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Ig-NobelpreiseVom Helium-Alligator bis zu Kot-Messern

Insektenforscher mit Spinnenangst wurden ebenso ausgezeichnet, wie jener Schweizer, der bei einem Experiment mit einem Alligator mithalf. In den USA wurden die Ig-Nobelpreise vergeben.

Narzissten-Augenbrauen, Insektenforscher mit Angst vor Spinnen und ein Helium inhalierender Alligator: Zehn wissenschaftliche Studien, die «erst zum Lachen und dann zum Denken anregen» sollen, sind in den USA mit Ig-Nobelpreisen ausgezeichnet worden (gesprochen «ignoble», was übersetzt etwa unwürdig heisst). Wegen der Coronavirus-Pandemie wurde die traditionell schrille Gala in der Nacht zum Freitag diesmal erstmals ausschliesslich im Internet gefeiert. Die bereits zum 30. Mal verliehenen undotierten Auszeichnungen sollen nach Angaben der Veranstalter «das Ungewöhnliche feiern und das Fantasievolle ehren».

So bekamen unter anderem Wissenschaftler aus Kanada und den USA die Auszeichnung in der Kategorie Psychologie für die Entwicklung einer Methode, Narzissten anhand der Untersuchung ihrer Augenbrauen zu identifizieren. Ein Forscher aus den USA bekam den Preis für die Sammlung von Beweisen dafür, dass Entomologen – Wissenschaftler, die Insekten erforschen – Angst vor Spinnen haben, die keine Insekten sind. «Für diese Menschen machen die zwei Beine mehr einen echten Unterschied», sagte der Forscher Richard Vetter in seiner Video-Dankesrede, die wie alle anderen auch vorab aufgezeichnet war.

Auszeichnung für Schweizer Forscher

Wissenschaftler aus Österreich, Schweden, Japan, den USA und der Schweiz bekamen eine Ehrung in der Kategorie Akustik dafür, dass sie einen weiblichen chinesischen Alligator dazu bewegen konnten, in einer mit Helium gefüllten luftdichten Kammer zu grölen. «Alligatoren klingen komisch, wenn sie einen Party-Ballon einatmen», fassten die Forscher ihre Studie zusammen. «Herzlichen Glückwunsch», sagte der Physik-Nobelpreisträger Andre Geim, der ihnen den Preis online überreichte. «Macht es vielleicht noch ein bisschen besser nächstes Mal – vielleicht ohne das Ig.»

In der Kategorie Physik wurden Forscher aus Australien, der Ukraine, Frankreich, Italien, Deutschland, Grossbritannien und Südafrika geehrt dafür, dass sie experimentell herausgefunden hatten, was mit einem lebenden Regenwurm passiert, wenn man seinen Körper mit hoher Frequenz vibrieren lässt. Wissenschaftler aus Schottland, Polen, Frankreich, Brasilien, Chile, Kolumbien, Australien und Italien bekamen die Auszeichnung in der Kategorie Wirtschaft für den Versuch, die Beziehung zwischen der Einkommensungerechtigkeit eines Landes und der durchschnittlichen Häufigkeit von Küssen auf den Mund zu quantifizieren. «Menschen aus weniger gerechten Ländern haben berichtet, dass sie ihre Partner öfter küssen», fassten die Autoren ihre Studie zusammen.

Kau-Geräusche und Messer aus Kot

In der Kategorie Medizin ging der Spasspreis an Forscher aus den Niederlanden und Belgien für die Diagnose eines bislang noch nicht erkannten medizinischen Befunds: Misophonia, der Verzweiflung beim Hören der Kau-Geräusche von anderen Menschen. Wissenschaftler aus den USA und Grossbritannien bekamen die Ehrung in der Kategorie Materialwissenschaften für den Nachweis, dass aus menschlichem Kot gemachte Messer nicht gut funktionieren. Ihre Video-Dankesreden hatten sie auf dem Klo sitzend aufgenommen.

In der Coronavirus-Pandemie liessen sich die Organisatoren der Spasspreise auch einen politischen Seitenhieb nicht entgehen: So wurden die Staatsoberhäupter von Brasilien, Grossbritannien, Indien, Mexiko, Weissrussland, den USA, der Türkei, Russland und Turkmenistan in der Kategorie Medizinische Bildung dafür ausgezeichnet, «dass sie die Coronavirus-Pandemie dafür genutzt haben, der Welt beizubringen, dass Politiker einen unmittelbareren Einfluss auf Leben und Tod haben können als Wissenschaftler und Ärzte». Alle diese Staatsoberhäupter haben bisher die Bedeutung der Pandemie heruntergespielt.

Spenden statt Ticketeinnahmen

Normalerweise verfolgen mehr als 1000 Zuschauer die Gala live in einem Theater der Elite-Universität Harvard. «Wo zur Hölle sind denn alle?», fragte die Wissenschaftlerin Jean Berko Gleason gleich zu Beginn bei ihrer traditionellen Willkommensansprache – alleine vor ihrem Computer. Die Ticketeinnahmen finanzieren das Spektakel, weswegen die Veranstalter diesmal um Spenden baten. Aber auch bei der rund anderthalbstündigen Online-Preisverleihung, die diesmal unter dem Oberthema «Insekten» stand, flogen Papierflieger, es gab Sketche und bizarre Kurz-Opern.

«Wir hoffen, dass die Pandemie bis nächstes Jahr gezähmt ist und wir unsere 31. Verleihung wieder auf einer Bühne machen können», sagte Moderator Marc Abrahams, Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu kurioser Forschung – bevor er die Gala wie immer mit seinen traditionellen Abschlussworten beendete: «Wenn Sie dieses Jahr keinen Ig-Nobelpreis gewonnen haben, und besonders dann, wenn Sie einen gewonnen haben: mehr Glück im nächsten Jahr!»

SDA/chk

3 Kommentare
    Walter Boshalter

    Der letzte Schweizer Beitrag (Friedenspreis 2009 - "Was ist besser; von einer vollen oder leeren Bierflasche am Kopf getroffen zu werden") ist nun 11 Jahre her. Wir sollten die schweizer Akademia auffordern, endlich wieder in sinnvolle Forschung zu investieren.