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Kolumne «Tribüne»Von Gottesdiensten und Gottes Diensten

Joël Perrin, Slam-Poet aus Männedorf, wechselt die Perspektive.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

Der Papst hat dazu aufgerufen, dieses Jahr «authentischere» Weihnachten zu feiern. Und Menschen, die, lakonisch mit den Schultern zuckend, zynisch behaupten, das sei jetzt auch nichts weiter als ein hoffnungsloser Perspektivenwechsel – die haben recht. Nur: Na und …

Wertfreie Fakten sind bedeutungslos – die Fähigkeit zu ebendiesem Perspektivenwechsel jedoch könnte man als eine der grössten Errungenschaften der Religionen sehen: An Wissen strotzt die Menschheit; was ihr fehlt, ist Weisheit.

Die Diskussion, ob es Gott gibt oder nicht, ist langweilig. Spannender ist, warum die Menschheit an ihn glaubt. Weil: Dass sie es tut und nach wie vor tut, ist unbestreitbar. Nietzsche ist tot, und Gott lebt, und zwar ganz einfach – oder dreifach –, weil er uns nützt.

Wäre es denn nicht deutlich faszinierender, dass man Gott nicht hätte finden, sondern erfinden müssen? Was, wenn das Göttliche hinter dem unbestreitbar mächtigsten Narrativ der Welt, das Kriege entfacht und Kaiserreiche in den Kniefall gezwungen hat, ebendieses Narrativ selbst war?

Im Zuge der Covid-Restriktionen gab es einzelne slammende Priesterinnen und Priester, die erwogen haben, Poetry-Slam in Gottesdiensten stattfinden zu lassen. Hagen Rether würde murmeln, es sei schön, wie einfach sich Religion durch etwas Sinnvolles ersetzen lasse. Und er hat recht. Er hat recht wie jemand, der einem Kind an Weihnachten sagt, dass es das Christkind so nicht gibt.

Was ist eine Religion im Kern, wenn nicht eine seit Tausenden Jahren überlieferte Medizin, das Unerklärliche erklärbar zu machen, das Unaushaltbare aushaltbar – und somit sind in lyrische, prosaische, komödische Form kunstvoll verpackte Interpretationen des momentanen Geschehens in Kirchen momentan wohl sinnvoller denn je.

Nicht als Ersatz für Religion, als Religion. Die Form ist neu, na und … das sind die jahre- oder jahrhundertealten Kirchen, in denen wir feiern, im Verhältnis zur jahrtausendealten Geschichte der Religion auch.

Ich wünsche uns allen besinnliche Weihnachten. Wann, wenn nicht jetzt, im Sinne des alten Geistes der Hoffnung, aktuell gerade in Desinfektionsmittelflaschen und Impfdosen. Gottesdienst und Gottes Dienst – alles eine Frage der Perspektive.

Joël Perrin, Slam-Poet aus Männedorf.
Joël Perrin, Slam-Poet aus Männedorf.
Foto: PD