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Leser fragenWarum muss ich immer anrufen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zur Kommunikation.

Die rapide Abnahme auch von Festanschlüssen hat damit zu tun, dass Telefonieren eine Kommunikationsmethode ist, die an Bedeutung verloren hat. Eine offene Telefonkabine an der Fähre in Meilen (2018).
Die rapide Abnahme auch von Festanschlüssen hat damit zu tun, dass Telefonieren eine Kommunikationsmethode ist, die an Bedeutung verloren hat. Eine offene Telefonkabine an der Fähre in Meilen (2018).
Foto: Urs Jaudas

Ich werde im Oktober 76 Jahre alt, bin seit 2 Jahren Witwe und habe 2 Söhne und 4 Enkelkinder, ebenso einen Freundes- und Bekanntenkreis. Mit grosser Wahrscheinlichkeit habe ich vor dem Tode meines Mannes die folgenden Sätze auch gedankenlos dahin «geplappert». Sie lauten: «Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst.» Und: «Ich wollte dich schon lange anrufen, aber es kam immer etwas dazwischen.» Seit ich nun alleine lebe, stimmen mich diese Sätze traurig, und ich frage mich, warum ich immer anrufen muss. Es scheint, dass ich auf der To-do-Liste meiner Liebsten am unteren Ende stehe. Nehme ich mich zu wichtig? D.D.

Liebe Frau D.

Nein, Sie nehmen sich nicht zu wichtig; und Sie sollten ohne Bedenken Ihrerseits anrufen, wenn Ihnen danach ist. Dies war der praktische Teil meiner Antwort; es folgt der spekulative: Dass Sie Ihrerseits kaum bis gar nicht angerufen werden, liegt nicht daran, dass Sie bei den Freunden und Angehörigen zuunterst auf der To-do-Liste stehen. Sondern daran, dass das Telefon aus der Mode geraten ist, so wie – ich übertreibe nur leicht – Faxgeräte. Die gibt es zwar noch, aber halt so, wie es in manchen Haushalten noch Wählscheibentelefone gibt.

Die rapide Abnahme auch von Festanschlüssen hat damit zu tun, dass Telefonieren eine Kommunikationsmethode ist, die an Bedeutung verloren hat. Das Smartphone ersetzt nämlich nicht einfach das Festnetz; beim Smartphone ist das Telefonieren nur noch eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten, meistens nicht die wichtigste. Gerade weil man mit seinem Smartphone überall erreichbar ist, ist eine neue Form an Telefonscheu entstanden, die dem Geist der alten Verhaltensregeln, wann es schicklich sei zu telefonieren, in nichts nachsteht. Man empfindet einen Telefonanruf (auch als Anrufender) nunmehr grundsätzlich so aufdringlich und invasiv wie früher ein Telefonat während der Nachrichten von Radio Beromünster.

Darum verschicken manche Leute eher Sprachnachrichten per Whatsapp hin und her, als miteinander zu sprechen. Man mag das bizarr finden (ist es manchmal auch); aber es ist kein Indiz eines Kulturverfalls, sondern Symptom der Diversifizierung der Kommunikation, bei der das Telefon nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Man trifft sich auf Facebook, Instagram, Twitter, Tiktok, schickt sich Kurznachrichten mit oder ohne Bilder oder Mails, aber telefoniert seltener.

Das bedeutet nicht, dass Sie Ihrerseits nicht telefonieren dürfen, erklärt aber vielleicht, warum Sie vergeblich auf einen Anruf warten. Ich glaube, wenn Sie wieder mehr am sozialen Leben teilnehmen möchten, bleibt Ihnen nicht anderes übrig, als (ein wenig jedenfalls) vom Telefon Abschied zu nehmen und mit den anderen sozialen Medien zu experimentieren.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch