Region

«Oft schaut jeder zu sehr für sich»

Ohne ganz neue Geschäftsmodelle sind die Zukunftsperspektiven für den stationären Handel düster. Davon ist die Trendforscherin am ­Gottlieb-Duttweiler-Institut, Karin Frick, überzeugt.

Heute zählt vor allem der Erlebniswert beim Besuch eines Einkaufszentrums – im Bild das Seedamm-Center in Pfäffikon.

Heute zählt vor allem der Erlebniswert beim Besuch eines Einkaufszentrums – im Bild das Seedamm-Center in Pfäffikon. Bild: Michael Trost

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Die Zürichseeregion ist punkto grosser Shopping-Malls von ­Zürich bis nach Pfäffikon ­respektive Rapperswil ein weisser Fleck: Wieso ist das so?
Karin Frick: Die Frage ist, an welcher Dichte von Einkaufszentren sich so etwas überhaupt messen lässt. Es gibt keine Normalität in Sachen Einkaufszentren. Jede Situation hängt von den gewachsenen Strukturen im jeweiligen Ort und von der Nähe zu anderen bereits vorhandenen Angeboten mit Zentrumscharakter ab.

Wie beurteilen Sie die Einkaufsmöglichkeiten in der ­Region generell?
Die Nahversorgung ist gut. Ich wohne in Thalwil, und da gibt es Fachgeschäfte, in denen ich gerne und regelmässig einkaufe. Es gibt nicht viel, was ich dort nicht finde. Aber das kann man natürlich nicht unbedingt verallgemeinern. Grundsätzlich befindet sich der Detailhandel in einem massiven Strukturwandel, bei dem unabhängige Fachgeschäfte besonders stark unter Druck kommen. Es braucht eine kritische Grösse mit einem entsprechenden Einzugsgebiet, selbst für eine H&M-Filiale. Kleinen Fachhändlern fehlt zudem das notwendige Online-Angebot. Oft stimmt auch der Mix in den lokalen Zentren nicht mehr. Hier schaut oft noch jeder zu sehr für sich und zu wenig zum Ganzen, obwohl letztlich alle von einem Gesamtkonzept der Gemeinde und einer besseren Vernetzung untereinander profitieren könnten.

Die Mobilität des Einzelnen steigt ständig: Hat das einen Einfluss auf das Einkaufs­verhalten?
Das ist so. Der Begriff daheim wird heute viel grosszügiger ausgelegt als früher. Beispielsweise kann vieles auf dem Weg vom oder zum Arbeitsplatz erledigt werden. Da spielt die Nähe der Region zu Zürich mit den vielen Pendlern und die in den letzten Jahren veränderte Bevölkerungsstruktur am See eine wichtige Rolle. Entscheidend ist, ob es sich um eine wachsende Gemeinde handelt und wo diese grössere Bevölkerung arbeitet. Heute gibt es viel mehr Angebote, sich unterwegs zu versorgen, als früher. Das Konkurrenzumfeld für die einzelnen Anbieter, gerade in den Dorfkernen, ist enorm gewachsen.

Wie wichtig ist der Erlebniswert beim Einkaufen?
Er wird immer wichtiger. Vieles von dem, was wir heute kaufen, brauchen wir eigentlich nicht, jetzt einmal abgesehen vom täglichen Bedarf. Wir bewegen uns in einer gesättigten Gesellschaft, in der es in der Regel nur noch um Ersatzbedarf geht. Der Grund, heutzutage shoppen zu gehen, liegt in erster Linie beim Erlebnis, bei der Lust und der Freude am schön Aussehen, am Spiel mit Identitäten, am Sichtreffen und an dem Austausch mit Leuten. In dieser Beziehung ist eine Stadt klar im Vorteil gegenüber einem Dorf.

Dem widerspricht allerdings, dass immer mehr Leute ins grenznahe Ausland gehen, um ihre Einkäufe zu tätigen.
Auch beim Einkaufstourismus kann ein Erlebnis zelebriert werden, indem der Einkauf im Aldi mit einem Ausflug nach Konstanz verbunden wird. Da wird es für den lokalen Anbieter zuweilen schwierig, mitzuhalten.

Wie stark ist denn der Einfluss des Online-Handels?
Er wird immer grösser. Online-Händler wie Amazon sind die grössten Gewinner des Strukturwandels. Wieso soll ich mir die Dinge selber beschaffen, wenn sie bequem nach Hause geliefert werden können? Alles ist sofort verfügbar. Hier sind ganz neue Modelle am Entstehen, die den Begriff Nähe neu definieren, Stichwort Auslieferung per Minidrohnen oder Produkte aus dem 3-D-Drucker. Langfristig stellen sie die grösste Herausforderung für das lokale Geschäft dar. Für die stationären Läden vor Ort dürften daher die persönliche Beratung und der regionale Charakter entscheidend sein, sich in dem veränderten Umfeld zu behaupten. Zum Überleben braucht es zudem eine Kombination hochwertiger On- und Offline-Formate.

Erstellt: 04.01.2016, 16:01 Uhr

Karin Frick ist Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) in Rüschlikon. (Bild: Archiv ZSZ)

Einkaufsparadies Schweiz

Nicht zu viele Center – aber «ein Einheitsbrei»

Ob die Zürichseeregion mit Einkaufszentren unterversorgt ist, vermag Marcel Stoffel, CEO der Beratungsfirma Stoffel­Zurich, nicht mit Ja oder Nein
zu beantworten: «Das kommt auf das Angebot oder eben die Marktleistung an.» In der Schweiz hätten wir grundsätzlich nicht das Problem von zu vielen Shoppingcentern, sondern eher, dass es zu viel vom gleichen Typ gebe. Stoffel nennt das den «Shoppingcenter-Einheitsbrei». Generell müsse der Schweizer Detailhandel be­greifen, «dass er sich aufgrund unserer starken Währung und der hohen Kosten langfristig nicht über den Preis profilieren kann». Laut Stoffel kann der stationäre Schweizer Detail­handel nur überleben, wenn der Fokus auf der Qualität, dem Service und einer hohen Kundenbeziehung liegt.

Kritik übt der Retailexperte, der von 2000 bis 2010 Geschäftsführer des Einkaufszen­trums Glatt in Wallisellen war, an den Ladenöffnungszeiten hierzulande. Sie seien alles andere als kundenfreundlich: «Sehen Sie mal, was im Ausland passiert.» Stoffel verweist auf Italien: «An einem Sonntag in Mailand sind die Stadt und die Strassen gefüllt mit Leben, die Restaurants so voll, dass ab 12.30 Uhr kein Platz mehr zu bekommen ist und in den Läden konsumiert wird, als ob es kein Morgen gäbe.» Und warum? «Ganz einfach, die Leute haben Zeit.» Wir hier in der Schweiz hätten dagegen die Fähig­keit, unsere Restaurants und Läden dann zu schliessen, wenn es den Menschen möglich wäre, diese zu besuchen und zu konsumieren. Stoffel bedauert das ausserordentlich, «denn es macht den Schweizer Handel nicht nur konkurrenzunfähig, sondern auch unsere Städte nach Ladenschluss unbelebt und unattraktiv». (ths)

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