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Sechseläuten stresst Pferde moderat

Tierärzte der Universität Zürich haben untersucht, wie gross der Stress ist, dem Pferde am Sechseläuten ausgesetzt sind.

Stresst der Böögg die Pferde? Schwarze Pulsgurte haben am letztjährigen Sechseläuten die Herzfrequenz von 23 Pferden gemessen.
Stresst der Böögg die Pferde? Schwarze Pulsgurte haben am letztjährigen Sechseläuten die Herzfrequenz von 23 Pferden gemessen.
Michelle Aimée Oesch

2015 starb am Sechseläuten ein Pferd während des Ritts um den Böögg. Das hat Tierschützer auf den Plan gerufen, die den Anlass als Tierquälerei bezeichneten. Auch die Tierärzte der Universität Zürich wurden auf die hitzige Debatte aufmerksam und wollten diese versachlichen, wie Michael Weishaupt, Leiter der Abteilung Sportmedizin des Pferdes am Tierspital sagt. Deswegen hat Weishaupt mit seinem Team vergangenes Jahr am Sechseläuten 23 Pferde aus neun Zünften untersucht. Für diese Tiere gab es «zwei Sechseläuten», wie Weishaupt sagt. Zwei Wochen vor dem Anlass simulierten die Tierärzte drei Umzugsabschnitte auf einer Lichtung am Pfannenstiel: Den Kontermarsch an der Bahnhofstrasse, wo sich die Zünfte entgegenkommen, den einspurige Umzug am Limmatquai und den Ritt um den Böögg. So wurden die körperlichen Abläufe ohne die Reize des Frühlingsfests gemessen.

«Belastung ist zumutbar»

Am Sechseläuten erhielten die Tiere erneut Pulsgurten um den Bauch, um die Herzfrequenz zu messen. Zudem beurteilten Experten ihr Verhalten, und die Tierärzte analysierten den Kot, um das Stresshormon Kortisol zu messen. Der Vergleich sollte den Effekt des Sechseläutens auf die Pferde zeigen. Daraus resultiert, dass die Stressbelastung am Fest zwar erhöht, aber moderat ist. Sie entspreche etwa derjenigen an Dressurprüfungen und sei zumutbar, sagt Weishaupt.

Die Herzfrequenz der Tiere war nicht beim Ritt um den brennenden Böögg am stärksten erhöht, wenn es raucht und knallt, sondern an der Bahnhofstrasse. «Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Tiere im Galopp äussere Reize absorbieren», sagt Weishaupt. Sie konzentrierten sich auf die schnelle Gangart und zeigten keine sofortige Reaktion. Anders sei es, wenn ihnen im Schritt an der Bahnhofstrasse eine Tambourenformation entgegenkomme, und das bei engen Platzverhältnissen. «Auch die Zünfter sagen, dass die Tiere nervöser sind während dieses Abschnittes als danach auf dem Sechseläutenplatz», sagt Weishaupt.

Erfahrung ist zentral

13 der 23 Testtiere wurden am Sechseläuten sediert. Die Tierärzte konnten aber keinen grossen Einfluss der Sedation auf die Herzfrequenz der Pferde feststellen. «Einige profitierten zwar, andere wurden aber noch aufgeregter», sagt Weishaupt. Entsprechend müsse man gut überlegen, welche Pferde, man wie und wann sedieren wolle. Ein wichtiger Einfluss habe aber die Erfahrung der Pferde. Diejenigen, die zum wiederholten Mal am Sechseläuten dabei waren, seien deutlich ruhiger gewesen. «Entsprechend müssen die Tiere ausgewählt und vorbereitet werden», empfiehlt Weishaupt den Zünftern. Diese seien grundsätzlich bemüht und willig, die Situation der Pferde zu verbessern, sagt Weishaupt, der vergangenes Jahr selber unter den rund 30 Forschern am Fest war. Zudem würden Tiere, die vor dem Umzug als nervös auffielen, ausgeschlossen.

Das Zentralkomitee der Zünfte Zürichs (ZZZ) ist zufrieden mit den Studienergebnissen, wie deren Sprecher Victor Rosser sagt. «Wir hoffen, dass mit den neutralen Fakten etwas Ruhe einkehrt und klar wird, dass der Vorwurf der Tierquälerei haltlos ist.» Das Komitee hatte vergangenes Jahr die Regeln für die Reiter angepasst, die neu über das Reitbrevet verfügen müssen, die Pferde werden von Tierärzten kontrolliert, und mehr Begleitpersonen sind im Einsatz. Dieses Jahr gebe es keine neuen Anpassungen. Die Situation während des Umzugs werde sowieso stets von Crowdmanagern neu beurteilt. Dennoch bestehe bei einem Grossanlass mit 3500 Zünftern und 550 Pferden immer ein Restrisiko.

Unabhängigkeit angezweifelt

Dieses Risiko ist York Ditfurth immer noch zu hoch. Der Präsident des Zürcher Tierschutzbundes bezeichnet das Vorgehen des ZZZ als «Salamitaktik». Es müsse erst etwas Tragisches passieren, bis reagiert werde. Der Tierschutzbund fordert, dass das Sechseläuten wie ein Sportanlass behandelt werde: Ausschliesslich mit erfahrenen Reitern, weniger Pferden und Dopingkontrollen. Zudem sei die Studie der Zürcher Tierärzte nicht unabhängig, da diese selber am Sechseläuten involviert seien.

Tatsächlich hat in Weishaupts Team Michael Hässig mitgearbeitet, der selber Zünfter ist. «Er hat uns den Zugang zu den Zünften erleichtert, aber unsere Unabhängigkeit in keiner Weise beeinflusst», sagt Weishaupt. Vielmehr habe Hässig etwa darauf hingewiesen, dass der Kontermarsch speziell zu beachten sei. Auch sonst hätte das ZZZ keine Vorgaben gemacht oder Einfluss auf die Studie genommen.

Ursprünglich wollte das Zürcher Team zudem Experten für Pferdeverhalten der Forschungsanstalt Agroscope einbeziehen. Diese hätten sich zurückgezogen, da gewisse Ansprüche nicht praktikabel waren, sagt Weishaupt: «Beobachtungstürme etwa hätten das Fest gestört.» Weitere Studien zum Sechseläuten haben für Weishaupt derzeit keine Priorität, obwohl Sedation und Erfahrung noch genauer angeschaut werden könnten.

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