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Skandal in der HerzchirurgieUnispital trennt sich von Maisano

Der Klinikchef verlässt das Zürcher Universitätsspital, wie am Donnerstag mitgeteilt wurde. Trennen will man sich aber auch vom Whistleblower, der die Affäre überhaupt erst aufdeckte. Verschiedene Fragen bleiben offen.

Man habe mit dem bisherigen Klinikchef Maisano «eine einvernehmliche Lösung gefunden», teilt die Direktion heute mit.
Man habe mit dem bisherigen Klinikchef Maisano «eine einvernehmliche Lösung gefunden», teilt die Direktion heute mit.
Foto: Keystone

Das Zürcher Universitätsspital versucht, die Situation an der Klinik für Herzchirurgie mit einem Befreiungsschlag zu beruhigen. Am Donnerstag gaben Spitaldirektor Gregor Zünd und Spitalratspräsident Martin Waser bekannt, dass Paul Vogt die Leitung definitiv übernimmt. Ihn hatte man ad interim geholt, als der in die Kritik geratene Klinikleiter Francesco Maisano Anfang Juli beurlaubt wurde.

Maisano wird somit nicht mehr an das USZ zurückkehren. Gegen ihn sind in den letzten Monaten schwerwiegende Anschuldigungen aufgetaucht. «Leider liegt hinter den fachlichen Vorwürfen auch ein zwischenmenschlicher Konflikt», sagte Zünd heute vor den Medien. Das USZ und der Spitalrat hätten alles darangesetzt, diesen Konflikt zu lösen. Doch dies sei nicht möglich gewesen. Deshalb habe man sich entschieden, getrennte Wege zu gehen. Das betreffe beide Exponenten des Konflikts. «Nur so kann die nötige Ruhe wieder einkehren», sagte Zünd.

Es solle Ruhe einkehren, sagt Spitaldirektor Gregor Zünd (rechts).
Es solle Ruhe einkehren, sagt Spitaldirektor Gregor Zünd (rechts).
Foto: Anna-Tia Buss

Von Maisano trennt sich das Spital einvernehmlich, es bestehe keinerlei Verhältnis mehr zum USZ. Mit dem leitenden Arzt hingegen, der die Affäre als Whistleblower aufgedeckt hat, sind offenbar noch Verhandlungen im Gang. Jedenfalls sei noch keine Lösung im gegenseitigen Einvernehmen gefunden worden, so Zünd.

Der Whistleblower müsse aber nicht gehen, weil er mit der Sache an die Öffentlichkeit gegangen sei, so der Spital-Direktor. «Grund dafür ist vielmehr der zwischenmenschliche Konflikt, den wir trotz aller Bemühungen leider nicht lösen konnten.»

«In ruhigere Gewässer»

Spitalratspräsident Waser sprach an der Pressekonferenz von einem «eminent wichtigen Neustart». Es sei darum gegangen, klare Verhältnisse zu schaffen. «Die Führungsfragen sind geklärt, damit leiten wir das USZ wieder in ruhigere Gewässer», sagt Waser.

Tatsächlich hat die Herzchirurgie am USZ äusserst turbulente Zeiten hinter sich. Im vergangenen Dezember übergab ein leitender Arzt der Spitaldirektion eine Dokumentation mit schweren Vorwürfen gegen den damaligen Klinikleiter Francesco Maisano. Eine externe Abklärung durch die Anwaltskanzlei Walder Wyss ergab, dass ein Teil dieser Kritik des Whistleblowers berechtigt war. So habe Maisano Eingriffe mit selbst entwickelten Implantaten beschönigend dargestellt, heisst es im Bericht der Anwälte.

Ausriss aus dem externen Untersuchungsbericht von Walder Wyss.
Ausriss aus dem externen Untersuchungsbericht von Walder Wyss.

Der Klinikchef beschrieb beispielsweise den weltweit ersten Eingriff mit einem neuartigen Implantat in einer wissenschaftlichen Zeitschrift als Erfolg. Obwohl es bei der Operation zu Komplikationen gekommen war. Ein Video zur Weltpremiere war so geschnitten worden, dass es vor den Schwierigkeiten endete. Kurz nach der Veröffentlichung wurde die Firma, die das Implantat besass, für 340 Millionen US-Dollar aufgekauft, wovon Maisano finanziell profitierte.

Eine Gefährdung des Patientenwohls stellten die Anwälte von Walder Wyss nicht fest. Sie bemängelten in ihrem Bericht aber, dass der Klinikleiter finanzielle Interessen an eigenen Neuentwicklungen zum Teil nicht offengelegt habe. Die externe Prüfung fand zudem falsche Angaben in Gesuchen an die Heilmittelbehörde Swissmedic. Maisano hatte dort Ausnahmebewilligungen beantragt für experimentelle Eingriffe mit Implantaten, die damals noch kaum getestet und nicht für den Markt zugelassen waren.

Eine «unsägliche» Kampagne

Das USZ, ein öffentliches Spital mit Versorgungsauftrag, publizierte den brisanten Bericht von Walder Wyss nicht. Stattdessen setzte die Spitaldirektion den Whistleblower vor die Tür. Erst als diese Zeitung die Affäre publik machte, wurden die Ergebnisse der Untersuchung veröffentlicht. Und der leitende Arzt, der den Skandal aufgedeckt hatte, wieder eingestellt.

Francesco Maisano äusserte sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe während mehrerer Wochen nicht öffentlich. Im Juli wehrte er sich dann aber mit einem über 120-seitigen Bericht. In diesem ist die Rede von einer «unsäglichen» Medienkampagne. Die Anschuldigungen gegen den Klinikchef seien haltlos und «ein unfundiertes Konstrukt zur Schädigung von Professor Maisano», schrieben seine Anwälte.

