Wo einst Bier gebraut wurde, wohnen heute die Reichen

Die neue Liegenschaft Seepanorama in Rapperswil-Jona lockt mit exklusiven Wohnungen in der idyllischen Kempratner Bucht. Damit hat das einstige Bierdepot des Wädenswiler Biers dasselbe Schicksal ereilt, wie manches Hopfen-Areal zuvor.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wein, Most und Schnaps trinken die Menschen in der Zürichsee-Region seit Jahrhunderten. Wann genau das Bier aus dem Norden erstmals hierher gekommen ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Im Rapperswiler Stadtarchiv finden sich erst im 19. Jahrhundert schriftliche Zeugnisse.

Schon 1824 gab es in Rapperswil eine «Bierbrauerey» im Gasthaus «Hirschen» am Fischmarktplatz und etwas später eine weitere im «Pfauen». In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen die gewerblichen Kleinbrauereien zu. Auch Kempraten besass nun eine eigene: die Kronen-Brauerei. Die Kleinbrauereien produzierten jedoch nur für den Bedarf der eigenen Gaststätte.

In Feldbach gründete Hans Heinrich Hürlimann 1836 die gleichnamige Brauerei, die in Zürich bald zur grössten der Schweiz werden sollte. Auf der gegenüberliegenden Seeseite entstand etwa zur selben Zeit aus einer Schnapsbrennerei die Brauerei Wädenswil. Diese wurde 1866 vom Bierbrauer Michael Weber übernommen, dessen Vater 1832 in Schaffhausen das damals hierzulande noch unbekannte bayrische Brauverfahren (untergärig) eingeführt hatte. Seine Nachfahren bauten die Brauerei Wädenswil zu einem erfolgreichen Bierunternehmen aus.

Im Zuge der industriellen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand auch im Brauereigewerbe ein Übergang von der gewerblichen Kleinbrauerei zur industriellen Grossbrauerei statt. Der Konkurrenzkampf wurde härter: Viele kleine Brauereien wurden vom Markt verdrängt oder aufgekauft.

Biertransport über den Zürichsee

Die grossen Bierbrauereien belieferten ihre Kunden mit Pferde-Fuhrwerken. So auch die Brauerei Wädenswil bis in die 1890er-Jahre. Doch weil die meisten Kunden am Zürichsee wirteten, entschied man sich, sie auf dem Seeweg zu beliefern.

Die Gebrüder Franz und Fritz Weber, welche die Brauerei Wädenswil in der zweiten Generation führten, beauftragten die Firma Escher Wyss & Cie. in Zürich mit dem Bau eines geeigneten Schleppdampfers. In Wädenswil wurde ein Brauereihafen angelegt, der mittels einer Seilbahn mit dem Betrieb verbunden war.

Ab 1893 konnte der Dampfer «Gambrinus», benannt nach dem legendären König und angeblichen Erfinder des Bierbrauens, die Seegemeinden mit Bier beliefern. Er wurde zum unverwechselbaren Markenzeichen der Brauerei und ziert noch heute das Logo der Wädi-Brau-Huus AG.

Zur selben Zeit errichteten die Gebrüder Weber in verschiedenen Ortschaften Depots als Zentren für neue Absatzmärkte. Nebst Lachen, Männedorf und Zürich setzten die Brüder auf den Standort Kempraten: Es sollte nach Zürich das zweitgrösste Depot werden. Sie sahen in der Region Rapperswil grosses Potenzial. Einerseits stieg die Zahl der hiesigen Gaststätten im 19. Jahrhundert rasant an: 1881 zählte die Stadt 39 Wirtschaften, was einer Gaststätte auf 68 Einwohner gleichkam. Andererseits schuf die neu gebaute Zürcherstrasse eine interessante Verbindung zu den industriell pulsierenden zürcherischen Gemeinden Rüti, Bubikon und Wald, denn es wurde allmählich Mode unter den Arbeitern, Bier zu trinken.

Zur Römerzeit vermutlich ein Hafen

Fritz und Franz Weber fanden in Kempraten das geeignete Land just an der Stelle, wo sich nach archäologischen Funden bereits zur Römerzeit ein Hafen befunden haben dürfte: im Kreuzungsbereich der Zürcher- und Rütistrasse. Sie kauften am 18. Januar 1898 den Gebrüdern Wieland vom «Rössli» in Kempraten das «11,005 ares» grosse Grundstück mit direktem Seeanstoss samt «Sust mit Werkstätte» für 15 000 Franken ab (als Vergleich: Der Depositär erhielt damals einen Tageslohn (zehn Stunden) von rund 5.40 oder 5.10 Franken, inklusive zwei Liter Bier).

