Gefängnisse

Weniger Häftlinge, längere Strafen

Die Gefängnisse im Kanton Zürich sind gut ausgelastet. Neue Daten belegen: Die Zahl der Verwahrten nimmt zu und die Insassen werden älter. Dies stellt den Justizvollzug vor neue Herausforderungen.

Ruhezeit gehört dazu: Etwas mehr als zehn Stunden pro Tag verbringen die Gefangenen in der Zelle.

Ruhezeit gehört dazu: Etwas mehr als zehn Stunden pro Tag verbringen die Gefangenen in der Zelle. Bild: zvg / Justizdirektion

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Die Tür zur Freiheit fällt ins Schloss. Es ertönt ein elektronisches Surren, die Besucher stehen in der Sicherheitsschleuse. Durch das Glas erhascht man einen Blick auf einen der Innenhöfe der Justizvollzugsanstalt Pöschwies: Betonmauern, Stacheldraht, Gitter – nur ein Bruchteil der Anlage ist zu sehen. Sie wird umfasst von einer 1300 Meter langen Gefängnismauer, hat 1613 Räume, 2035 Türen und bietet Platz für 426 Häftlinge. Es ist das grösste Gefängnis der Schweiz und die wichtigste der 13 Institutionen des kantonalzürcherischen Amts für Justizvollzug (JuV).

Dieses stand in den vergangenen Monaten wiederholt in der Kritik. Es häuften sich aufsehenerregende Vorfälle: ein Häftling, der nach einem Urlaub nicht mehr in die Pöschwies zurückkehrte und im Zürcher Seefeld ein Zufallsopfer tötete, eine Aufseherin, die im Gefängnis Limmattal mit einem Häftling durchbrannte, Suizide in Zellen, erniedrigende Haftbedingungen für den jungen Straftäter Carlos im Gefängnis Pfäffikon.

Der Druck auf den Justizvollzug hat zugenommen, das öffentliche Interesse ebenfalls. Wohl auch deshalb sassen gestern mehrere Journalisten im Gefängnis – in einem Sitzungszimmer der Pöschwies wohlgemerkt, in welches das JuV zu seiner ersten Jahresmedienkonferenz überhaupt geladen hatte.

«Dorf mit eigenem Groove»

«2016 war für uns ein schwieriges Jahr», sagte JuV-Chef Thomas Manhart. Gefängnisse würden meist dann zum Thema, wenn etwas schieflaufe. Wenig hört man dagegen vom Alltag: von den über 440 000 Aufenthaltstagen pro Jahr, die sich auf 1357 Haftplätze verteilen – ein Drittel davon in der Pöschwies. «Das hier ist ein geschlossenes Dorf, ein kleines Paralleluniversum mit einem eigenen Groove», sagte Manhart.

Mit der kantonsweiten Auslastung von 89 Prozent im vergangenen Jahr ist er zufrieden. «In anderen Kantonen sind die Gefängnisse überlastet.» Die Zürcher Justiz hat sogar Ausbaupläne. Es werden verschiedene Varianten geprüft – unter anderem 200 bis 250 zusätzliche Plätze in der Pöschwies als allfälliger Ersatz für die Gefängnisse in Horgen, Affoltern und am Flughafen.

Zwar ist die Zahl der Häftlinge leicht rückläufig. Knapp 2500 Personen sassen Ende 2016 hinter Gittern, 100 weniger als vor vier Jahren. Das liegt vor allem am Rückgang der Kleinkriminalität. Bei den schweren Verbrechen hingegen hat sich die Quote kaum verändert. Das hat Konsequenzen: «Die Leute bleiben heute länger im Gefängnis», sagte Manhart. Das zeigt sich beispielsweise in der Verwahrung: 2012 wurden 12 300 Aufenthaltstage verzeichnet, inzwischen sind es 13 800. «Es kommen neue Personen rein, aber keine mehr raus.»

Mit Hafturlauben ist der Justizvollzug aufgrund der jüngsten Vorkommnisse vorsichtiger geworden. 2012 wurden noch 267 Urlaube aus dem geschlossenen Regime erteilt, 2016 nur noch 193.

Jeder Dritte ist ein Muslim

Anhand der Pöschwies lässt sich weiter zeigen, dass sich die Gefängnisse vermehrt auf ältere Häftlinge einstellen müssen. 1998 waren noch fünf Insassen älter als 60 Jahre, inzwischen sind es 30. «Wir haben deshalb eine Gruppe für Alter und Gesundheit mit 30 Plätzen, die auch für die Pflegegeeignet sind», sagte Pöschwies-Direktor Andreas Naegeli.

Auch die Herkunftsländer der Häftlinge gilt es im Alltag zu berücksichtigen. 29 Prozent der Insassen stammen aus der Schweiz, der Rest verteilt sich auf 61 Nationen. Der Anteil der Christen beträgt 47 Prozent, die Muslime stellen mit 37 Prozent die zweitgrösste Religionsgemeinschaft. Die Pöschwies beschäftigt deshalb neu nebst einem katholischen und einem reformierten Seelsorger auch einen Imam in einem Vollzeitpensum. Bisher hatte die Anstalt mit vier bis fünf einzelnen Imamen zusammengearbeitet. Die Konzentration auf eine Person ermögliche es nun, den Imam entsprechend auszubilden, sagte Naegeli.

Konversionen vom Christentum zum Islam, wie man es von Gefängnissen oft hört, stellt Naegeli nur vereinzelt fest. Zahlen dazu hat er nicht. Hingegen hat er beobachtet, dass sich im Gefängnis kaum praktizierende Muslime plötzlich der Religion zuwenden. Das sei aber auch bei Christen so. Manhart sagte: «Wirmüssen aber gut hinschauen, dass es nicht zu Radikalisierungen kommt.» (Landbote)

Erstellt: 14.07.2017, 13:40 Uhr

leicht positiver Effekt

Therapien mindern die Gefahr eines Rückfalls

Erhält ein Straftäter eine Therapie, ist die Gefahr eines Rückfalls kleiner. Dies zeigt eine Studie, welche die Rückfallrate von Gewalt- und Sexualstraftätern auswertete, die im Kanton Zürich inhaftiert waren. Jérôme Endrass, stellvertretender Leiter des ­Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes, stellte die Resultate gestern vor. Von jenen Inhaftierten, die eine Therapie erhalten hatten, wurden in den ersten 6½ Jahren nach der Entlassung 12 Prozent wieder straffällig. In der Gruppe, in der niemand eine Therapie erhalten hatte, waren es 16 Prozent. Das heisst: Von 25 therapierten Straftätern werden statistisch gesehen drei rückfällig, bei 25 untherapierten sind es vier. Der Vorteil scheine nicht riesig zu sein, sagte Endrass. Aber: «Momentan sind 300 Personen in Therapie. Es werden somit zwölf Rückfälle verhindert.» Die Therapie ist nur eine Präventionsmassnahme in den Züricher Gefängnissen nebst anderen wie Berufsausbildung und Seelsorge. (miw)

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