Medien

Wie SVP-lastig ist Blochers Zeitung?

Seit die «Winterthurer Zeitung» von Christoph Blocher und seiner Zeitungshaus AG übernommen wurde, habe die SVP im Blatt viel mehr Platz erhalten. Das hat der «Verein für Medienvielfalt» in einer Untersuchung festgestellt. Der WiZe-Herausgeber nennt diese Auswertung «einen Witz».

Die «Winterthurer Zeitung» habe nach der Übernahme durch Christoph Blocher laut einer Studie seine inhaltliche Ausrichtung stark geändert. Die Gratis-Zeitung berichte häufiger über Politik und viel mehr über die SVP als vorher.

Die «Winterthurer Zeitung» habe nach der Übernahme durch Christoph Blocher laut einer Studie seine inhaltliche Ausrichtung stark geändert. Die Gratis-Zeitung berichte häufiger über Politik und viel mehr über die SVP als vorher. Bild: Patrick Gut

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Es war eine Aussage im «Landboten», die den Verein für Medienvielfalt herausforderte. Rolf Bollmann, Verwaltungsratsdelegierter der Zeitungshaus AG, hatte nach der Übernahme der Winterthurer Zeitung (WiZe) durch die Zeitungshaus AG im August 2017 gesagt: «Dass nun quasi die SVP übernommen hat, ist einfach dummes Zeug.» Die Mitglieder des Vereins für Medienvielfalt empfanden dies anders. Die SVP habe massiv mehr Präsenz erhalten, beklagten sie und versprachen, ihre Vermutung bald mit Zahlen zu belegen. Der Verein für Medienvielfalt mit Sitz im Winterthur, war als Reaktion «auf den Aufbau eines Lokalzeitungsimperiums durch Christoph Blocher» gegründet worden. Nun liegen die versprochenen Zahlen vor. Der Verein hat eine qualitative und quantitative Auswertung des redaktionellen Teils der WiZe vorgenommen. Laut Matthias Erzinger, SP-Mitglied und Sprecher des Vereins, zeigt diese, dass die WiZe nach der Übernahme deutlich politischer ausgerichtet wurde. Von März bis August 2017 hatten nur rund 8 Prozent der Artikel eine politische Ausrichtung, zwischen dem 1. September 2017 und dem 31. Dezember 2018 waren es 53 Prozent.

GLP kommt kaum vor

Stark im Blatt präsent war in dieser Zeit laut der Auswertung vor allem die SVP. Sie finde in 30 Prozent der Artikel Erwähnung. Kurz vor den Stadt- und Gemeinderatswahlen gar in 62 Prozent. Zähle man FDP, CVP sowie die bürgerliche Allianz für Winterthur, Hauseigentümerverband und KMU-Vereinigung hinzu, komme man seit der Übernahme auf eine Präsenz von 50 Prozent. Parteien von Mitte bis Links kämen im gleichen Zeitraum nur auf 11 Prozent, die GLP auf 3 Prozent. Für Erzinger ist das Fazit klar: «Die Auswertung zeigt, dass die Winterthurer Zeitung zu einer SVP-Zeitung geworden ist.»

«Die Winterthurer Zeitung ist zu  einer SVP-Zeitung geworden».Matthias Erzinger,
Sprecher Verein für
Medienvielfalt

Durchgeführt wurde die Auswertung unter Federführung von Heinz Bonfadelli, emeritierter Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich. Bonfadelli ist ebenfalls Mitglied im Verein und hat wie die anderen an der Auswertung Beteiligten laut Erzinger ehrenamtlich gearbeitet.

Er habe darauf geachtet, dass die Untersuchung auf objektiven wissenschaftlichen Standards basiere, sagt Bonfadelli auf Anfrage. Man habe jeweils die Nennungen der Parteien in Artikeln festgehalten. Erzinger ergänzt, der Verein habe vor allem Schwerpunktberichte ausgewertet und nicht jede Kurzmeldung angeschaut. Auch habe man darauf verzichtet, im Detail zu untersuchen, in welchem Kontext die Nennung erfolgte. «Eine solche Auswertung hätte unsere Möglichkeiten überstiegen.»

Einige offene Fragen

Guido Keel, Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW hat die Auswertung für den «Landboten» angeschaut. Es sei zu begrüssen, dass Personen mit «medienwissenschaftlichem Fachverstand» an der Untersuchung mitgewirkt hätten. «Das ist keine hinreichende, aber eine notwendige Voraussetzung für eine wissenschaftliche Arbeit.» Er sieht trotzdem ein paar offene Fragen: «Als Wissenschaftler würde ich gerne wissen, was die Verantwortlichen unter dem Begriff ‹erwähnt› verstehen.» Zudem sei es zwar ein Befund, dass eine Partei genannt werde, aber eine andere Frage, wie sie in der Berichterstattung vorkomme, ob positiv oder negativ. Zumindest könne man aufgrund der Untersuchung aber sagen, dass die politische Berichterstattung und die Nennung von Parteien in der WiZe massiv zugenommen hätten. «Insofern finde ich die Studie eine gute Ausgangslage, um mit den WiZe-Verantwortlichen zu diskutieren.»

«Es waren Wahlen, da war die  Berichterstattung überall politischer.»Rolf Bollmann,
Verwaltungsratsdelegierter Zeitungshaus AG

Herausgeber Rolf Bollmann stellt nicht in Abrede, dass es nach der Übernahme mehr politische Artikel gab. «Erstaunlich ist das nicht, denn die Auswertung fiel genau in die Zeit der Wahlen. Alle Zeitungen griffen in dieser Zeit vermehrt politische Themen auf», sagt er. Er halte die Auswertung für «einen Witz». «Wir hatten auch bezahlte PR-Beiträge in der Zeitung, welche die Verantwortlichen einfach mitzählten. Diese kostenpflichtigen Kolumnen stehen allen Parteien offen, SP, EVP und AL haben sie jedoch im Gegensatz zu den bürgerlichen Parteien nie genutzt.» Auch die regelmässige Kolumne Christoph Blochers sei mitgezählt worden.

Zudem habe es zahlreiche Veranstaltungsberichte gegeben, etwa über das Jodlerfest oder den Weihnachtmarkt, bei dem SVP-Mitglieder mitgearbeitet hätten. «Diese Artikel wurden ebenfalls als SVP-Berichte gewertet, obwohl sie keine politische Komponente hatten», sagt Bollmann. Den Vorwurf, die WiZe sei eine SVP-Zeitung, weist er von sich. «Dass die Zeitung eher bürgerlich ausgerichtet ist, ist kein Geheimnis. Aber wir sind nicht eigentlich ein politisches Blatt. Mit nur vier Redaktoren haben wir auch nicht die Kapazität dazu.»

SVP provoziert

Bollmann gibt weiter zu bedenken, dass die SVP auch provoziere und dadurch wohl auch in vielen anderen Medien mehr Nennungen habe als andere Parteien.

Matthias Erzinger sagt, der Verein für Medienvielfalt wolle ähnliche Untersuchungen auch in anderen Lokalzeitungen anstreben, etwa dem Tagblatt der Stadt Zürich. Zudem will er demnächst die Winterthurer Bevölkerung mit Flugblättern auf die Ergebnisse der Untersuchung aufmerksam machen.

Rolf Bollmann zeigt sich verärgert. «Langsam habe ich die Nase voll von diesem linkspopulistischen Verein.» Er erwäge rechtliche Schritte.

Erstellt: 22.01.2019, 17:15 Uhr

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