Damit der «Gambrinus» seine flüssige Fracht in Kempraten abladen konnte, mussten aufwendige Bauarbeiten vorgenommen werden. Die alten Gebäude wurden abgerissen und ein neues Depot mit schmuckem Wohnhaus für den Verwalter gebaut. In der Kempratner Bucht aber ist das Wasser zu niedrig für ein voll beladenes Bierschiff. Deshalb mussten umfangreiche Aushubarbeiten vorgenommen werden, damit der Schleppdampfer beim Anlegen nicht auf Grund lief.

Laut den Geschäftsbüchern der Brauerei wurden im Frühling 1898 rund 2000 Kubikmeter lehmiger Seegrund ausgebaggert, um einen schiffbaren Kanal zu schaffen. Die Arbeiten waren nicht ungefährlich, weshalb ein Badeverbot angebracht wurde. Für drei Hühnerhändler aus Italien – wie das «St. Galler Volksblatt» vom 20. Juli 1898 berichtete – ohne Nutzen: «Die Verunglückten gerieten aber in den diesen Frühling von der Brauerei Wädenswil ausgebaggerten Kanal, der künftighin den Schiffen die Einfahrt ermöglichen soll.» Alle drei ertranken.

Nun musste noch ein passender Anlegesteg gebaut werden. Um die Fracht vom Schiff besser ins Depot bringen zu können, wurden eigens Stahlgeleise darauf verlegt. Doch das Depot war noch nicht ganz betriebsbereit: Es folgten Investitionen von rund 40 000 Franken, unter anderem für die «Pferdestalleinrichtung», weitere «Baggerarbeiten» sowie für die Einrichtung des Wohnhauses. Man schaffte Pferdewagen, Schlitten und Geschirr an, denn die Verteilung vom Depot in die umliegenden Gaststätten wurde per Fuhrwerk gemacht.

Der Kundenkreis wächst und wächst

1900 waren die Bauarbeiten abgeschlossen und das Depot bezugsbereit. An der Zürcherstrasse in Kempraten standen ein stattliches Wohnhaus mit Stallung sowie ein Bier- und Eismagazin. Ab diesem Zeitpunkt verzeichnen die Geschäftsbücher regelmässig die «Eiskellerfüllung in Kempraten». Man war bereit, das Wädenswiler Bier unter die Rapperswiler zu bringen.

Die Hauptbücher und Verkaufsjournale der Brauerei zeigen, dass nur wenige Rapperswiler Gaststätten vor 1900 Wädenswiler Bier ausschenkten. 1897 waren es lediglich das «Jägerstübli», das «Central» und die Tonhalle. Zwei Jahre später kamen noch das Restaurant «Schiff» und das «Bellevue» hinzu. Nach Fertigstellung des Depots stieg die Zahl sprunghaft an.

Nur wenige Jahre später zählten fast alle Rapperswiler Restaurants, Hotels und Gaststätten zum Kundenkreis der Wädenswiler Brauerei: «Quellenhof», «Falkenburg», «Schwanen», «Bellevue», «Anker», «Sonne», «Schiff», «Glashof», «Bahnhofbuffet», Hotel «Post», «Stadthof», «Rathaus», «Ratskeller», «Löwen», «Schäfli», «Bahnhof», «Krone», «Kreuzli», «Schwert», Hotel «Speer», Handlung A. Marty, «Paragraph 11» und «Bären».

Ferner wurde in Jona der «Schwesternrain» beliefert und sogar auf der Insel Ufenau trank man das Wädenswiler Bier. Übrigens: Am meisten Bier wurde in der Stadt Rapperswil übrigens im «Bahnhofbuffet» getrunken, dicht gefolgt vom Restaurant «Quellenhof».

Schifffahrt bei jeder Witterung

Seit 1900 mussten die Bierschiffe bei jeder Jahreszeit und Witterung die Versorgung für die Stadt gewährleisten. Denn Bier wurde mittlerweile viel getrunken: Das «Kellerbuch» von 1925 verzeichnet folgende Lieferungen nach Kempraten: am 1. September 5 Fass dunkles Bier (139 Liter) und 65 Fass normales Bier (2086 Liter) sowie 20 Harassen dunkles und 70 Harassen helles Bier. Retourniert wurden 3506 leere Flaschen. Der September 1925 schien ein durstiger Monat gewesen zu sein, denn bereits am 8. September wurden weitere 70 Fässer und über 120 Kisten und nochmals zwei Tage später weitere 30 Fässer geliefert.

Gerade bei schlechtem Wetter war die Anfahrt in der Kempratner Bucht abenteuerlich. Noch gab es keine Schiffsradare und die Gefahr, auf Grund zu laufen, war gross.

Ein «modernes» Depot entsteht

Das Wädenswiler Bier war nun mit Abstand das meist getrunkene Bier in Rapperswil und blieb es auch noch lange. Denn im sogenannten Bierkartell von 1935 wurden die Regionen der Schweiz den Brauereien zugeteilt. Erst 1991 brach das Bierkartell zusammen.

Als der motorisierte Verkehr nach dem Zweiten Weltkrieg zunahm, wurde im Zuge der Rationalisierung auch der Schiffstransport neu überdacht. In den 1960ern beschloss die dritte Generation Weber, weiter auf den Seetransport zu setzen. Die Geschäftsleitung schaffte 1966 ein neues Bierschiff an: ein modernes Dieselmotorschiff namens «Vadin», mit 176 PS, von 30 Metern Länge und einer Tragkraft von 65 Tonnen.

Vor diesem Hintergrund wurde 1965 entschieden, in Kempraten ein «modernes, den heutigen Verhältnissen und Anforderungen entsprechendes Bier- und Mineralwasser-Depot» zu bauen. Man beauftragte das Architekturbüro Riva in Rapperswil mit dem Neubau. 1967 wurden eine neue Fahrrinne und ein Uferbau für rund 1,5 Millionen Franken projektiert, damit die Schiffe direkt landen konnten. Mit dem neu eingeführten Palettsystem entlud man das Bier effizienter.

Wegen der Gebäudegrösse musste das Fundament tiefergelegt werden, wodurch ein zweites Kellergeschoss entstand. Die Gesamtkosten des neuen Depots samt Fahrrinne und Anlegeplatz beliefen sich nach heutiger Berechnung auf 12 bis 14 Mio. Franken.

1968 wurde das neue Depot in Betrieb genommen. Nun stand ein massiv konstruiertes Gebäude mit zwei Kellergeschossen, einem Erd- und einem Obergeschoss und Flachdach am See. Im Obergeschoss befanden sich drei Wohnungen und im Erdgeschoss die Verladehalle inklusive einer Garage für zwei LKW. Zwei Paternosteraufzüge verbanden das erste und zweite Kellergeschoss mit den Lagerräumen.

Noch über 20 Jahre lang brachten die Bierschiffe ihre Fracht in das neue Depot in Kempraten. 1973 wurde die Brauerei Wädenswil mit sechs anderen Familienunternehmen als Sibra Holding SA in den Markennamen Cardinal umgewandelt.

1990 kaufte die Feldschlösschengruppe die Wädenswiler Brauerei auf, was zu deren Auflösung führte. Im darauffolgenden Jahr erwarb Architekt Quirino Riva das Depot mit der Auflage, es während 30 Jahren nicht an ein in der Getränkebranche tätiges Unternehmen zu veräussern oder zu vermieten». Daran hat sich Riva gehalten - seit kurzem haben Luxuswohnungen die einstige Gewerbeliegenschaft abgelöst.

* Basil Vollenweider aus Rapperswil-Jona ist Historiker.

Erstellt: 04.03.2019, 18:07 Uhr

Brauereien

Was aus den Bier-Arealen geworden ist

Dort wo einst Bier gebraut oder angeliefert wurde, ist nicht mehr viel vom ursprünglichen Zweck sichtbar. Einzig im Feldbacher Stammhaus der Hürlimann-Gruppe gibt es ­– Beiz sei Dank – noch einen Zapfhahn für Bier. Eine Inschrift an der Fassade des historischen erinnert beim Feldbacher Kreisel an das «Stammhaus» und informiert, dass von 1836 bis 1865 hier Bier gebraut wurde. 1866 zügelte die Firma in der Stadt Zürich.

