Zürich

Zürcher rüsten auf

Verunsicherung wegen Amokläufen und Terroranschlägen reicht nicht aus, damit man eine Waffe in der Öffentlichkeit tragen darf. Sinn und Unsinn des privaten Aufrüstens.

<b>Schusswaffen kontrovers diskutiert:</b> In der Hand von Privaten erhöhen sie die Sicherheit oder sorgen für zusätzliche Gefahr.

Schusswaffen kontrovers diskutiert: In der Hand von Privaten erhöhen sie die Sicherheit oder sorgen für zusätzliche Gefahr. Bild: Keystone

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«Schweizer bewaffnet euch», forderte der Walliser SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor im «Blick». Der Anwalt und Waffenlobbyist hat seine Aussage vor dem Hintergrund der kürzlichen Terroranschläge und Amokläufe in Deutschland und Frankreich gemacht. «Bewaffnete Schweizer auf den Strassen können durch beherzten Einsatz der Waffe Menschenleben retten», sagt der Hauptmann des Schweizer Militärs im Boulevardblatt.

Eine Waffe können sich Herr und Frau Schweizer allerdings nicht einfach im Supermarkt kaufen. Zunächst braucht es einen Waffenerwerbsschein. Im Kanton Zürich muss man ein entsprechendes Gesuch in seiner Wohngemeinde einreichen. Neben dem Formular braucht es einen Auszug aus dem Strafregister und die Kopie eines Ausweises. Der Gesuchsteller muss zudem mindestens 18-jährig sein. Ausländer müssen weitere Dokumente beibringen.

Stark schwankende Verkäufe

Wer mehr als einen Eintrag im Strafregister hat oder als gewalttätig bekannt ist, scheitert an dieser Hürde. Tatsächlich hat die Zahl der ausgestellten Waffenerwerbsscheine im Kanton Zürich vom Jahr 2014 ins 2015 von 3201 auf 3794 zugenommen. Das entspricht einem Plus von 18,5 Prozent. Ein Blick weiter zurück zeigt aber, dass die Zahl stark schwankt. 2013 waren es laut Auskunft der Kantonspolizei noch 6064 Waffenerwerbsscheine gewesen (2012: 4840; 2011: 6468 und 2010: 3325). Aktuell sind im Kanton Zürich rund 150 000 Waffen registriert.

Ob die Steigerung der Erwerbsscheine von 2015 mit der gefühlten Bedrohungslage zu tun hat, darüber lässt sich nur mutmassen. Der Bülacher Waffenhändler Kurt Zimmermann sagt auf alle Fälle, er habe 2016 bisher «eindeutig mehr Waffen verkauft». Beziffern kann Zimmermann das nicht. Er schätzt aber: «Rund 20 bis 30 Prozent der Mehrverkäufe haben mit der Terror- und Amokbedrohung zu tun.»

Eine Waffe zu erwerben dürfte für die meisten unbescholtenen Bürger noch keine grosse Hürde darstellen. Ist die Waffe erst einmal gekauft, heisst das nicht, dass man sie tragen darf. Dazu braucht es eine Waffentragbewilligung. Im Kanton Zürich sind dafür die Statthalterämter zuständig. Der Gesuchsteller muss glaubhaft machen, dass eine Gefährdung vorliegt. Typischerweise erhalten Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten eine Bewilligung. Laut Auskunft des Statthalteramtes Zürich sind 2015 zwischen 50 und 60 Gesuche eingegangen, die mehrheitlich genehmigt wurden. Bewilligungen würden restriktiv gehandhabt. Verunsicherung wegen Anschlägen und Amokläufen sei keine gültige Begründung. Wer eine Waffen nur transportieren will – der Schütze in den Schiessstand, der Jäger ins Jagdrevier – braucht keine Waffentragbewilligung.

Sicherheit ist Staatsaufgabe

Die kantonale Sicherheitsdirektion von Regierungsrat Mario Fehr (SP) will sich zum Sinn und Unsinn des privaten Aufrüstens nicht äussern. Mediensprecher Urs Grob sagt aber: «Wir tun alles, damit die Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet ist. Sie kann auf die Arbeit der Polizei vertrauen.»

Die Winterthurer SVP-Nationalrätin und Sicherheitspolitikerin Natalie Rickli geht mit Mediensprecher Grob einig: «Sicherheit ist die wichtigste Aufgabe des Staates.» Je weniger es ihm gelinge, diese Aufgabe zu lösen, desto lauter würden Forderungen wie jene von Jean-Luc Addor. Aus ihrer Sicht werde heute das Geld falsch ausgegeben: «Zuviel für Dinge, die nicht Staatsaufgaben sind, beispielsweise Integration, im Sozialbereich oder bei der Kultur.»

Nehme der Staat seine Aufgabe wahr, halte sie wenig vom Vorschlag ihres Parteikollegen. Natalie Rickli sagt, es könne gar gefährlich sein, wenn sich Leute bewaffnen würden, die nicht über Waffenkenntnisse verfügen.

«Schusswaffen verbannen»

Trotzdem schliesse sie sich nicht der Forderung der Winterthurer SP-Nationalrätin Chantal Galladé an. Diese sagte im «Blick», sie wolle die rund zwei Millionen privaten Schusswaffen verbannen. «Die Schweiz wird sicherer, wenn weniger Schusswaffen im Umlauf sind», sagte die SP-Politikerin. Die Bürgerwehr-Fantasie von Jean-Luc Addor bezeichnete Galladé als ein «Horror-Szenario». Mehr bewaffnete Bürger hiesse, dass Amokläufe oder Terroranschläge noch blutiger würden.

Erstellt: 27.07.2016, 20:05 Uhr

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