Winterthur

Vom Saulus zum Islamisten nach Schlägerei am Lindenplatz

Ein 20-Jähriger muss sich für eine Schlägerei in Wülflingen verantworten. Vor Gericht macht er deutlich, dass er heute ein anderer Mensch ist: ein Islamist, der nichts von der Schweizer Justiz hält.

Eine Instanz, die der Angeklagte offen ablehnt: Das Bezirksgericht Winterthur respektive die gesamt Schweizer Justiz.

Eine Instanz, die der Angeklagte offen ablehnt: Das Bezirksgericht Winterthur respektive die gesamt Schweizer Justiz. Bild: Marc Dahinden

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Gleich zu Prozessbeginn steckt Hakan* die Fronten ab. Er will sich «aus religiösen Gründen» von seinem Pflichtverteidiger lossagen, weil dieser in einem Brief die Anrede «Sehr geehrte Richterin» verwendet hat. «Sie sind nicht ‹geehrt›», sagt Hakan zur Richterin. Er werde auch keinesfalls aus Anstand aufstehen für sie. Er stehe nur vor Allah auf.

Der Prozess, der gestern am Bezirksgericht Winterthur verhandelt wurde, ist für den 20-Jährigen Vergangenheitsbewältigung. Aus dem angetrunkenen Jugendlichen, der in einer Novembernacht 2013 einen Mann angegriffen haben soll, ist ein radikalgläubiger Muslim geworden. Dem Alkohol hat er entsagt, nun trägt er Bart und fordert die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts. Die Schweizer Justiz lehnt er offen ab. Er erwarte heute keine Gerechtigkeit, lässt er das Gericht wissen.

Hakan soll in jener Nacht mit seinem Bruder und einem Freund am Wülflinger Lindenplatz den 34-jährigen Deutschen Markus* krankenhausreif verprügelt haben. Seine Komplizen, die zur Tatzeit minderjährig waren, sind bereits vom Jugendgericht verurteilt worden. Nun steht Hakan vor Gericht. Und mit ihm sein deutscher Kontrahent, dem die Staatsanwaltschaft ebenfalls Raufhandel vorwirft. Sie fordert eine bedingte Geldstrafe über 9900 Franken für Markus und eine zehnmonatige Freiheitsstrafe für Hakan.

Es sind zwei ungleiche Duellanten, die sich vor Gericht wieder begegnen: hier der klein gewachsene Hakan, der einen feinen Bart trägt und dem das Scheitelhaar ins weiche, runde Gesicht fällt. Dort der bullige Markus mit Bürstenschnitt und einer auffälligen Tätowierung, die aus dem Hemdkragen hervorlugt und seinen kräftigen Nacken bedeckt.

Beide werfen sich gegenseitig vor, in der Rauferei zuerst zugeschlagen zu haben. Markus, ein temporär arbeitender Handwerker mit Schulden, gibt an, gerade eine Bar an der Wülflingerstrasse verlassen zu haben, als er die drei Jugendlichen an der Bushaltestelle herumpöbeln sah. «Ich wollte sie zur Rede stellen.» Ehe er sich versah, sei ihm schwarz vor Augen geworden, vermutlich wegen eines Schlags.

Mehrere Brüche im Gesicht

An den Rest erinnere er sich nicht, sagt Markus. Geblieben sind ihm bloss mehrere Brüche und Quetschwunden im Gesicht sowie ein gebrochener Finger. In der Anklageschrift sind mehrere Faustschläge verzeichnet, ausserdem eine Fusstritt in Markus’ Gesicht, als er längst am Boden lag. Sein Verteidiger fordert deshalb seinen Freispruch und Hakans Verurteilung wegen Angriffs.

Dessen Version tönt ganz anders: Ja, sie drei hätten durchaus «herumgebrüllt» an der Bushaltestelle, sie seien laut gewesen und er habe wohl gut ein Promille intus gehabt. Dann sei aber unvermittelt Markus erschienen und habe zugeschlagen. Hakan sagt, er habe in Notwehr gehandelt. Sein Verteidiger beantragt Hakans Verurteilung wegen Raufhandels, nicht aber wegen Angriffs, und zur Strafe 720 Stunden gemeinnützige Arbeit bei teilbedingter Freiheitsstrafe.

Die Einzelrichterin gab sich schliesslich unbeeindruckt von Hakans Provokation an ihre Adresse. Seinen Pflichtverteidiger beliess sie im Amt, und Hakan verurteilte sie zu zehn Monaten Freiheitsstrafe wegen Raufhandels. Markus sprach sie frei.

Der genaue Tathergang lasse sich nicht nachweisen, so die Richterin. Klar sei aber, dass Markus am Ende verletzt am Boden lag und die drei Täter abhauten. Für Hakan gebe es keine günstige Prognose: «Sie haben heute nicht den Eindruck hinterlassen, dass Sie interessiert, was das Schweizer Gesetz vorsieht.» Worauf dieser erwiderte: «Überhaupt nicht, es ist mir scheissegal. Nur das islamische Gesetz hält mich davon ab, Leute anzugreifen, nicht das Schweizer Gesetz.» Einzig Allah richte über ihn. Deshalb komme es für ihn nicht infrage, das Urteil anzufechten. Und dar­um habe er seine Anzeigen gegen Markus zurückgezogen.

Jihadist als Nachbar

Hakan, der im Kanton Zürich geboren und Schweizer Staatsbürger ist, hat kurz nach dem Vorfall die Handelsmittelschule abgebrochen und ist arbeitslos. Als Jugendlicher wohnte er in Wülflingen – nur gut 200 Meter vom Konvertiten Sandro* entfernt, der sich im Februar mutmasslich der Terrororganisation IS angeschlossen hat. Sandro sei ihm aus der Schule bekannt, aber kein Freund, sagt er auf Anfrage.

Hakan besucht nach eigener Aussage die An’Nur-Moschee in Hegi und andere Gotteshäuser, sieht sich aber nicht als einer bestimmten Moscheegemeinschaft zugehörig. Wenn er erzählt, wie er zum Glauben fand, schweigt er sich über die Details aus. Ein Bekannter habe ihm alles erklärt, sagt er. Vorher sei er bloss «Papierli-Muslim» gewesen.

Erstellt: 08.09.2015, 21:00 Uhr

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