Neugeborene

Unser Kind heisst Amelia-Leano

In der Frage, in welchem Fall ein Kind kein eindeutiges Geschlecht hat, liegen Ärzte und Vertreter von Betroffenen weit auseinander. Trotzdem findet in den Spitälern ein Umdenken über zwischengeschlechtliche Neugeborene statt.

Bei manchen Kindern ist das Geschlecht nicht so eindeutig.

Bei manchen Kindern ist das Geschlecht nicht so eindeutig. Bild: Gaëtan Bally

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Amelia und Leano waren 2018 die beliebtesten Namen für die Neugeborenen im Kantonsspital Winterthur (KSW). Was ist jedoch, wenn das Kleine weder eine Amelia noch ein Leano ist? Anders gesagt, wenn es weder ein Mädchen noch ein Bub ist? Die Eltern jedenfalls sind in diesem Fall oft geschockt. Dies sagt auch Rita Gobet, Leiterin Fachbereich Urologie am Universitäts-Kinderspital Zürich. «Das Geschlecht ist das Erste, wonach Grosseltern oder Paten fragen.»

Es kommt allerdings selten vor, dass ein Kind kein eindeutiges Geschlecht hat, in Winterthur schon gar nicht fünfmal im Jahr, wie das KSW letzte Woche irrtümlicherweise meldete. Aber es kommt vor. «Wir hatten 2018 einen einzigen Fall, bei dem wir das Geschlecht bei der Geburt nicht direkt festlegen konnten», sagt Susanne Wagner, leitende Ärztin der Geburtshilfe. Das ist ein halbes Promille aller Geburten.

Ein Bub und doch kein Bub

Wirklich? Markus Bauer und Daniela Truffer von Zwischengeschlecht.org, der Interessenvertretung von Intersex-Personen, veranschaulichen ihre Position mit einem Beispiel: «Bei vielen Intersex-Kindern sagen die Ärzte zum Beispiel: Wir wissen, es ein Bub. Aber die Harnröhre mündet nicht an der Penisspitze.» In diesem Fall spricht man von einer Hypospadie.

«Das Geschlecht ist das Erste, wonach Grosseltern oder Paten fragen.»Rita Gobet, Leiterin Fachbereich Urologie am Kinderspital Zürich

Tatsächlich ziehen die Kinderärzte in solchen Fällen einen eindeutigen Schluss: «Bei den meisten Hypospadiefällen steht fest, dass aus dem Neugeborenen ein Junge wird. Das können wir anhand der Chromosomen und der Hormone eindeutig festlegen», sagt Gobet vom Kinderspital Zürich: «Wenn wir eine Hypospadie operieren, erzwingen wir damit keineswegs das Geschlecht des Kleinkinds.» Zwischengeschlecht.org sieht das anders. Auf seiner Homepage steht: «Bei Hypospadie ist eine Operation medizinisch nicht notwendig.» Eine Operation bedeute, dass eine Harnröhre gelegt wird. «Das zieht bei mehr als der Hälfte der operierten Kinder Komplikationen nach sich», steht weiter auf der Homepage.

Bub kann nicht richtig pinkeln

Bauer und Truffer fordern deshalb, mit einer Operation zu warten, bis die Betroffenen selbst entscheiden können. Der Einwand von Psychologen, dass es für einen Jungen diskriminierend sei, wenn er nur im Sitzen pinkeln könne, greift nicht für Bauer und Truffer. Die beiden fordern noch mehr. Operationen an Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung bezeichnen sie als «Intersex-Genitalverstümmelungen». Sie fordern, «dass diese endlich unter Strafe gestellt werden und dass die Verjährungsfristen entsprechend festgesetzt werden, sodass auch erwachsene Betroffene später klagen können».

Der Streit betrifft noch weit mehr Abweichungen bei den Genitalien als nur Hypospadie. Sehr umstritten ist auch, was bei einer Klitorisvergrösserung und bei einer verengten Vagina bei Mädchen gemacht werden soll. Ausgenommen vom Streit sind nur Operationen, die medizinischunbedingt notwendig sind, zum Beispiel um den Harnabfluss zu sichern.

Wie viele Intersex-Kinder also tatsächlich geboren werden, ist letztlich Ansichtssache. Dabei sind die Fronten verhärtet. Gobet sagt: «Die Ansichten von Zwischengeschlecht.org sind sehr extrem.»

Fürs Leben gezeichnet

Für Daniela Truffer war vor allem ihr Leidensweg extrem. Sie wurde ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale geboren. Die Ärzte identifizierten sie als Mädchen. Im Alter von zehn Wochen entfernten sie bei ihr die Hoden, später schnitten sie den Mikropenis zurück. «Meine Eltern wussten nicht, was die Ärzte machten», sagt Truffer. Sie muss bis heute Hormone nehmen und hat Narben im Genitalbereich.

«Früher wurden tatsächlich Fehler gemacht», sagt Gobet vom Kinderspital. Heute findet vor einer möglichen Operation wegen Hypospadie ein ausführliches Gespräch zwischen Eltern, Ärzten, Psychologen und Ethikern statt. Das schweizerische Menschenrechtskomitee der UNO verurteilt zwar die «weiterhin durchgeführten Genitaloperationen in der Schweiz». Es lobt aber ausdrücklich, dass das Zürcher Kinderspital damit begonnen hat, vergangene Fehler aufzuarbeiten.

Erstellt: 10.01.2019, 08:26 Uhr

Rita Gobet, Leiterin Fachbereich Urologie am Kinderspital Zürich

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