Bezirksgericht

Unfallfahrer erhält letzte Chance auf Freiheit

Mit Alkohol und Medikamenten intus fuhr ein Mann anfangs 2016 frontal in ein entgegenkommendes Fahrzeug. Dabei verletzte er ein älteres Ehepaar schwer. Am Mittwoch stand er deswegen vor Bezirksgericht.

Ein Mann baute 2016 unter Einfluss von Medikamenten und Alkohol einen Unfall und musste sich vor dem Bezirksgericht am Mittwoch dafür verantworten.

Ein Mann baute 2016 unter Einfluss von Medikamenten und Alkohol einen Unfall und musste sich vor dem Bezirksgericht am Mittwoch dafür verantworten. Bild: Marc Dahinden

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Da ist nichts, gar nichts. Keine einzige Erinnerung an den Unfall, bei dem der Mann heftig mit einem entgegenkommenden Auto kollidierte. Frühjahr 2016: Kurz vor Kollbrunn gerät der Fahrer in einer Linkskurve rechts auf die Wiese, reflexartig reisst er das Steuer nach links, zu weit nach links. Auf der Gegenfahrbahn kommt ihm ein Auto mit 80 Stundenkilometern entgegen: Frontalkollision. Ein älteres Ehepaar zieht sich schwere Verletzungen zu. Gehirnerschütterungen, mehrere Knochenbrüche im Oberkörper und den Beinen. «Lebensbedrohlich», steht dazu in der Anklageschrift.

Der Unfallverursacher kam mit einem offenen Unterschenkel glimpflicher davon. Die Strasse zwischen Hittnau und Kollbrunn ist danach mehrere Stunden komplett gesperrt.

«Es wird wohl so gewesen sein», sagte der Beschuldigte am Mittwoch zu den Schilderungen vor Gericht. Mittvierziger, Jeans, Arbeitsschuhe, seit 2012 arbeitslos. Er machte eine Erinnerungslücke geltend.

Psychiatrische Behandlungen

Seit längerer Zeit befindet er sich in psychiatrischer Behandlung. «Depressionen, bipolar, ADHS, immer wieder Burnouts», zählte er vor Gericht seine Krankenakte auf, er ist ein regelmässiger Patient in Kliniken. «Um herauszufinden, was ich für einen Dachschaden habe.»

Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte er die Medikamente Cipralex, Trittico und Ritalin in seinem Blut. Seit vier Jahren klärt die Invalidenversicherung ab, ob er Anspruch auf eine Rente hat. Die Familie lebt von Darlehen der Verwandtschaft und dem Einkommen der Frau. «Meinem Goldschatz», wie der Beschuldigte sagte. Tagsüber kümmert er sich um die gemeinsame Tochter, während die Frau arbeitet und sich abends um den Haushalt kümmert.

Bis heute nicht abstinent

Nach dem Unfall fand die Kantonspolizei im Auto eine Whiskey- und Colaflasche, die er zuvor leergetrunken hatte. 1,44 Promille musste er beim Aufprall intus gehabt haben. Die Halbliter-Petflasche war sein stetiger Begleiter: Jeden Tag mischte er sich darin seinen Whiskey-Cola zusammen, Verhältnis 1:3. «Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre sonst immer gleich die ganze Whisky-Flasche weg gewesen», sagt der Beschuldigte zu seinem Alkoholproblem.

Nicht immer blieb er in solchen Situationen auch dem Auto fern: Im Spätsommer 2014 war er mit 1,5 Promille Alkohol im Blut unterwegs, er erhielt eine bedingte Geldstrafe und musste an einem Lernprogramm an Gruppensitzungen teilnehmen, an denen er über seinen Alkoholismus sprach.

Als «Stressprogramm» und «chaotisch» bezeichnete er es vor Gericht. Was er damit meine, hakte das Gericht nach. «So wie ich es gesagt habe: chaotisch», antwortete er schnippisch und leicht genervt. Bei seinen Antworten wirkte er meist kurz angebunden. Bis heute ist er nicht abstinent, trinkt am Abend «ein oder zwei Bier», um herunterfahren zu können.

«Es gibt Leute, die erhalten für Schlimmeres eine weniger drastische Strafe.»Der Beschuldigte

Dabei weiss er selber gut genug, was auf den Strassen alles passieren kann. Seine Schwester starb bei einem Verkehrsunfall, als sie 17 war. «Eingeschlossen» habe er sich gefühlt, weil die Eltern danach solche Angst um ihn gehabt und kaum mehr rausgelassen hätten.

Seit dem Unfall ist ihm der Fahrausweis auf unbestimmte Zeit entzogen worden. «Ich will nach dieser ganzen Situation auch gar nicht mehr Auto fahren», sagte der Beschuldigte. Die Möglichkeit dazu hätte er aber: Das Auto steht zuhause, die Frau geht mit dem Zug zur Arbeit.

«Könnte jedem passieren»

Der Staatsanwalt forderte vom Gericht eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren mit einer Probezeit von vier Jahren. Dafür sollte die bedingte Geldstrafe von der letzten alkoholisierten Autofahrt aufgehoben werden. Denn der Beschuldigte verfügt ja über kein eigenes Einkommen, sondern nur über ein Taschengeld von 300 Franken pro Monat. Unter einer finanziellen Sanktion würden sonst am Ende die Frau und das Kind mitleiden.

Anders sah dies der Verteidiger. Er verlangte ein deutlich milderes Strafmass: Eine Busse von 500 Franken sowie eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 10 Franken. Ausserdem sollte die Bewährung der Vorstrafe um zwei Jahre verlängert werden.

Er argumentierte, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Wechselwirkung von Medikamenten und Alkohol in diesem konkreten Fall nicht nachgewiesen sei. Es gelte also «in dubio pro reo» — im Zweifel für den Angeklagten.

Auch sei nicht zwingend der Alkohol am Unfall schuld, der Beschuldigte sei eine «alkoholgewohnte Person» und somit sei auch die Wirkung auf die Fahruntüchtigkeit geringer gewesen. Für den Verteidiger war es ein tragischer Unfall, der aber nur durch eine kurze Unaufmerksamkeit geschah: «Der Fahrfehler könnte jedem, auch einem nüchternen Fahrer, passieren.» Er plädierte deshalb, den Beschuldigten nur für Nichtbeherrschen des Fahrzeugs zu verurteilen.

Rückfallgefahr abklären

Das Gericht war davon aber gar nicht überzeugt. Der Beschuldigte erscheine ihnen in einem desolaten Zustand, das Alkoholproblem sei «massiv und nicht aufgearbeitet», eine Rückfallgefahr deshalb nicht ausgeschlossen. «Sie haben sich nicht mit ihrer Tat auseinandergesetzt und verdrängen sie.» Das Gericht ordnete deshalb an, die Rückfallgefahr durch einen Gutachter überprüfen zu lassen. «Die Gefahr ist zu gross. Tendenziell hätten wir uns jetzt eher für eine unbedingte Freiheitsstrafe entschieden.» Der Beschuldigte solle das Gutachten deshalb als Chance sehen, dieses Problem nun anzugehen.

Am Ende schüttelte der Beschuldigte nur noch den Kopf. «Es gibt Leute, die erhalten für Schlimmeres eine weniger drastische Strafe», sagt er, im Foyer des Bezirksgerichts stehend. Während der Befragung hatte ihn das Gericht gefragt, wie er seine Zukunft sehe. «Schitter bis rosig», antwortete er. Das Urteil wird voraussichtlich in der zweiten Hälfte 2019 gesprochen.

Erstellt: 13.12.2018, 12:02 Uhr

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