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In Basler Babyfenster abgegebenWärme, Nähe und ein Tagebuch für das Findelkind

Wenige Tage nach der Geburt legt eine Mutter ihr Kind ins Babyfenster des Bethesda-Spitals. Wie geht es dem Neugeborenen, wer kuschelt mit ihm und was hat Baschi Dürr damit zu tun? Eine Suche nach Antworten.

Eine Frau legt ihr Kind in das Babyfenster eines Schweizer Spitals (nachgestellte Szene).
Eine Frau legt ihr Kind in das Babyfenster eines Schweizer Spitals (nachgestellte Szene).
Foto: Adrian Moser

Es ist Montagnachmittag, 13.23 Uhr, als im Bethesda-Spital ein Alarm ausgelöst wird. Irgendetwas hat die Lichtschranke des Babyfensters durchbrochen, die zuständige Hebamme reagiert sofort. Im Babyfenster findet sie ein kleines Mädchen vor, es ist höchstens vier oder fünf Tage alt. Es sei «den Umständen entsprechend wohlauf», heisst es kurz darauf in einer Medienmitteilung.

24 Stunden später liegt das Neugeborene im Basler Kinderspital (UKBB). Wie es ihm geht, darf Sprecher Martin Bruni nicht verraten, er sagt aber: «Ein Findelkind bekommt ein regelrechtes Rundum-Verwöhnprogramm, damit es trotz des schwierigen Starts ins Leben mit möglichst viel Wärme und Nähe versorgt wird.»

Das Mädchen ist das zweite Kind aus einem Babyfenster, das im UKBB versorgt wird. «Solch eine Situation sorgt jedes Mal für eine ganz spezielle Stimmung auf der Station», sagt Bruni. «Jede Pflegefachperson möchte das Baby kennen lernen, knuddeln und schaukeln.» Damit es später über seinen Lebensstart Bescheid weiss, führen die Pflegenden ausserdem ein Tagebuch für das kleine Mädchen. Dort wird neben Grösse und Gewicht unter anderem sein Aussehen festgehalten und auch, wer sich um das Baby gekümmert hat.

Kesb bietet Mutter Hilfe an

Die Mitarbeitenden der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Basel-Stadt (Kesb) organisieren in der Zwischenzeit die Zukunft dieses Kindes, das so ganz alleine ist auf der Welt. «Es kommt nun für wenige Monate in eine Übergangsfamilie», sagt Kesb-Leiter Patrick Fassbind. So werde sichergestellt, dass die Mutter vor Beginn des Adoptionsprozesses noch Zeit habe, sich zu melden. Wer sein Kind ins Babyfenster legt, unterzeichnet damit nämlich keine Verzichtserklärung, sondern hat nach wie vor die Möglichkeit, das Kind wieder zu sich zu nehmen – zumindest solange der Adoptionsprozess nicht abgeschlossen ist. «Unser primäres Ziel ist es, der Mutter die nötige Hilfe und Unterstützung zu geben, sodass sie das Kind selbst aufziehen und betreuen kann», sagt Fassbind.

Die Behörden suchen trotzdem nicht aktiv nach Angehörigen. «Wir akzeptieren den Wunsch der Mutter, das Kind abzugeben», sagt Fassbind. Das ist Teil des Konzepts. Erfahrungsgemäss melden sich Mütter nach mehr als drei Monaten nicht mehr. Dann beginnt die Suche nach möglichen Adoptiveltern.

Ein gerührter Justizdirektor

Seit der Eröffnung des ersten Babyfensters wurden in der Schweiz mehr als zwanzig Kinder auf diesem Weg abgegeben. Beim Bethesda-Spital liegt der letzte Fall rund drei Jahre zurück. Im September 2017 fanden die Hebammen nach dem Alarm im Babyfenster ein kleines Bübchen vor, warm eingepackt und mit einem Wollmützchen auf dem Kopf.

Die Mutter des Jungen meldete sich damals nicht bei den Behörden, und so landete das Dossier schliesslich auf dem Schreibtisch von Baschi Dürr. Als Justizdirektor hatte er die Aufgabe, dem Findelkind einen Namen zu geben. Gegenüber der BaZ erzählte Dürr damals, wie emotional dies für ihn als zweifachen Vater war. Wie er das Bübchen im Spital besuchte, es im Schlaf beobachtete. Und wie ihm schmerzlich bewusst wurde, dass dieses Baby ganz allein war auf der Welt.

Der Vorname, den Dürr dem Kleinen damals gab, blieb geheim. Genauso verrät Kesb-Leiter Fassbind nicht, unter welchen Umständen der heute Dreijährige aufwächst und wie es ihm geht. Dies verböten ihm Amtsgeheimnis und Persönlichkeitsschutz.

Die vertrauliche Geburt

Die Babyfenster waren eingeführt worden, um Kindstötungen oder -aussetzungen nach Geburten möglichst zu vermeiden. Dennoch gerät das Angebot immer wieder in Kritik. In erster Linie deshalb, weil Mutter und Kind während der Geburt auf sich alleine gestellt sind. Zudem ist die medizinische Versorgung der Mutter auch nach der Geburt nicht gewährleistet.

Das Bethesda-Spital bietet deshalb seit 2018 auch die vertrauliche Geburt an, bei der die Schwangere unter einem Pseudonym ins Spital eintritt und es nach der Geburt ohne Baby verlässt. Diese Möglichkeit sichert zwar die Versorgung von Mutter und Kind, ist aber nicht komplett anonym möglich. Die Daten der Mutter müssen erfasst und dem Kind später auf dessen Wunsch ausgehändigt werden. So verlangt es das Recht auf Herkunft, das in der Schweiz gilt.

Im Bethesda-Spital haben schon Frauen auf diese Weise ihr Kind geboren und gleich zur Adoption freigegeben. Das Spital hat aber trotz dieser Möglichkeit auch am Babyfenster festgehalten – wohl zu Recht, wie sich am Montag um 13.23 Uhr gezeigt hat.

25 Kommentare
    Max Weber

    Diesen speziellen Mädchen wünsche ich von Herzen, dass es mit viel Liebe, viel Verständnis und in einer tollen Familie aufwachsen darf.