E-Sports

So lebt ein digitaler Profisportler

Beim ersten professionellen Schweizer E-Sports-Team mischt auch ein Zürcher mit. Um sein Spiel zu verbessern, sitzt Dennis Berg aber nicht nur vor dem Computer.

Volle Konzentration: Beim Spielen verzieht Dennis Berg keine Miene.

Volle Konzentration: Beim Spielen verzieht Dennis Berg keine Miene. Bild: Claudio Thoma

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Der Alltag eines Profisportlers ist kein Zuckerschlecken: Jeder Arbeitstag beginnt mit Meditationsübungen, gefolgt von knapp zwei Stunden Kraft- und Fitnesstraining und anschliessendem mentalem Coaching. Zum Mittagessen wird nur ausgewogene und gesunde Kost aufgetischt, und der professionelle Berater achtet darauf, dass Süsses und Fettiges fernbleiben.

Nachmittags steht dann intensives und fokussiertes Training auf dem Plan – zuerst alleine, dann im Fünfer-Team. Dazwischen sitzen die fünf Mitspieler mit ihrem Coach am grossen Fernseher zusammen, um Leistung und Taktik zu analysieren. Regelmässig trainieren die Spieler auch nach dem Abendessen noch weiter und machen sich erst spät auf den Heimweg.

Beispielloses Projekt

Das Besondere an diesem Tagesplan: Das spielerische Training findet nicht draussen oder in der Turnhalle statt, sondern vor dem Computer. Denn im Berner Post-Parc direkt über dem Bahnhof werden seit Jahresbeginn in einem beispiellosen E-Sports-Projekt fünf «League of Legends»-Spieler (siehe Kasten) ein Jahr lang in professionellem Umfeld an die europäische Spitze herangeführt. Dafür gründete Postfinance gleich selbst ein eigenes E-Sports-Team: «Postfinance Helix». Mit dabei ist auch der Zürcher Dennis «Koala» Berg, der jeden Morgen von Dietikon in die Hauptstadt pendelt.

Mit 7 eine Playstation

Mit Computerspielen in Berührung kam Dennis Berg schon als kleiner Knopf. Bei seinen Grosseltern malte er auf dem Bildschirm Baumaschinen aus. Mit sieben Jahren landete dann die erste Playstation im Haus, und seine Begeisterung fürs Gamen zog an. Dass Berg sich auf «League of Legends» spezialisiert hat, ist kein Zufall: Schon in der Jugend liebte er Strategiespiele und zockte am liebsten «Warcraft 3». Ende 2010 entdeckte er dank der Empfehlung eines Freundes das im Herbst 2009 erschienene «League of Legends» für sich und blieb diesem trotz kleineren Pausen zwischendurch bis heute treu.

Ihn fasziniert dabei besonders das Zusammenspiel von Einzelfähigkeiten – strategisches Denken, Fingerspitzengefühl und Präzision – und Teamarbeit.

800 Aspiranten, 5 Plätze

In der Schweizer «League of Legends»-Szene hat Berg sich als einer der Besten etabliert. Deshalb war er von Anfang an optimistisch, obwohl sich über 800 Aspiranten um einen der fünf Plätze im professionellen Team bewarben. Die Freude über die Zusage sei gross gewesen, auch bei seiner Familie. In der Jugend musste er sich von seinen Eltern noch oft anhören, er game zu viel. Doch mit seinen Fähigkeiten ist auch die Akzeptanz gestiegen: «Seit ich erstmals im Radio war, erhalte ich mehr Anerkennung von meiner Familie.»

Zu seinem Spitznamen Koala kam er über Umwege. Als er vor Jahren immer besser wurde, nervte es ihn zunehmend, wegen seines provokativen Gamernamens aus Jugendzeiten blöd angemacht zu werden. «Deshalb wollte ich einen Namen, den man einfach gernhaben muss. Und Koalas sind neben Haifischen meine Lieblingstiere.»

Polo, Pride und Vango

Täglich erscheint Berg nun zusammen mit seinen Kollegen Nikola «Greenfire» Dimovic, Marco «Polo» Buchholz, Mahdi «Pride» Nasserzadeh und Antoine «Vango» Tinguely im eigens für sie eingerichteten Trainingscenter zur Arbeit. Die Stimmung im Team ist gut, auch weil sich die meisten schon vorher kannten. Mit Dimovic ist Berg, mit 26 Jahren der Senior der Gruppe, seit langem befreundet. «Wir ziehen uns alle die ganze Zeit gegenseitig auf», sagt er. Vor allem aus Spass, aber auch ein wenig, um sich gegenseitig anzuspornen.

