Tierplage

«Taubenpapst» wirft den SBB Versagen vor

Der bekannte Basler Biologe Daniel Haag-Wackernagel brandmarkt den kürzlich erfolgten Abschuss von 90 Tauben im Hauptbahnhof Winterthur als «reine ­Alibiübung». Damit werde gar die Vermehrung der Tauben gefördert.

Strassentauben und ihr Kot?wurden am HB Winterthur zunehmend zum Problem. In den letzten Monaten wurden deshalb 90 Tiere getötet.

Strassentauben und ihr Kot?wurden am HB Winterthur zunehmend zum Problem. In den letzten Monaten wurden deshalb 90 Tiere getötet. Bild: Johanna Bossart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich predige seit über 20 Jahren, dass das Abschiessen von Tauben keinen nachhaltigen Einfluss auf die Populationsgrösse der Vögel hat», sagt Daniel Haag-Wackernagel, Taubenforscher an der Universität Basel. Kein Wunder, dass er deshalb den in den letzten Monaten erfolgten Abschussaktionen des SBB-Taubenjägers auf dem Gelände des Winterthurer Hauptbahnhofs nichts Positives abgewinnen kann.Im Gegenteil: Mit dem Abschuss der 90 Tauben bewirke man laut wissenschaft­lichen Studien gar eine noch stärke­re Vermehrung der Vögel, weiss Haag-Wackernagel. Der Grund: Bei einem Vakuum im Lebensraum der Tauben brüten die Vögel verstärkt, und es überleben so mehr Jungvögel.

«SBB haben kapituliert»

«Untersuchungen zeigen, dass Taubenschwärme, die bis auf 20 Prozent ihrer Grösse reduziert worden waren, bereits nach wenigen Wochen wieder ihren früheren Bestand erreichten oder gar noch grösser wurden», ergänzt Sara Wehrli, Wildbiologin beim Schweizer Tierschutz.

Auch sie glaubt deshalb, dass dem Taubenabschuss in Winterthur kein dauerhafter Erfolg beschieden sein wird. «Oft müssen schon nach kurzer Zeit erneut Tauben geschossen werden.» Ihr Fazit: «Es ist bedauerlich, dass die SBB vor dem Taubenproblem im Hauptbahnhof Winterthur kapitulieren.»

Tauben nicht mehr füttern

Für den Basler Biologieprofessor Daniel Haag-Wackernagel kann eine Lösung des Problems allein dann erreicht werden, wenn man das Nahrungsangebot der Tauben drastisch senkt. «Nur wenn man den Tauben die Nahrungsgrundlage entzieht, bekommt man die Sache in den Griff», ist er überzeugt.

Er werde dazu Mitte April an einer Medienkonferenz ein leicht modifiziertes Taubenkonzept prä­sentieren. «Denn bis jetzt hat man in Sachen Taubenaufklärung die Ausländer in der Schweiz schlicht vergessen», sagt Haag-Wackernagel. Mittels Plakaten und Flyern mit vielen Bildmotiven und in acht Sprachen wolle man den «oft sehr tierliebenden ausländischen Mitbürgern» aufzeigen, wie wichtig es ist, die Tauben nicht zu füttern. «Gerne würden wir diese Unterlagen gegen die Vermehrung der Tauben auch den SBB und der Stadt Winterthur zukommen lassen, wenn dies gewünscht wird.»

Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz begrüsst diese Initiative von Professor Haag-Wackernagel. Ihrer Ansicht nach hat sich aber auch das Modell mit den kontrollierten Taubenschlägen bewährt. «Ich würde deshalb den SBB und der Stadt Winterthur raten, diesen Weg konsequent weiterzuverfolgen. Gut möglich, dass man deshalb in Betracht ziehen muss, auf dem Dach des Winterthurer Hauptbahnhofs weitere Taubenschläge zu installieren.»

Für den Taubenschlag auf dem Hauptbahnhof, der eine schonende Dezimierung der Tauben erreichen soll (unter anderem werden die Taubeneier gegen Gipseier ausgetauscht), ist die Stadt Winterthur zuständig. Man sei bei den SBB jedoch nurein­gemietet, präzisiert Jürg Stünzi, Leiter der Abteilung Entsorgung im Tiefbauamt und Leiter der städtischen Arbeitsgruppe Sauberkeit.

«Vielleicht würde es aber tatsächlich helfen, weitere Taubenschläge auf dem SBB-Areal zu errichten.» Doch inwieweit dies notwendig und machbar sei, müssten letztlich die SBB selber entscheiden. «Der Ball liegt auf jeden Fall bei den SBB», sagt Stünzi.

Bundesbahnen winken ab

Doch die SBB winken ab. «Ein weiterer kontrollierter Taubenschlag am Bahnhof Winterthur ist derzeit nicht vorgesehen»,erklärt SBB-Sprecher Oliver Dischoe. Allerdings stehe man in regelmässigem Austausch mit der Stadt Winterthur. Den SBB sei zudem durchaus bekannt, dass das Füttern der Tauben deren Vermehrung begünstigt. «In der SBB-Bahnhofordnung ist denn auch festgehalten, dass das Füttern von Vögeln und anderen Tieren untersagt ist», sagt Oliver Dischoe.

Obschon man an vielen Stellen im Hauptbahnhof Winterthur mit Metallstiften und Netzen nachgerüstet habe, habe dies alles nicht ausgereicht, um die Population der Vögel zu verringern. Der Abschuss der 90 Tauben sei deshalb unumgänglich gewesen. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 04.04.2016, 00:04 Uhr

Weniger Ratten in Winterthur

Noch vor wenigen Jahren konnte man solch unschöne Schlag­zeilen lesen wie «Ratten fühlen sich wohl in Winterthur». Damals sichtete man im Zentrum Winterthurs diese ungeliebten Nager tatsächlich vermehrt. Vor allem im Bahnhofbereich. Die Stadt Winterthur beschloss daraufhin, zusammen mit den SBB das Problem anzugehen. Die ­gemeinsame Bekämpfung mit Köderboxen hat mittlerweile zu einer Beruhigung der Situation geführt. «Bei Begehungen wurden zudem die Rattenbauten zugeschüttet», schreibt die Stadtverwaltung. «Die Rattenpopulation ist auf ein normales Mass zurückgegangen. Dank der Bautätigkeit rund um den Bahnhof fühlen sich die Tiere gestört, was hilft, die Population eher klein zu halten.» tm

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben