Winterthur

Happige Vorwürfe gegen den Chef vom Brezelkönig im Bahnhof

Der Betreiber im Hauptbahnhof soll ungarische Mitarbeiter ausgenutzt haben. Den Fall aufgedeckt hat ein TV-Bericht. Jetzt kommt aus: Das Arbeits­inspektorat ist dem Unternehmer schon längst auf der Spur.

Schlechte Arbeitsbedingungen: Der Betreiber dieses Brezelkönig-Stands soll die Mitarbeiter ausgenutzt haben.

Schlechte Arbeitsbedingungen: Der Betreiber dieses Brezelkönig-Stands soll die Mitarbeiter ausgenutzt haben. Bild: Peter Würmli

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Anna T. (Name geändert) verliess ihre Heimat Ungarn, um als Verkäuferin bei Brezelkönig in Winterthur ein besseres Leben zu beginnen. Die Stelle war zugesichert, doch die ersten zwei Monate arbeitete sie schwarz. Sie wohnte in der Wohnung ihres Chefs A.Z.* und dessen Frau – in der Abstellkammer.

Anna, die kaum Deutsch spricht, arbeitete während neun Monaten an den beiden Brezelkönig-Ständen im Hauptbahnhof. Dass sie dann kündigte, verwundert nicht, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, die sie in einer Sendung «Kassensturz» gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber erhebt: Anna verdiente demnach knapp 3000 Franken, musste ihrem Chef wegen angeblicher Fehlbeträge in der Kasse aber jeden Monat mehrere Hundert Franken in bar zurückgeben. Regelmässig wurden ihr weniger Stunden ausbezahlt als sie gearbeitet hatte; vertraglich zugesicherte Feiertags- und Sonntagszuschläge erhielt sie nie. Ausserdem wurden Anna und ihre Kollegen, die wie der Chef A.Z. aus Ungarn stammen, bei der Arbeit via Kamera überwacht. Widerrechtlich.

Seco ist eingeschaltet

Der TV-Bericht von dieser Woche, der sich auch auf Aussagen weiterer ehemaliger Mitarbeiter und deren Dokumente stützt, hat schweizweit Kritik an Brezelkönig-Inhaberin Valora und ihrem Franchise-System ausgelöst (seihe Infobox). Der Handels- und Kioskkonzern schiebt die Verantwortung ab: Für die beiden Filialen am Winterthurer Hautpbahnhof sei der Franchisenehmer A.Z. verantwortlich. Doch A.Z., der in Hettlingen wohnt und in Winterthur eine Autowerkstatt betreibt, schweigt. Er wolle sich nicht zu den Vorwürfe äussern, teilt seine Frau auf Anfrage am Telefon mit.

Nachfragen zeigen nun: A.Z.'s Brezelkönig-Filialen sind dem Winterthurer Arbeitsinspektorat schon länger ein Dorn im Auge. «Wir haben vor längerer Zeit mehrere Kontrollen durchgeführt und sind dabei auf Missstände aufmerksam geworden», sagt Leo Brütsch, der Leiter des Arbeitsinspektorats. Die Verfehlungen tangieren mehrere Punkte des Arbeitsgesetzes. Weil die Ermittlungen noch laufen, macht Brütsch keine genaue Angaben.

Nach jenen Kontrollen hat das Arbeitsinspektorat Winterthur Meldung beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erstattet, was einen Stein ins Rollen brachte. Denn auch in anderen Kantonen haben Arbeitsinspektoren nach Kontrollen in Valora-Franchises Alarm geschlagen. Das Seco behandelt nun sämtliche Fälle im Zusammenhang mit Valora in einem gebündelten Verfahren. In Punkto Schwarzarbeit ist das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) zuständig. Zum Fall Brezelkönig sagt AWA-Sprecher Can Arikan: «Hinsichtlich Löhne und Schwarzarbeit wurden im Kanton Zürich bereits Kontrollen durchgeführt und es werden weitere folgen.» Ob Anzeigen eingegangen sind, sagt er nicht.

Valora unter Zugzwang

Auch Valora hat auf den Kassensturz-Bericht reagiert. «Werden Fehlleistungen einzelner Partner festgestellt, so wird der Fall umgehend aufgenommen und es werden Korrekturen veranlasst und wenn nötig Konsequenzen gezogen», lässt Sprecherin Stefania Misteli verlauten. Valora muss die Missstände im Franchising-Netzwerk nun systematisch beseitigen.

Die Behörden verlangen vom Konzern bis Ende Juni ein Konzept, wie er Verstösse gegen das Arbeitsgesetz künftig verhindern will. «Diese Lösungsvorschläge warten wir jetzt ab», sagt Leo Brütsch vom Arbeitsinspektorat. Er schliesst nicht aus, dass es zu Anzeigen gegen A.Z. kommt.

17 Franken brutto

Bis es soweit ist, werden im Hauptbahnhof Winterthur weiter fleissig Brezel und Sandwiches verkauft. Beim Besuch vor Ort sind die drei Mitarbeiter im Hauptstand im Stadttor vollauf beschäftigt. Der Verkäufer im Kabäuschen zwischen den Geleisen 4 und 5 dagegen hat Zeit für ein Gespräch: Der junge Mann stammt aus Ungarn und ist für einen Monat in der Schweiz, um hier zu arbeiten. Er spricht ein wenig Deutsch und hofft auf eine baldige Arbeitsbewilligung, um länger zu bleiben.

Sein Verdienst: Knapp 3000 Franken brutto monatlich, oder 17 Franken auf die Stunde. Das ist viel mehr, als er in Ungarn verdienen würde. Die Frage, wie viele Abzüge am Lohn der Chef geltend macht, versteht er nicht. Von der Kritik an A.Z. habe er gehört, ja. Doch er selbst kenne sich, gibt der Verkäufer sich zu verstehen, mit den schweizerischen Arbeitsgesetzen eben nicht so gut aus.

*Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 22.05.2015, 15:31 Uhr

Geschäftsmodell Franchising

Beim Franchising stellt ein Franchisegeber (im diesem Fall Valora) sein Geschäftskonzept, seine Produkte und seine Marke gegen eine Lizenzgebühr zur Verfügung.
Der Franchise­nehmer (A.Z.) geschäftet auf eigenes Risiko. Preise, ­Waren und Sortiment übernimmt er vom Geber. Finanziell hat der Nehmer deshalb oft ­wenig Handlungsspielraum – ausser bei den Löhnen. Denn wie Gewerkschaften kritisieren, untersteht das Personal von Franchisenehmern meist nicht dem Gesamtarbeitsvertrag des Franchisegebers. Das führe zu Lohn-Dumping.

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