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Seuche im SkirennsportWarum nur reissen die Kreuzbänder wie Papier?

Das Schweizer Team ist dezimiert nach Levi gereist, drei Fahrerinnen haben sich jüngst verletzt. Experten nennen die Gründe: Material, Piste, Menstruation.

Der Parallelriesenslalom in Sestriere letzten Januar endet für Aline Danioth auf dem Rettungsschlitten: Das Kreuzband ist gerissen. Schon wieder.
Der Parallelriesenslalom in Sestriere letzten Januar endet für Aline Danioth auf dem Rettungsschlitten: Das Kreuzband ist gerissen. Schon wieder.
Foto: Keystone

Aline Danioth braucht keinen Arzt, keine Diagnose. Ein Knall, und sie weiss: das Kreuzband. Sie kennt das Geräusch.

22 ist die Urnerin. Die vierte Knieoperation hat sie hinter sich, die fünfte folgt in drei Monaten. Dann sollten die Menisken und der Knochen nach der Auffüllung des Bohrkanals wieder stabil genug sein für die eigentliche Kreuzbandoperation. Es steht für Danioth die nächste Geduldsprobe an Monate, in denen sie dazu verdammt ist, in Krafträumen zu schuften – anstatt sich in den Bergen durch die Tore zu schwingen. Ihren Kolleginnen wieder nur vom Sofa aus zuschauen zu können, wäre für sie unerträglich. Deshalb geht es erst einmal nach Hawaii zum Sprachaufenthalt.

Danioth lächelt, als sie davon erzählt. Es täuscht über ihre eigentliche Verfassung hinweg. Seit dem Unfall Mitte Oktober hat sie öffentlich geschwiegen, «weil es ein besonders harter Schlag war». Es ist ihre dritte Verletzung dieser Art, die hoffnungsvolle Karriere als Slalomfahrerin gerät ein weiteres Mal ins Stocken. 2016 riss das linke Band, vergangenen Januar das rechte. Sie arbeitete sich zurück, fühlte sich gar so fit wie nie, dann der Knall, das Aus.

Ein «Durcheinander im Kopf» habe sie danach gehabt, sie wusste nicht, was sie falsch gemacht hatte. Keiner wusste es. Es ist wohl einfach dumm gelaufen an diesem Tag auf der Diavolezza, als sie bei dieser einen Stange etwas spät dran war, der Körper aus dem Gleichgewicht geriet. Danioth gab Druck auf die Ski, diese griffen, «dann tätschte es». Situationen wie diese gebe es in jedem Lauf, sagt sie. Und sie sind typisch für einen Kreuzbandriss: aggressiver Schnee, aggressive Ski, kleine Unsicherheit, schon ist es passiert.

Neben Danioth hat es innerhalb von zwei Monaten auch Elena Stoffel und Charlotte Chable erwischt; das Slalomteam ist dezimiert nach Levi gereist. Kreuzbandrisse haben schon viele Pläne durchkreuzt. Chable, 26, kämpft zum vierten Mal um die Rückkehr. Talente wie Mélanie Meillard, Reto Schmidiger und Justin Murisier sind auf dem Weg an die Spitze immer wieder durch Knieverletzungen gebremst worden. Ein Blick in die Top 30 aller Disziplinen zeigt: Fast der Hälfte aller Athletinnen und Athleten riss ein Kreuzband.

Muss das sein? Wieso häufen sich die Fälle? Welche Lösungen gäbe es? Das sagen die Experten.

