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Von Wildschweinen und RattenAuch Rehe übertragen Krankheiten

Nicht nur in Asien, auch in Europa gibt es Erreger, die von Tieren auf den Menschen überspringen.

Rehe, hier zwei Geissen und ein Bock,  können den Erreger von Hepatitis E übertragen.
Rehe, hier zwei Geissen und ein Bock, können den Erreger von Hepatitis E übertragen.
Getty Images/iStockphoto
Auch Wildschweine sind potenzielle Überträger des Hepatitis E-Virus
Auch Wildschweine sind potenzielle Überträger des Hepatitis E-Virus
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Ratten, wie diese hier in einer U-Bahn-Station in New York, können bis zu 50 verschiedene Erreger auf den Menschen übertragen.
Ratten, wie diese hier in einer U-Bahn-Station in New York, können bis zu 50 verschiedene Erreger auf den Menschen übertragen.
STEPHEN SPERANZA/The New York Times/Redux/laif
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Menschen, die Fledermäuse essen. Geschlachtete Pangoline für die traditionelle Medizin. Schleichkatzen, Schlangen und andere Seltsamkeiten auf den Wochenmärkten: Nicht wenige haben sich in den vergangenen Wochen gegruselt, wenn es um die Ursache der Coronavirus-Pandemie ging. Mit grosser Sicherheit stammt der neue Erreger aus Wildtieren, mit fast ebenso grosser Sicherheit sprang das Virus auf solche Menschen über, die Exoten zum Verzehr kaufen oder verkaufen.

Doch dem oft deutlich geäusserten Abscheu angesichts des Wildtierhandels und -verzehrs in China steht eine ziemlich nüchterne Tatsache gegenüber: Auch in Europa und natürlich in der Schweiz werden wilde Tiere gejagt, getötet, verzehrt. Teilweise werden sie, wie zum Beispiel Rehe, sogar in Farmen gezüchtet. Und so, wie der gefangene Pangolin in Südostasien neue Viren auf den Menschen übertragen kann, können auch in Wildschweinen, Hasen und anderen verbreiteten Tieren Mitteleuropas sogenannte Zoonosen schlummern, also Keime, die auf Menschen übergehen.

Coronaviren spielen hierzulande eine untergeordnete Rolle, was wohl mehr Glück ist als ein Verdienst der westlichen Kultur. Einige Vertreter dieser Virusfamilie kommen zwar im Zusammenhang mit Nutz- und Haustieren vor, etwa bei Schweinen und Katzen. Für den Menschen sind diese Coronaviren nach Aussage des in Deutschland für Tierseuchen zuständigen Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems ungefährlich. Dafür aber gibt es eine ziemlich lange Liste von anderen, sehr unappetitlichen Viren, Bakterien und Parasiten, die Menschen nach dem Kontakt mit Wildfleisch krank machen. Es sind nur eben nicht die gleichen wie in Südostasien.

Die Todesrate einer Tollwut-Infektion beträgt fast 100 Prozent

So können Hirsche, Rehe, Wildschweine und Wildhasen in Europa den Erreger der Hepatitis E übertragen, der häufigsten Ursache akuter viraler Leberentzündungen weltweit. In bis zu vier Prozent der Fälle verläuft die Erkrankung tödlich, auch Menschen können einander anstecken. Das geschieht allerdings nicht durch Tröpfchen-, sondern durch Schmierinfektionen – entweder mit infiziertem, nicht durchgegarten Fleisch oder durch unmittelbare Kontakte zwischen Menschen. Dem Robert-Koch-Institut, der deutschen Behörde für Infektionskrankheiten, wurden im vergangenen Jahr mehr als 3700 dieser Ansteckungen gemeldet.

Hinzu kommen gefährliche Viruserkrankungen wie durch den Tollwuterreger, das Rabiesvirus, das auch in Europa nicht ausgerottet ist und in Fledermäusen, Waschbären, Dachsen oder Füchsen vorkommen kann. Die Schweiz gilt seit 1999 offiziell frei von Tollwut, in Europa sterben aber jährlich mehrere Hundert Menschen an dem Erreger, mit dem sie sich meist auf Reisen infiziert hatten. Die Todesrate der Infektion beträgt fast 100 Prozent.

Und auch das Hantavirus ist und bleibt gefährlich: Das Virus, das vornehmlich von der niedlichen Rötelmaus übertragen wird, verursacht jährlich viele Dutzend Erkrankungen. Die Schweiz ist allerdings kaum betroffen. Der Erreger gelangt dabei sehr häufig in feinem Staub über die Luft zum Menschen.

Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Keime, die dem Miteinander von Tier und Mensch in der Wildbahn Grenzen setzen. Abgesehen von den bekannten Grippeerregern, etwa in Wildvögeln, haben davon aber nur sehr wenige, wahrscheinlich sogar gar keine pandemisches Potenzial. Die meisten werden nicht einmal von Mensch zu Mensch übertragen.

Ratten übertragen mehr als 50 Erreger

Die Corona-Krise könnte aber einem anderen, in der Nähe des Menschen und doch wild lebenden Nager und seiner Erregerfracht eine Renaissance bescheren. Wie die BBC berichtet, tauchen in der amerikanischen Südstaatenstadt New Orleans immer mehr Ratten auf den Strassen auf. Sie leiden unter der Pandemie, weil die Restaurants geschlossen sind und nun kein Essen mehr im Müll landet. Folglich werden immer mehr vagabundierende Nager auf der Suche nach Futter beobachtet, auch in Häusern. Und klar, Ratten sind ein Klassiker: Neben Hantaviren übertragen sie mehr als 50 andere Krankheitserreger, man sollte sie deshalb im Haus nicht dulden und auch mit grosser Vorsicht bekämpfen. Fachleute raten sogar dazu, tote Tiere mit Atemschutzmasken und Handschuhen bekleidet zu entfernen.

Das klingt womöglich etwas übertrieben und wird in den meisten Fällen auch nicht nötig sein. Dass sich Zoonosen wie Sars-CoV-2 vermeiden liessen, wenn man sich in China nur andere Essgewohnheiten zulegen würde, bleibt aber eine Illusion. Die grösste Gefahr lauert in Europa und anderswo sowieso dort, wo Nutztiere in Massen gehalten werden, um das weltweit grosse Bedürfnis nach Fleisch zu stillen. Schweinegrippe, Vogelgrippe, es stehen seit vielen Jahren mehrere Kandidaten auf der Liste der Infektionsepidemiologen.

Dass es nun ein Coronavirus wurde, das die Welt in eine Krise stürzt, ist derweil allein dem Zufall geschuldet. Nächstes Mal könnte ein ganz anderer Erreger eine Pandemie auslösen, vielleicht taucht tatsächlich einmal einer in europäischen Wildtieren auf. Das Problem wird wie auch dieses Mal sein, dass man ihn nicht kennt, bevor er da ist.