Maisano während einer Operation, bei der es zu Komplikationen kam.
Maisano während einer Operation, bei der es zu Komplikationen kam.
Foto: USZ

Das USZ jedoch distanzierte sich nun immer mehr vom Klinikchef. Anfangs nur beurlaubt, enthob ihn das Unispital Ende Juli des Amtes. Und nun folgt also die definitive Absetzung.

Verschiedene Fragen sind damit aber noch nicht geklärt. So ging Walder Wyss in den letzten Wochen offenbar erneut dem Verdacht nach, dass Patienten zu Schaden gekommen sein könnten. Der Bericht dazu liegt noch nicht vor. Auch die Universität Zürich ist daran, Vorwürfe zu prüfen. Sie untersucht mögliches wissenschaftliches Fehlverhalten durch Maisano. Der Professor bestreitet dies. Er erklärte in seiner ausführlichen Stellungnahme zum Fall, die beanstandeten Publikationen seien lediglich Kurzberichte gewesen. Details zu Komplikationen hätten darin keinen Platz gehabt.

In der Affäre um die Herzklinik sind ausserdem verschiedene Strafanzeigen bei der Zürcher Staatsanwaltschaft hängig. Zum Beispiel hat das USZ Maisano wegen Verdachts auf Urkundenfälschung verzeigt. Der Ex-Klinikchef soll während der laufenden Untersuchung auf Daten im Patientensystem zugegriffen und sie mutmasslich verändert haben. Der Beschuldigte bestreitet dies.

Von unbekannter Seite wurde wiederum Anzeige gegen den Whistleblower wegen angeblicher Arztfehler eingereicht. Und auch der neue Klinikleiter Paul Vogt hat die Justiz eingeschaltet. Er erhielt vor zwei Wochen eine Notiz, die man als Morddrohung verstehen kann. Auf einem Zettel in seinem Briefkasten stand: «Weiterarbeiten heisst Tod.»

Paul Vogt, der Maisano ersetzt, erhielt Drohungen.
Paul Vogt, der Maisano ersetzt, erhielt Drohungen.
Foto: Sebastian Magnani

Heute machte nun die «Weltwoche» publik, dass es neu auch Strafanzeigen gegen Vogt und gegen den gesamten Spitalrat gebe. Es geht um einen verstorbenen Patienten, um den sich Vogt angeblich nicht genügend gekümmert habe, weil er noch in einer Privatklinik operierte.

Diese neue Anzeige zeigt, dass noch lange keine Ruhe an der Herzklinik einkehren wird. Konfliktpotenzial bleibt auch nach dem Abgang von Maisano. Denn mehrere Ärzte, die beispielsweise bei den beschönigenden Publikationen als Autoren dabei waren, bleiben offenbar unbehelligt. Bis der Bericht von Walder Wyss vorliegt, ist auch unklar, wie das Spital mit dem Vorwurf der Patientengefährdung durch Maisano umgehen will.

Die Zürcher Patientenstelle hat bereits Ende Juni eine Strafanzeige wegen Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung eingereicht. Angehörige von Verstorbenen hatten sich gemeldet und schwere Vorwürfe erhoben. Eine mögliche Körperverletzung sieht die Patientenstelle auch deshalb, weil der Klinikchef die Patientinnen und Patienten zum Teil ungenügend über die potenziell hohen Risiken der Eingriffe informiert habe.

Eine Plattform für Whistleblower

Ist dieser Vorwurf für das Spital nun einfach aus der Welt? Will man die Vergangenheit lieber ruhen lassen? Spitalratspräsident Waser betonte heute, dass noch nicht alle Ergebnisse vorlägen. Man führe die angestossenen Untersuchungen aber mit dem gleichen Elan wie bisher fort.

Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands schweizerischer Patientenstellen, beruteilt das aktuelle Vorgehen des Universitätsspitals dennoch kritisch. «Niemand bestreitet heute mehr, dass Missstände auch bezüglich Patientensicherheit am USZ bestehen und schnellstens behoben werden müssen», sagt sie. Dass auch der Arzt gehen müsse, der den Fall ungeachtet persönlicher Konsequenzen ins Rollen gebracht hat, werfe «ein sehr schlechtes Licht auf die Verantwortlichen». Ziltener fragt: «Wie sollen in Zukunft patientengefährdende Strukturen aufgedeckt werden, wenn sich damit Whistleblower in Gefahr begeben, dass ihnen die Existenz entzogen wird?»

Das USZ teilt heute mit, dass es bisher tatsächlich kein System gegeben habe, um anonym Meldungen über Missstände zu platzieren. «Genau dies soll künftig mit einer anonymen Plattform erreicht werden», heisst es aber in einer Mitteilung. Die Einführung erfolge in den nächsten Wochen. Entsprechende Vorwürfe sollen dann nicht intern, sondern von einer externen Firma abgeklärt werden. Weiter wolle man ein «Transparenz-Register» einführen, in dem Nebenbeschäftigungen und Beteiligungen von Klinikdirektoren deklariert werden.

Das USZ teilte am Donnerstag an einer Medienkonferenz die neusten Schritte in der Affäre um die Herzklinik mit.
Das USZ teilte am Donnerstag an einer Medienkonferenz die neusten Schritte in der Affäre um die Herzklinik mit.
Foto: Christian Beutler (Keystone)


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17 Kommentare
    Manuela Schneeberger

    Der Whistleblower muss gehen, weil man so weitere Whistleblowers warnen möchte, daselbe zu tun! Quasi Einschüchterung a la SP!