Auf der anderen Seeseite sind die meisen Zeitzeugen der Bierbrauerei von Wädenswil längst verschwunden. Ein alter Hochkamin inmitten der Loftwohnungen weist noch auf das historische Erbe des Areals hin, das zwischen der Eisenbahnlinie nach Einsiedeln und jener nach Richterswil liegt. Auch das Kesselhaus besteht noch, allerdings komplett ausgehöhlt. Die hochpreisige Wohn- und Gewerbeüberbauung würde Anfang der 2000er-Jahre unter dem klingenden Namen «Lago Mio» erbaut.

Das Schicksal des ehemaligen Bierdepots zu Luxuswohnungen ist auch in Rapperswil-Jona besiegelt. Das ehemalige Gebäude der Wädenswiler Brauerei in Kempraten diente ab 1992 der Epos International als Zentrum für eine europaweite Zusammenarbeit. Epos (European Public Network Operators Open Learning Service) war ein EG-Projekt zur Realisierung eines europaweiten Bildungssystems, das durch Telekommunikation und damals modernste Informationstechnologie das computer-unterstützte Lernen «auf Distanz» ermöglichen sollte. Die Schweiz übernahm als Gründungsmitglied die Gastgeberrolle und entschied sich für den Standort Rapperswil. Im umgebauten Depot trafen sich regelmässig die PTT-Vertreter der Mitgliederländer Italien, Deutschland, Spanien, Schweden, Niederlanden und der Schweiz, um die Entwicklung eines gemeinsamen, telekommunikations-basierten Bildungssystems zu erarbeiten.

Kein Zürichsee-Phänomen

1995 änderte sich die Gebäudenutzung abermals: Nach grossen Umbauten zu einem Spitalbetrieb zog die Rosenklinik an die schöne Seelage, wo fortan orthopädische Leiden behandelt wurden. Im Jahr 2016 wechselte die Klinik an ihren neuen Standort.

Das Gebäude wurde im Frühjahr 2017 bis auf die Untergeschossdecke eingeebnet. Ende 2018 wurde die Liegenschaft Seepanorama mit acht Premium-Wohnungen in der Bucht von Kempraten fertiggestellt. Die Nutzung dieser einmaligen Lage mit dem unvergleichlichen Blick über den Zürichsee ist damit für die nächsten Jahrzehnte definiert.

Dass Brauerei-Areale umgenutzt werden, ist kein Phänomen das sich ausschliesslich auf die Zürichsee-Region beschränkt. Schweizweit wurden solche Flächen zu Wohnparadiesen oder Gewerbeflächen umgestaltet. In Zürich etwa – dort wo die Feldbacher Hürlimann-Gruppe im 19. Jahrhundert hinzog, ist ebenfalls nicht mehr viel von der damaligen Nutzung sichtbar. Einzelne Gebäude haben zwar ihren historischen Charakter bewahrt, werden aber längst anders genutzt. Es entstand etwa ein Thermalbad und der Internetriese Google hat ein grosses Forschungszentrum auf dem Areal untergebracht. (red)

Brauerei in Wädenswil

Nach dem Verkauf wieder auferstanden

Nach dem Untergang der Wädenswiler-Biertradition durch die Lancierung von «Cardinal» und dem späteren Verkauf der Firma an Feldschlösschen im Jahr 1990 dauerte es nur zwei Jahre, bis die Wädenswiler wieder ein eigenes Bier brauten. 1992 beschliesst Gary Wuschech-Kistler zusammen mit Freunden, an die guten alten Zeiten wieder anknüpfen zu wollen. Am 29. Februar 1992 wird auf dem Gessner-Areal «di alt Fabrik» das Gasthaus mit Brauerei eröffnet. Im Jahr 2000 übernimmt Christian Weber die Wädi-Brau-Huus AG. Damit ist die fünfte Generation der Gründer-Familie wieder am Werk. 2005 gerät die Firma ins Schlingern, weil man zu viel Geld in die Lancierung von neuen Marken investiert hat. Die Übernahme durch einen Konkurrenten kann abgwendet werden. Seither ist es geschäftlich um die Wädenswiler Brauerei wieder ruhiger geworden. Seit nunmehr über 150 Jahren wird damit in Wädenswil der beliebte Gerstensaft gebraut. (ckn)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles