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Trauriger RekordViele Tote in der Waadt: Aufklärung kommt schleppend in Gang

In keinem Kanton starben mehr Menschen am Coronavirus als in der Waadt. In Alters- und Pflegeheimen kam es zu Dramen.

Mehr Pandemieopfer als in anderen Kantonen: Ein Toter wird am 3. April im Universitätsspital von Lausanne abgeholt.
Mehr Pandemieopfer als in anderen Kantonen: Ein Toter wird am 3. April im Universitätsspital von Lausanne abgeholt.
Foto: Keystone

Seine Corona-Fallzahlen publiziert der Kanton Waadt noch sporadisch. Überwunden ist die Corona-Krise aber noch nicht. Jeden Abend um 22 Uhr erklingt in der Kantonshauptstadt Lausanne die Notglocke der Kathedrale. Der Turmwärter betätigt sie minutenlang. Die Glocke warnte die Bevölkerung im Mittelalter vor Feuersbrünsten.

Dieser Tage ist das Glockengeläut auch ein Zeichen der Trauer. 406 Personen starben im Kanton Waadt seit Anfang März an den Folgen einer Corona-Infektion, mehr als in jedem anderen Kanton. 255 Personen, also über 60 Prozent, verstarben in einem Alters- oder Pflegeheim. Was lief falsch?

Diese Frage würde Philippe Vuillemin, FDP-Kantonsrat und Hausarzt, gerne unter dem medizinischen Brennglas klären. In der Kommission für öffentliche Gesundheit stellte er einen Antrag – und scheiterte. Die Krise soll nun in einem koordinierten Gesamtbericht mit der Geschäftsprüfungs- und der Finanzkommission aufgearbeitet werden. Dem Waadtländer ist das zu wenig. Er sagt: «Natürlich sind die Leute in unseren Altersheimen älter als in anderen Landesteilen, weil wir sie so lange wie möglich zu Hause pflegen.» Bei Epidemien würden Heime damit automatisch zu Hotspots. Die Krise müsse man aber rein medizinisch aufarbeiten.

Neuankömmlinge nicht getestet

Hinweise auf Fehler gibt es zuhauf. «Wir Gewerkschaften haben die kantonalen Gesundheitsverantwortlichen und die Arbeitgeber frühzeitig vor einer Katastrophe gewarnt», sagt Vanessa Monney von der VPOD-Sektion Waadt. Sie hat Aussagen von Krankenschwestern und Pflegenden veröffentlicht. Diese zeigen: Während der Corona-Krise gab es in den Alters- und Pflegeheimen weiter Neuaufnahmen, weil Spitäler ältere Patienten dort platzierten, um Platz für Corona-Patienten zu schaffen. Doch die Neuankömmlinge wurden nicht auf das Coronavirus getestet, und Heimleitungen schränkten ihre Bewegungsfreiheit nicht immer ein, obschon die Gefährlichkeit der Pandemie längst bekannt war und die Infektions- und Todeszahlen stiegen.

Prompt steckten Neuankömmlinge Heimbewohner mit dem Virus an. Es kam zu Dramen. «Die Situation war ausser Kontrolle. Pensionäre und Mitarbeiter hatten sich angesteckt. Im Einzelfall starb ein Bewohner nach dem anderen», bezeugen Pflegende. In einzelnen Waadtländer Altersheimen starb die Hälfte der Bewohner.

«Wir haben uns zuerst auf die Spitäler konzentriert, aber die Altersheime nicht vergessen.»

Rebecca Ruiz, Waadtländer Gesundheitsdirektorin (SP)

Vanessa Monney kritisiert, Pflegende hätten sich weder systematisch noch kostenlos testen lassen können. Bei Durchschnittslöhnen von rund 3000 Franken gehe ein Test ins Geld.«Wenn Pflegende bereits Symptome hatten, ein Test aber negativ war, mussten sie auf Geheiss der Heimverantwortlichen weiterarbeiten», so die Gewerkschafterin. «Zudem lehnte es das Universitätsspital manchmal ab, Pflegende zu testen, die Kontakte zu Infizierten hatten», sagt sie. In einem Fall musste eine Pflegende trotz Symptomen weiterarbeiten. Nach zwei Tagen bekam sie prompt ein positives Testergebnis ausgehändigt.

Wie anderen Kantonen fehlte der Waadt das Schutzmaterial. Kantonsarzt Karim Bobubaker gestand an einer Medienkonferenz, man habe die Schutzmaskenbestände während der Ebola-Krise reduziert und Masken nach Afrika geschickt. Auch Schutzüberzüge waren rar. In der Not arbeitete das Personal in Abfallsäcken.

Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz (SP) verspricht eine Aufarbeitung der Krise. «Wir haben uns zuerst auf die Spitäler konzentriert, aber die Altersheime nicht vergessen», sagt sie. Pensionäre hätten sie zu Beginn der Krise gebeten, sie bloss nicht einzusperren, erinnert sie sich. In Sommerkursen wird der Kanton das Wissen von Pflegenden bei Themen wie Hygiene und Infektionen auffrischen.

Das geht in die Richtung, in die Arzt und Politiker Philippe Vuillemin drängt. Er fordert «besser ausgebildetes Heimpersonal». 70 Prozent des Personals hätten lediglich einen dreiwöchigen Rotkreuz-Kurs besucht, das genüge in einer Krise nicht, so Vuillemin. Darüber hinaus dürfte er eine Gesetzesrevision vorschlagen. Die Waadtländer Alters- und Pflegeheime haben betrieblich einige Unabhängigkeit. Vuillemin will dem Kanton mehr Zugriff geben, damit Heime nach strikt medizinischen Kriterien funktionieren.

15 Kommentare
    max bernard

    Altenpflege bedeutet engsten Körperkontakt. Wenn da keine Schutzausrüstung für das Personal zur Verfügung steht, so ist eine hohe Ansteckungsrate garantiert. Dasselbe Versagen der politisch Verantwortlichen zeigt sich auch daran, dass die zur Ebola-Bekämpfung nach Afrika verschickten Schutzmaskenbestände nicht wieder aufgefüllt wurden. Die grösste Verantwortung für das Desaster tragen jedoch Bundesrat Berset und sein Adlatus Koch, welche monatelang behaupteten Schutzmasken nützen nichts und so deren Gebrauch als sinnlos abgestempelt hatten. Hätte ein Trump sich derart geäussert, dann wäre er von den Medien mit Hohn und Spott überhäuft worden, während Berset und Koch von selbigen als grosse Krisenmanager gefeiert wurden. So geht nationalistische Berichterstattung heutzutage.