Regionalwirtschaft

Start-ups begrüssen die neue Steuerpraxis

Die Start-ups im Kanton Zürich atmen auf: Die Finanzdirektion kommt Jungfirmen mit hohem Innovationsgrad steuerlich entgegen. Experten in der Region sehen darin aber vor allem die notwendige Korrektur einer Fehlentwicklung.

Für neu gegründete Firmen im Kanton Zürich ist das Steuerregime gelockert worden – damit sind die Spiesse im Standortwettbewerb wieder gleich lang.

Für neu gegründete Firmen im Kanton Zürich ist das Steuerregime gelockert worden – damit sind die Spiesse im Standortwettbewerb wieder gleich lang. Bild: Symbolbild/Keystone

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85 Prozent der im Kanton Zürich ansässigen Jungunternehmen können sich wegen der Steuerbelastung einen Wegzug aus Zürich vorstellen. Das hatte eine Umfrage des Förderprogramms Venturelab unter 61 Start-ups im Kanton Zürich vom Sommer ergeben. Laut Venturelab hatten bis zur Anpassung der steuerlichen Bestimmungen für Jungfirmen durch die Finanzdirektion vor wenigen Wochen einige prominente Start-up-Gründer den Kanton verlassen und ETH-Spin-offs in Nachbarkantonen gegründet.

Der Kanton sah sich zum Handeln gezwungen. Mit seiner Weisung vom 1. November legte er fest, dass bei Finanzierungsrunden von Start-ups künftig nicht mehr nur befristet auf den Substanzwert abgestellt wird, sondern so lange, bis repräsentative Geschäftsergebnisse vorliegen.

Veränderte Bedürfnisse

Auf Anfrage der ZSZ sind Jung­firmen in der Region äusserst zurückhaltend mit Aussagen zu der von der kantonalen Finanzdirektion gewährten Steuerentlastung oder allfälligen Wegzugsgelüsten. Einzig die im November 2012 gegründete Firma VRMandat.com in Männedorf ist zu einer Stellungnahme bereit. VRMandat.com dient als Onlinevermittlungsplattform für Verwaltungs-, Stiftungs- und Beiräte.

Der Geschäftsführer von VRMandat.com, Dominic Lüthi, hat in jüngster Zeit «einen leichten Zuwachs an suchenden Start-ups» festgestellt. Eine Korrelation zum Steuererlass der Finanzdirektion lasse sich jedoch nicht beweisen. In seiner Funktion als Präsident des Unternehmer-Forums Zürichsee (UFZ) sieht Lüthi aber keine Veränderungen. Verändert hätten sich dafür die Bedürfnisse vieler Start-ups. Digitalisierte Prozesse, aktives Netzwerken, virtuelle Präsenz in sozialen Netzwerken, schlanke Organisationen mit Verfügbarkeiten on Demand sowie mobile Arbeitsplatzunabhängigkeit seien heute gewichtige Themen. Lüthi ist sich nicht sicher, «ob der Gesetzgeber diesen Veränderungen in allen Bereichen genügend Rechnung trägt». Als Stichworte führt er starre Strukturen, Auflagen in gewissen Bereichen, Regulatoren sowie eben steuerliche Belastungen an.

Ein dezidierter Kritiker der Steuerpolitik bei Jungfirmen im Kanton Zürich ist der Geschäftsführer von Grow, Dolf van Loon (siehe auch «Nachgefragt»). Die Gründerorganisation aus Wädenswil fördert Unternehmensideen bei Lifesciences, Facility-Management und Informatik. Im Bereich Wirtschaftsförderung und -entwicklung habe die Steuerpraxis dem Kanton klar geschadet, «obwohl das geänderte und jetzt wieder revidierte Regime kaum zu nennenswerten Mehreinnahmen geführt hätte», sagt der Titularprofessor der Uni Basel. Es gehe im vorliegenden Fall auch nicht um eine Steuererleichterung für Jungunternehmen, sondern nur um die notwendige Korrektur einer Fehlentscheidung, «die dem Kanton Zürich Wettbewerbsnachteile gebracht hat, sogar im innerschweizerischen Vergleich». Für van Loon ist klar, dass sich die Zürcher Steuerbehörden etwas einfallen lassen müssen, «zum Schutz und Vorteil des Wirtschaftsstandortes im Kanton, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen». Die jetzt und nicht sehr freiwillig beschlossene Korrektur könne daher nur ein erster Schritt sein.

In die richtige Richtung

Am rechten Seeufer freut sich Michael Collasius über die neuen Steuerbestimmungen seitens des Kantons, umso mehr, als er sich eben erst selbstständig gemacht und die Hombrechtikon Systems Engineering AG gegründet hat. Als Management-Buy-out der Qiagen Instruments AG in Hombrechtikon, für die Collasius als Standortleiter tätig war, entwickelt das Hightech-Start-up Systeme für die Medizintechnik.

Ohne steuerliche Praxisänderung «in die richtige Richtung» wäre es Collasius – gerade als Investor seiner neuen Firma – schwergefallen, am jetzigen Standort festzuhalten: «Auch wenn wir zurzeit noch von unserer Mutter, der Qiagen Instruments AG, Aufträge erhalten, sind wir noch lange kein stabiles, sprich geschäftlich erfolgreiches Unternehmen.»

Wer in einer solchen Situation auch noch steuerlich stark belastet werde, in einer Phase, in der das Geld vor allem für den Aufbau gebraucht werde, müsse sich schon überlegen, «ob Zürich der richtige Standort ist, um sein Geschäft zu betreiben», sagt Collasius. Dabei werden die wirtschaftlichen Rahmbedingungen von Michael Collasius, der auch Geschäftsführer von Toolpoint ist – der Standortorganisation der am rechten Seeufer stark vertretenen Laborautomatisations-Branche –, als positiv bezeichnet: So ist die Hombrechtikon Systems Engineering AG mit ihrem Thema in einem Wachstumsmarkt tätig. Dazu kommt, dass die Schweiz bei Medizinaltechnik und Lifesciences weltweit eine Spitzenposition einnimmt.

Wohlwollen aus Rapperswil

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Kanton Zürich befinden sich in Rapperswil-Jona einige vielversprechende Start-ups im Aufbau. Die neue Ausgangslage im Nachbarkanton nehmen sie mit Interesse zur Kenntnis. Der Chef der jungen IT-Firma Bexio, Jeremias Meier, begrüsst es grundsätzlich sehr, dass sich der Kanton Zürich zu einer Start-up-freundlicheren Steuerpolitik hinbewegt: «Einen Kantonswechsel wird das aber für Bexio nicht zur Folge haben», hält er fest.

Die Co-CEO des Online-Offertenportals Gryps.ch, Priska Schoch, bezeichnet die neuen steuerlichen Bestimmungen auf Zürcher Seite als sehr gut: «Erst wenn repräsentative Geschäftsgewinne vorliegen, ist man kein Start-up mehr und soll entsprechend Steuern bezahlen.» Damit ist laut Schoch die Situation im Kanton Zürich mit der im Kanton St. Gallen vergleichbar, «und ein Umzug in den Kanton Zürich wäre für uns eine Möglichkeit, aber keine Notwendigkeit». Unter den alten Bedingungen wäre Gryps.ch aber nicht in den Kanton Zürich gezogen. Als Firmengründer beziehe man einen tiefen Lohn und damit tiefe Sozialleistungen, erklärt Schoch: «Das ist ein bereits hoher Preis, den man für innovatives Handeln bezahlt.» Diesen nehme man in Kauf, weil man auf spätere, bessere Zeiten hinarbeite. Zusätzliche hohe Steuern würden bei vielen vermutlich das Aus bedeuten. Oder man müsste auf Erspartes zurückgreifen, um Steuern zu bezahlen, «was viele Gründer nicht können oder auch nicht wollen». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.12.2016, 10:20 Uhr

Finanzdirektion sieht Start-up-Standort Zürich klar im Vorteil

Der Kanton Zürich meldet sich zurück als attraktiver Standort für Start-ups.

Der von der Zürcher Finanzdirektion am 1. November verkündete Steuererlass für Start-ups hat die schwierige Situation für Jungunternehmen mit innovativem Geschäftsmodell im Kanton Zürich entschärft. Der von Politik und Wirtschaft geforderte Entscheid macht die Anfang Jahr eingeführte Regelung rückgängig. Neu müssen Hightech-Startups Investorengelder nicht mehr sofort als Vermögen versteuern, sondern erst, wenn sie mit ihrer Firma Geld verdienen.

Am Ende zählt das Ergebnis

«Wenn es für eine gute Lösung zwei Etappen brauchte, mag das vielleicht ein Schönheitsfehler sein – am Ende zählen aber das Ergeb­nis und die Stärkung des Wirtschaftsstandortes», sagt ­Roger Keller, Kommunikationsbeauftragter der Zürcher Finanzdirektion. Immerhin gehe es auch um so wichtige Rechtsgüter wie die verfassungsmässig verlangte Gleichbehandlung aller Steuerpflichtigen. Die Reaktionen aus Zürcher Start-up-Kreisen seien wohlwollend bis sehr gut. So heisse es, die neue Regelung stärke den Kanton Zürich als Start-up-Stand­ort. Hier befinde sich die stärkste und mit Abstand grösste Start-up-Szene der Schweiz.

Für Keller ist nicht verwunderlich, dass die steuerliche Situation von Start-up-Aktionären im Kanton Zürich besonders bedeutsam ist. Das Bedürfnis für eine klare Regelung der steuerlich nicht einfachen Fragen sei hier stark ausgeprägt. Es sei von Anfang an das Ziel von Finanz­direktor Ernst Stocker gewesen, dass Start-ups im Kanton Zürich zumindest gleiche Bedingungen haben sollen wie in anderen ­Kantonen. Das sei mit der neuen Lösung mehr als gewährleistet, ­erklärt Keller: «Wenn man bei ­zumindest gleicher steuerlicher Behandlung die hervorragenden Standortfaktoren des Kantons Zürich mitberücksichtigt, dann sind die Voraussetzungen bei uns insgesamt klar besser als anderswo.» Was das Ausland betreffe, insbesondere Deutschland, sei zu beachten, dass Aktionäre dort bei einem Verkauf ihrer Anteile mit der Kapitalgewinnsteuer erheblich belastet werden, «die wir in der Schweiz nicht kennen».

In der Region sind die Meinungen geteilt. Grundsätzlich begrüssen alle angefragten Experten und Start-ups die neue Lösung. Es gibt allerdings auch kritische Stimmen, die das neue Steuerregime nur als ersten Schritt in die richtige Richtung sehen. (Thomas Schär)

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