Der Cheftrainer: «Die Periode macht die Bänder anfällig»

Wollen die Fahrerinnen schnell sein, müssen sie beim Set-up ans Limit gehen, dafür steigt die Verletzungsgefahr: Das Dilemma von Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor.
Wollen die Fahrerinnen schnell sein, müssen sie beim Set-up ans Limit gehen, dafür steigt die Verletzungsgefahr: Das Dilemma von Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor.
Foto: Keystone

Beat Tschuor steckt im Dilemma. Er ahnt, wieso es gleich drei seiner Athletinnen erwischt hat, wieso sieben in nur einem Jahr. Und kann doch nichts ändern. Aggressive, gewässerte Pisten werden für den Weltcup gefordert, also setzen auch der Schweizer Cheftrainer und sein Team im Training meist auf diese «idealste und fairste Unterlage». Doch in Kombination mit dem Material kann sie zur giftigen Mischung werden. «Wir haben Ski mit grosser Eigendrehkraft – das Set-up ist ausgereizt», sagt Tschuor. «Die Ski schieben richtiggehend. Stimmt es bei einer Fahrerin technisch nicht ganz, können Rotationskräfte auf Knie und Fussgelenk entstehen. Den Körperschwerpunkt zieht es dabei nach hinten, Knie und Unterschenkel nach vorne. Wenn dann die Kante greift und einfach nicht mehr loslässt, können Bänder reissen.»

Das kann bei jeder Schneebeschaffenheit zur Gefahr werden. Einzig Stoffel fuhr bei ihrer Verletzung auf einer gewässerten Piste. Es wäre ein Leichtes, mit einer etwas weniger aggressiven Einstellung bei Ski, Schuh, Bindung oder Platte das Risiko zu minimieren. Nur: «Willst du schnell sein, musst du dich am Limit bewegen.» Die Vorgaben kommen vom Weltverband FIS, alle reizen sie aus. Deshalb erhofft sich Tschuor, dass sie überdacht werden. «Die Schwalbenschwänze am Ende der Ski sind zu extrem, sie bringen diese zum Schieben und fördern Verletzungen.»

Und noch etwas hat Tschuor als mögliche Ursache ausgemacht: «Eine Frau, die ihre Periode hat, hat laut wissenschaftlichen Studien schwächere Bänder. Das müssen wir im Auge behalten.» Es soll ein kleines Puzzleteil sein für eine verletzungsfreiere Zukunft.

Der FIS-Rennchef: «Haben keine Lösungen»

Steht vor einem scheinbar unlösbaren Problem: FIS-Renndirektor Markus Waldner.
Steht vor einem scheinbar unlösbaren Problem: FIS-Renndirektor Markus Waldner.
Foto: Imago

Markus Waldner beschönigt nichts: «Wir stehen vor einer Wand, haben keine Lösungen. Das Problem ist, dass in allen Disziplinen viele Kreuzbänder reissen, bei den Frauen und den Männern, vom Weltcup bis runter zu den FIS-Rennen.» Der Südtiroler, seit 2014 Renndirektor bei den Männern, sagt: «Die Pisten werden extrem hart präpariert, sie erfordern eine enorm aggressive Abstimmung beim Material, damit die Fahrer Halt finden. Und weil es so aggressiv eingestellt ist, muss die Piste hart sein. Das ist wie eine Katze, die sich in den Schwanz beisst.»

Die Pisten sind heute so eisig, dass Kjetil Jansrud sich die Hand brach, als diese in Kitzbühel auf die Streif schlug. Weiche Strecken sind keine Option, weil sonst bereits Fahrer mit Startnummer 15 chancenlos wären. Die FIS habe sich intensiv mit den Skifabrikanten ausgetauscht, sagt Waldner, die einzige Erkenntnis sei, dass die Pisten so gleichmässig wie möglich hergerichtet sein müssten. Damit ein Fahrer mit einem Set-up fürs Eisige nicht an einer weicheren Stelle wegrutsche, was zuletzt oft zu gravierenden Stürzen führte.

Der Arzt: «Das schwächste Glied»

Neben dem Körper denkt er auch an den Kopf: Der Schweizer Team-Arzt Walter O. Frey.
Neben dem Körper denkt er auch an den Kopf: Der Schweizer Team-Arzt Walter O. Frey.
Foto: Keystone

Walter O. Frey ist seit über 20 Jahren Team-Arzt beim Schweizer Skiverband; über den Daumen gepeilt habe er mehr als 100 gerissene Kreuzbänder diagnostizieren müssen, sagt der Zürcher. Mit dieser Verletzung konfrontiert, gehe für die Fahrer meistens eine Welt unter, schliesslich bedeute sie meist das Saisonende.

Das Kreuzband gilt als schwächstes Glied in der Kette, es lässt sich nicht direkt stärken. «Und die erhöhte Gefahr, ein Wiederholungsopfer zu werden, ist statistisch erwiesen, wenn auch nicht ergründet», sagt Frey. Gerade der Fall Danioth jedoch habe nichts mit ihrer Vorgeschichte zu tun. «Sie war gesund, topfit – in ihrem Fall muss sich niemand etwas vorwerfen.»

Die meisten kaputten Kreuzbänder werden im Spitzensport mittels Operation wiederhergestellt. Neben der Biomechanik erwähnt Frey den Kopf, der zentral sei. «Wer mit über 130 km/h den Berg runterfährt, muss das Vertrauen ins Knie zu 200 Prozent spüren. Deshalb sind konservative Behandlungen mit kürzerer Rehabilitationsphase oft keine Alternative.»

Dass es aber durchaus ohne chirurgischen Eingriff geht, beweisen Joana Hählen und Carlo Janka, welche mit beschädigten Kreuzbändern über die Abfahrtspisten sausen. «Das Knie hat drei Stabilisierungsringe: das Kreuzband, den Meniskus inklusive Kapselbandapparat und die Muskulatur. Funktionieren zwei davon einwandfrei, kann man in der Theorie gut damit leben», sagt Frey.

Längst wird viel Zeit und Geld in die Prävention investiert. «Erwiesen ist, dass die hintere Oberschenkelmuskulatur gut trainiert sein muss, sie ist synergistisch mit dem vorderen Kreuzband», sagt Frey. Reisst es doch, sei die Gefahr von Folgeschäden vorhanden, vor allem, wenn es sich nicht um isolierte Kreuzbandrisse handle. «Je mehr im Knie kaputt ist, desto höher das Risiko von Gelenkverschleiss.»

Der Ex-Athlet: «Bing!»

Kreuzbandriss? Kannte er zu seiner Aktivzeit nicht: Marco Büchel im Plausch mit Mikaela Shiffrin, der besten Skifahrerin der Gegenwart.
Kreuzbandriss? Kannte er zu seiner Aktivzeit nicht: Marco Büchel im Plausch mit Mikaela Shiffrin, der besten Skifahrerin der Gegenwart.
Foto: Imago

Marco Büchel mag nicht von «Waffen» sprechen, «doch für dieses Material, das die heute fahren, muss einer körperlich brutal bereit sein und eine gute Position auf dem Ski haben». Sonst? Die Stimme des vierfachen Weltcupsiegers ist jetzt eine Oktave höher: «Bing!»

Zu seiner Zeit, erzählt der von zehn Jahren zurückgetretene Liechtensteiner, habe es «Beinbrüche gegeben, Schienbein-, Oberschenkel-, Schlüsselbeinbrüche. Aber Kreuzband? Nie davon gehört.» Auch er führt Ski und Ausrüstung auf die Verletzungen zurück. Doch davon, das Reglement anzupassen, hält der 49-Jährige wenig und nennt das Beispiel Riesenslalom: 2012 wurde der Radius der Ski vergrössert, von 27 auf 35 Meter, sie waren neu 195 statt 185 cm lang. In der Folge gab es zwar weniger Knieschäden, dafür waren die Rücken der Athleten häufiger betroffen. «Oft verlagert sich das Problem einfach», sagt Büchel.

5 Kommentare
    Per Holund

    Die FIS hätte einiges in der Hand. Wenn aber Urgrossväter wie der Präsident Kasper zuoberst sitzt, wird sich gar nichts in eine gesündere Richtung entwickeln. Auch der mögliche Nachfolger Lehmann wäre nicht besser.