Winterthur

«Die Solidarität zwischen den Generationen wird gelebt»

Alternde Gesellschaft, AHV-Reform und der Wert von Arbeit: Drei Menschen aus drei Generationen diskutieren.

Drei Generationen blicken auf die heutige Gesellschaft: Vera Stanek vom Seniorenverband, der Student Nicolas Egli und die Journalistin Regina Speiser (von links).

Drei Generationen blicken auf die heutige Gesellschaft: Vera Stanek vom Seniorenverband, der Student Nicolas Egli und die Journalistin Regina Speiser (von links). Bild: Marc Dahinden

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Nicolas Egli, Sie studieren und stehen am Anfang Ihrer Berufskarriere. Denken Sie manchmal ans Rentenalter?
Nicolas Egli: Bei mir ist es so, dass ich ein sehr aktiver Mensch bin und neben dem Studium bereits viel arbeite. Und ich denke, dank meiner Ausbildung später die Chance zu einen Job zu haben, der mir Freude macht. «Arbeiten» bedeutet für mich darum wohl nicht das Gleiche wie für jemanden, der Fliessbandarbeit leistet. Wenn man sich ein Stück weit selbst verwirklichen kann – das scheint ja ein Ziel zu sein, das meine Generation prägt –, unterscheidet man weniger zwischen «arbeiten» und «nicht arbeiten».

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie dies hören, Frau Stanek? Ist das ein grosser Unterschied zu den Senioren von heute?
Vera Stanek: Ich muss sagen, ich bin beeindruckt von dieser Einstellung. Ein Vergleich mit den Senioren ist schwierig. Es gibt solche, die ihre Freizeit geniessen. Aber gerade im Seniorenverband begegne ich vielen, die aus Freude weiterarbeiten und etwas für andere tun wollen. Denn es ist ein gutes Gefühl, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Regina Speiser: Ein Unterschied zu früher ist sicherlich, dass heutzutage viele junge Menschen sich selbst verwirklichen wollen. Das war früher meistens nicht möglich, da ging es um die Existenzsicherung.
Stanek: Für mich war mein Beruf als Elektroingenieurin meine Selbstverwirklichung. Aber es stimmt, die Möglichkeiten waren noch nie so vielfältig wie heute. Als ich bei Sulzer damals arbeitete, reduzierte ein Kollege sein Pensum auf 80 Prozent. Bei Sulzer war das möglich, aber verstanden hat das niemand.

Regina Speiser, was fällt Ihnen auf, wenn Sie die Welt Ihrer Tochter mit jener vergleichen, in der Ihre Eltern aufwuchsen?
Speiser: Meine Eltern sind keine Akademiker und haben mir ein Studium ermöglicht. Das war ihnen wichtig und ihr Stolz. In ihrem Berufsleben haben beide ganz anders gekämpft als ich. Als ich in den 1990er-Jahren zu arbeiten begann, gab es nicht so viele Weiterbildungsmöglichkeiten, wie sie meine Tochter haben wird. Das heute so vielfältige Schweizer Bildungssystem mit all den Fachhochschulen ist eine wahnsinnige Errungenschaft.

Und was halten Sie davon, dass der Ständerat jetzt das Frauenrentenalter 65 beschlossen hat?
Speiser: Gleichberechtigung sollte auch für das Rentenalter gelten. Aber solange es für Frauen noch nicht den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit gibt, frage ich mich schon, warum Frauen gleich lange arbeiten sollen. Aber natürlich weiss ich auch: Wir werden immer älter, und irgendwie müssen wir die AHV finanzieren.
Stanek: Ich habe nach meiner Pension weitergearbeitet, aber ich persönlich habe auch nie weniger verdient als meine männlichen Kollegen. Was ich bevorzugen würde, ist mehr Flexibilität bei der Pensionierung.

Eine weitere Massnahme gegen die AHV-Finanzierungslücke soll die Erhöhung der Mehrwertsteuer sein. Ist das fair?
Stanek: Irgendwoher muss das Geld herkommen. (alle nicken) Ich finde das eine akzeptable Lösung, weil sie alle betrifft, sowohl die Jungen als auch die Senioren. Speiser: Wir müssen wohl mehrere Kässeli öffnen. Da ist es nötig, dass die Solidarität spielt.
Stanek: Die AHV baut auf der Solidarität zwischen den Generationen auf. Und diese wird tatsächlich gelebt. Chapeau, Schweiz!
Egli: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer erscheint mir grundsätzlich fair, weil dann so mehr zahlt, wer mehr konsumiert.

Nun sollen gleichzeitig auch die AHV-Renten erhöht werden. Wie sinnvoll ist das?
Stanek: Damit habe ich Mühe, insbesondere wenn Berechnungen zeigen, dass viele Menschen wegen der zusätzlichen Abzüge am Ende sogar weniger von der Rente haben werden. Man möchte die Reform schmackhaft machen mit etwas, das nichts bringt. Was ich mir dagegen viel eher vorstellen könnte, ist ein Zuschlag für Menschen im niedrigen Lohnniveau.
Egli: Ich denke, da ging es darum, mit der Reform nicht de facto eine AHV-Rentensenkung zu bewirken. Die wäre sonst die Folge: Wegen der höheren Mehrwertsteuer könnte ich mir mit meiner AHV-Rente weniger leisten. Und diese ist ja sowieso schon tief, wenn ich an Menschen denke, die nie oder wenig gearbeitet haben. Das führt uns dann zu den Ergänzungsleistungen, die wir ja auch bezahlen.