Früchte statt Schoggi

Doch wieso trainieren die Computerspieler so viel abseits ihrer Arbeitsgeräte, wenn doch ihre digitalen Avatare die körperliche Arbeit erledigen? «Ein holistisches Trainingskonzept ist sinnvoll», sagt Renato Montañés, der die E-Sportler als Personal Trainer, Mentalcoach, Koch und Ernährungsberater begleitet. «Das körperliche Training setzt später auch mental an. Wenn man sich nur auf einer Ebene weiterentwickelt, stagniert man irgendwann.»

Das Training hat Montañés spezifisch angepasst: Für ihre Arbeit brauchen die fünf eine top Koordination, schnelle Reaktionen und kräftige Handgelenke. Angesichts der professionellen Strukturen verwundert es nicht, dass im Trainingscenter nur Früchte, Salate und gesunde Snacks wie Nüsse und Trockenfrüchte zu sehen sind. «Schokolade ist hier verboten», sagt Berg und lacht. Mit täglichen Meditationen und dem Erlernen von Atmungstechniken schärfen die Gamer zudem ihren Fokus und lernen, auch in stressigen Situationen Ruhe zu bewahren.

E-Sports auf dem Vormarsch

«Wir wollten ein Gaming-Projekt aktiv mitgestalten und nicht nur unseren Namen draufschreiben», sagt Projektleiterin Ladina von Allmen, die bei der Postfinance als Brand-Experience-Managerin arbeitet. Die Bank hat das Projekt zusammen mit der E-Sports-Agentur MYI Entertainment aufgezogen. Von Allmen teilt die Leidenschaft und Begeisterung der angehenden Profis, weil sie selbst seit vielen Jahren gerne Computerspiele spielt. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt gewesen, denn E-Sports sind weltweit auf dem Vormarsch und nehmen auch in der Schweiz immer mehr Fahrt auf.

2500 Franken pro Monat

Mit «Postfinance Helix» wolle die Bank aufzeigen, was es brauche, um Profi-E-Sportler zu werden, aber auch zur Diskussion beitragen, wie junge Menschen verantwortungsvoll mit Geld umgehen und wie viel sie für ihren Alltag benötigen, sagt von Allmen. Das begann schon beim Lohn für die Gamer in Ausbildung: Zusätzlich zur umfassenden Unterstützung erhalten sie monatlich 2500 Franken.

Als Trainer haben die Verantwortlichen den Norweger Nicholas «NicoThePico» Korsgård verpflichtet. Für die Stelle habe er mehrere Angebote aus der Weltspitze ausgeschlagen. Er kenne weltweit kein vergleichbares Unterfangen. «Es ist eine grosse Gelegenheit, E-Sports weiter zu legitimieren und bekannter zu machen», sagt er.

«Das können nicht viele sagen»

Nach einem Jahr wird Postfinance das Projekt evaluieren und entscheiden, wie es weitergeht. Die ersten Eindrücke sind bei den Beteiligten positiv. «Sie haben auf allen Ebenen schon grosse Fortschritte gemacht», sagt Korsgård. Das zeigen auch die ersten Resultate: Ende Januar qualifizierte sich «Postfinance Helix» für das Finale der «Swisscom Hero League». Montañés ist beeindruckt, wie gut die fünf sein forderndes Regime angenommen haben, obwohl sie vorher noch nie professionell trainiert haben: «Sie werden jetzt schon lebendiger und kommen mehr aus sich heraus.»

Auch Dennis Berg sieht bei allen Teammitgliedern viele Fortschritte und fühlt sich pudelwohl in seiner neuen Rolle: «Ich habe in meinem Leben noch nie so gern gearbeitet und freue mich jeden Morgen darauf. Das können wohl nicht viele sagen.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 05.03.2019, 18:38 Uhr

Die Besten verdienen Millionen

Unter E-Sports versteht man den sportlichen Wettkampf zwischen Menschen mithilfe von Computerspielen. Inzwischen ist die Branche laut Schätzungen 1,5 Milliarden Dollar wert. Die besten Spieler können Millionen verdienen und füllen Arenen in der ganzen Welt. 2017 wurden alleine 112 Millionen Dollar Preisgelder mit E-Sports ausgeschüttet. Das im Oktober 2009 erschienene Strategiespiel «League of Legends» gehört bis heute zu den erfolgreichsten E-Sports-Titeln. Zwei Fünferteams, in denen alle Spieler jeweils einen digitalen Avatar steuern, treten gegeneinander an mit dem Ziel, die Basis des Gegners zu zerstören.

Seit 2011 wird jährlich zum Ende des Jahres eine Weltmeisterschaft ausgetragen. 2018 verfolgten 99,6 Millionen Zuschauer das WM-Finale – ein Rekord. Im Jahr zuvor pilgerten für 45000 Fans ins Olympiastadion von Peking. Die weltweit besten Spieler verdienen alleine mit Preisgeldern jährlich rund eine Millionen Franken. Auch in der Schweiz ist «League of Legends» auf dem Vormarsch. So startete die Swisscom kürzlich ihre eigene Liga. (flo)

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