Wohnen

Eine Zeitreise durch die Stadtzürcher Wohnungen

1893 wurde Zürich zur Grossstadt. In einer Rückschau gibt die Stadt nun Einblick in die Wohnverhältnisse der letzten 125 Jahre.

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Dieses Jahr feiert Zürich 125 Jahre Grossstadt. 1893 vereinigten sich die elf Nachbargemeinden Aussersihl (heutige Kreise 4 und 5), Enge inklusive Leimbach, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen mit der Stadt Zürich.

Mit der Stadterweiterung von 1893 wurde der Grundstein gelegt für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt Zürich und für ihre nationale Bedeutung von heute. Vor der Eingemeindung war Zürich in der Schweiz eine Stadt unter vielen. Mit der Zusammenlegung entstand mit Zürich die erste Grossstadt im Land.

Plötzlich viermal mehr Einwohner

Für die Stadtverwaltung hatte die Eingemeindung zur Folge, dass sie auf einen Schlag Leistungen für viermal mehr, nämlich rund 120 000 Einwohnerinnen und Einwohner erbringen musste und dafür doppelt so viele Angestellte erhielt.

Anfang 2018 gab es 222'249 Wohnungen in der Stadt Zürich. Das sind rund siebenmal mehr Wohnungen als vor 120 Jahren.

Man rückt wieder näher zusammen

Im Jahr 1896 lebten durchschnittlich über fünf Personen in einer Wohnung – mehr als doppelt so viele wie heute, obwohl die Wohnungen heute grösser sind. Seit dem Ende des ersten Weltkriegs sank dieser Wert kontinuierlich und fast linear auf weniger als zwei Personen im Jahr 2005. Seither ist wieder ein ganz leichter Anstieg bei der durchschnittlichen Personenzahl pro Wohnung zu konstatieren, das heisst, unter dem anhaltenden Preis- und Bevölkerungsdruck ist man etwas zusammengerückt.

Eigenes Bad erst ab 1930 Standard

Eine aus heutiger Sicht etwas kuriose Datenreihe hat die Stadt Zürich bis in die 1960er Jahre hinein erhoben: der Anteil neu erstellter Wohnungen ohne eigenes Bad. Oft geht vergessen, dass sich der heute übliche Wohnkomfort im 20. Jahrhundert allmählich entwickelte. An der Wende zum 20. Jahrhundert gab es in Zürich wie in allen Grossstädten viele dunkle, unhygienische Hinterterhofwohnungen und einen hohen Anteil schlecht ausgestatteter Wohnungen. Die «Wohnungsenquête» von 1896 deckte auch in Zürich übelste Wohnverhältnisse auf.

Der öffentliche und gemeinnützige Wohnungsbau, der sich danach entwickelte, setzte sich zum Ziel, die Wohnverhältnisse der Mittel- und Unterschicht zu verbessern und jedem Haushalt eine eigene, zahlbare Wohnung zur Verfügung zu stellen. Das Ziel waren vollständig ausgestattete Privatwohnungen - allenfalls auch klein und günstig, aber mit minimalem Komfort. Die Statistik begann, die entsprechenden Fortschritte zu messen. So lässt sich heute aufzeigen, dass ein eigenes Badezimmer zwischen 1900 und 1914 in Neubauwohnungen üblich und ab 1930 zum Standard wurde.

Prekäre Verhältnisse

Auffällig ist der vorübergehend hohe Anteil an Wohnungen ohne Bad an der Wende der 1920er-Jahre. In der Krisenzeit nach dem ersten Weltkrieg war die Wohnbautätigkeit sehr tief, und die wenigen Neubauwohnungen wurden möglichst kostengünstig erstellt. Als die Konjunktur in den zwanziger Jahren wieder anzog, sank der Anteil an neuen Wohnungen ohne Bad schnell.

Der Anteil der neuen Wohnungen ohne Bad zeigt nur einen Aspekt der prekären Wohnverhältnisse zur Zeit der ersten Eingemeindung. Das schnelle Bevölkerungswachstum in der Stadt und den Aussengemeinden wirkte sich Ende des 19. Jahrhunderts stark auf die Wohnsituation aus.

Vom «Schlafgängerunwesen»

Zeitzeugnisse sprechen von einen «schreienden Uebelstand». In «feuchten, engen, dunklen, schmutzigen Löchern» würden Menschen wohnen, wo «im Interesse der Gesundheit und Leistungsfähigkeit kein Pferd, nicht einmal ein Hund einlogiert würde». Hinzu kam das sogenannte «Schlafgängerunwesen». Wohnungsbesitzer nahmen aus finanzieller Not Untermieterinnen und Untermieter auf. Es wurden nicht nur ganze Zimmer untervermietet, sondern auch einzelne Schlafplätze. Die Bettstellen wurden teilweise im Acht-Stunden-Rhythmus vermietet.

Gas- statt Holzherde

Eine Herausforderung der neuen Grossstadt Zürich war es, die katastrophalen Wohnverhältnisse in den Arbeiterquartieren zu verbessern. Den ersten konkreten Schritt in Richtung kommunaler Wohnungsbau machte die Stadt mit einem Liegenschaftenerwerb in Friesenberg 1896. Es folgte dier erste kommunale Wohnsiedlung Limmat I im Jahr 1908 und die Siedlung Riedtli 1911-1921.

Neben eigenen Badezimmern wurden im frühen 20. Jahrhundert auch elektrisches Licht und Gasherde anstelle von Gaslicht und Holzherden sowie eine Waschküche im eigenen Haus üblich. Nach 1930 verbreiteten sich auch Zentralheizungen und Boiler. (hz)

Erstellt: 16.03.2018, 15:30 Uhr

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