Heute liegt das Verhältnis von Pensionierten zu Werktätigen bei 1 zu 4. Bereits 2030 sollen es 1 zu 2 sein. Wie wird das die Gesellschaft verändern?
Stanek: Zum Schutz der alten Menschen hüte ich mich davor, dies als Nachteil zu bezeichnen. Es ist nun einmal eine Errungenschaft der Gesellschaft, dass man länger leben darf. Aber man muss die Bedürfnisse der Situation anpassen. Wahrscheinlich wird jeder persönlich Abstriche machen müssen.
Egli: Man darf nicht schwarzsehen. Es liegt ja nicht nur an den Senioren, es gibt viele andere, die nicht arbeiten, zum Beispiel weil sie zu Hause Kinder betreuen. In Norwegen beispielsweise ist die Erwerbsquote der Frauen dank staatlich finanzierter Kinderbetreuung viel höher als bei uns. Dort ist es kein Problem, Anfang 20 ein Kind zu bekommen, weil man danach weiterarbeiten oder studieren kann. Das sorgt unter dem Strich für Mehreinnahmen, weil die Menschen mehr Steuern einzahlen, als die Kinderbetreuung kostet.
Stanek: Was ich jetzt sage, ist keine Kritik, sondern eine Feststellung: Viele Leute arbeiten heute nicht mehr 100 Prozent. Dadurch kommt weniger Geld in die AHV-Kasse. Und viele Jungen machen nach der Ausbildung beispielsweise eine einjährige Weltreise. Dieses Jahr fehlt auch. Ich frage mich, ob das nicht auch ein Grund für die Schwierigkeiten ist, die wir heute bei der AHV haben.

Sollten Senioren künftig mehr gemeinnützige Arbeit leisten?
Speiser: Man darf Rentner auf keinen Fall dazu zwingen. Sie sind gesundheitlich ja auch in unterschiedlicher Verfassung. Aber viele wollen noch gebraucht werden. 65 ist heutzutage kein Alter mehr. Ich sehe in den Kirchgemeinden und Altersheimen Freiwillige, die oft bis weit über das Alter von 80 Jahren hinaus noch mit Freude ehrenamtlich tätig sind. Das hält sie körperlich und mental fit, was wiederum die Gesundheitskosten senkt.
Stanek: Ja, in Altersheimen, Krankenhäusern et cetera arbeiten schon sehr viele Senioren ehrenamtlich. Laut einer Studie leisten Freiwillige in der Schweiz Arbeit im Wert von 20 Milliarden Franken jährlich.
Egli: Es ist schön, dass es das gibt, aber es löst leider nicht die Frage nach der AHV-Finanzierung, ausser die ehrenamtliche Arbeit ergibt konkrete Einsparungen bei den Ausgaben der öffentlichen Hand. Dann allerdings werden die Freiwilligen zur Konkurrenz der Angestellten.

Spüren Sie die Generationensolidarität eigentlich auch in Ihrem Alltag?
Stanek: Ja, die Solidarität wird gelebt. Bei den aktuellen Herausforderungen müssen wir aber aufpassen, dass wir die Generationen nicht gegeneinander ausspielen.
Speiser: Ich begrüsse es, dass die Mehrgenerationenhäuser wieder aufkommen, die am Gedanken der Grossfamilie anknüpfen, die es in früheren Zeiten noch gab. In diesen gibt jeder das, was er kann oder will, und bezieht dafür eine Gegenleistung. Ich gehe für dich einkaufen und du hilfst meinem Kind bei den Französischaufgaben. Das muss nicht einmal institutionalisiert werden, man könnte das auch in normalen Wohnquartieren viel mehr leben: Zeit schenken statt Geld geben. Die Solidarität zwischen den Generationen hat in vormodernen Zeiten viel mehr gespielt. Das war auch nötig, weil es eben noch keine Altersvorsorge gab.

Erstellt: 17.09.2015, 22:41 Uhr

Zu den Personen

Nicolas Egli (26) studiert Politikwissenschaften im Master an der Uni Bern. Daneben arbeitet der gebürtige Winterthurer am Wasserforschungsinstitut der ETH Zürich, als Lehrperson an der Berufsbildungsschule Winterthur und als Taxifahrer. Egli ist in diversen Funktionen für den regionalen und den nationalen Pfadi-Verband tätig sowie für die Wasserinitiative Viva con Agua.

Regina Speiser (48) schreibt als freischaffende Journalistin unter anderem für den «Landboten» und ist Co-Redaktorin des Winterthurer Jahrbuchs. Die Mutter einer elfjährigen Tochter sitzt im Stiftungsrat der Hülfsgesellschaft, die das Seniorenzentrum Wiesengrund führt. Speiser ist in der Unterrichtskommission der Reformierten Kirchgemeinde Töss aktiv und führt Frauenstadtrundgänge.

Vera Stanek (77) präsidiert den Regionalen Seniorinnen- und Seniorenverband Winterthur. Dieser setzt sich für die Interessen von Senioren ein und bietet universitäre Vorlesungen und Computertreffs an. Stanek lehrte nach ihrer Pensionierung bis 69 als Elektro-Ingenieurin an der TBZ und der MSW in Winterthur. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern wohnt mit ihrem Mann in Veltheim.?jig

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