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TribüneVerschwörungsvirus

Eine Kolumne von Jürg Acklin.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

Der Alltag nimmt allmählich wieder seinen gewohnten Gang. Auch wir älteren Semester können wieder vorsichtig am Leben teilnehmen. Unsere Kinder und Enkelkinder erscheinen nicht mehr nur auf dem Bildschirm bei Face-Time, wir begegnen ihnen wieder leibhaftig und können sie umarmen.

Erst jetzt wird uns mit der ganzen Wucht bewusst, was uns gefehlt hat. Der Mensch ist ein unglaublich anpassungsfähiges Wesen, manchmal zu seinem Glück, manchmal auch zu seinem Unglück. Bis jetzt haben wir in unserem Land die Pandemie erstaunlich gut gemeistert. Der Bundesrat hat, unter den schwierigen Bedingungen, zusammen mit den Experten – salopp gesagt – einen guten Job gemacht. Auch wir (die Bevölkerung) haben im grossen Ganzen verantwortungsvoll reagiert.

Bei mir stellt sich eine grosse Dankbarkeit ein, dass die Pandemie bei uns, im Gegensatz zu einigen anderen Ländern, bis jetzt glimpflich abgelaufen ist. Die grosse, diffuse Bedrohung hat uns alle mitgenommen. Der Feind zeigt sich nicht, ist kaum zu fassen, wir müssen uns auf Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verlassen, die sich selber immer wieder mit neuen Daten konfrontiert sehen. Es gilt für uns alle, eine unheimliche Unsicherheit auszuhalten. Das ist schwierig, wir wollen Klarheit und Sicherheit, sonst beschleicht uns eine diffuse Angst. Bei labilen Menschen kann sie zur Panik ausarten, die die Ursache für die unsinnigsten Verschwörungstheorien sein kann. Für einige von uns ist die Unsicherheit so unerträglich, dass sie lieber aus der Realität in eine eigene wahnhafte Parallellwelt flüchten.

Gefährlich wird es, wenn Demagogen die Ängste schüren, um diese Menschen zu manipulieren und für ihre gefährlichen Ideologien einzuspannen. Das hat es immer wieder gegeben, das wird es immer wieder geben. Entscheidend sind wir, die grosse Mehrheit, die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt, sondern einerseits Verständnis zeigt für die Ängste der einzelnen Menschen. Andererseits gilt es, den Demagogen entschieden entgegenzutreten, damit aus einem Verschwörungsvirus keine Pandemie wird.

Jürg Acklin ist Schriftsteller und Psychoanalytiker.
Jürg Acklin ist Schriftsteller und Psychoanalytiker.
Foto: PD