun wirklich urban-afrikanische Version des teutonischen Hits. Eine kulturelle Aneignung in die Gegenrichtung sozusagen.

Die Wochen-Tonspur

Das Suchen nach spannender, neuer Musik geht 2021 weiter. Diese Woche sind 41 Songs zusammengekommen. Zum Beispiel: Erlebnis-Hip-Hop von The Comet Is Comming, finnischer Vintage-Jazz von Dalindéo, Existenzialisten-Soul von Lady Blackbird, anatolische Discomusik von Altin Gün, zartschmelzender Folk von Rambling Nicholas Heron, Yé-Yé-Chanson von Juniore oder Abstrakt-Pop von Connie Frischauf.

Und wers verpasst hat: Hier sind über 200 Musikfunde aus dem Jahr 2020, zusammengefasst auf einer Spotify-Playlist.

6 Kommentare
    Tom Rothenbühler

    und dann ich es auch noch bemerkenswert, dass Annenmaykantereit sich mit dem Covit-Zeitalter auseinandergesetzt haben, wie zumindest ich es in dieser Deutlichkeit nirgends gehört habe