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Freispruch für das «moralisch höchstverwerfliche» Abstreifen des Kondoms

Der 21-jährige Student, der beim einvernehmlichen Sex heimlich das Kondom entfernt haben soll, wird auch vom Obergericht freigesprochen. Die Sache dürfte für ihn jedoch noch nicht ausgestanden sein.

Nach dem Bezirksgericht Bülach musste sich auch das Zürcher Obergericht (Bild) mit dem «Stealthing»-Fall befassen.
Nach dem Bezirksgericht Bülach musste sich auch das Zürcher Obergericht (Bild) mit dem «Stealthing»-Fall befassen.
Keystone

Wie das Bezirksgericht Bülach im Februar, sprach auch das Obergericht am Donnerstag einen 21-Jährigen Studenten frei. Er hatte beim einvernehmlichen Geschlechtsverkehr heimlich das Kondom abgestreift. Das Obergericht sah keine gesetzliche Grundlage, dieses «Stealthing» als Schändung zu bestrafen.

Zuvor erzählte der junge Mann erneut seine Version jenes One-Night-Stands, der zur Anklage geführt hatte. Nachdem der damals 20-Jährige und die 19-Jährige sich über die Dating-App Tinder kennengelernt hatten, ging es erst auf den Uetliberg, dann zu ihr nachhause. Es kam zum Sex, einvernehmlich und wie von ihr verlangt mit Kondom. Doch dann – so die Anklage – realisierte die Frau, wie er plötzlich ungeschützt von hinten in sie eindrang. «Ich kann mich nicht daran erinnern, das Kondom ausgezogen zu haben», machte der Student vor Gericht geltend. «Es muss wohl beim vorübergehenden Erschlaffen des Penis passiert sein.»

«Vorsätzlich und egoistisch»

Für den Staatsanwalt, der eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten forderte, war klar: «Die Ausführungen der Frau sind bestimmt, konstant und glaubhaft.» Beim Verhalten des Mannes habe es sich demnach um «Stealthing» gehandelt. «Stealthing» an sich, und in dieser Fall ganz besonders, erfülle den Tatbestand der Schändung im Sinne von Paragraph 191 des Strafgesetzbuchs. Dieser lautet: «Wer eine urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafähnlichen oder einer anderen sexuellen Handlung missbraucht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe bestraft.» Es könne, so der Staatsanwalt, auch wehrlos sein, wer nicht mit einer sexuellen Handlung rechnen könne. Aus diesem Grund habe das Bundesgericht beispielsweise einen Heilpraktiker wegen Schändung verurteilt, der einer Patientin unvermittelt an die Schamlippen gefasst habe. «Der Gesetzgeber hat den Tatbestand der Schändung bewusst sehr offen gehalten.» Das Verschulden des Beschuldigten wiege schwer: «Er hat vorsätzlich, rücksichtslos und egoistisch gehandelt.» Der Vertrauensbruch dürfte bei der Frau lange Zeit Spuren hinterlassen.

«Sex würde zum Minenfeld»

Der Verteidiger forderte einen Freispruch. Der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich gewesen. «Wäre das, was mein Mandant getan hat, Schändung, würde das ins Uferlose führen.» Schändung setze voraus, dass das Opfer urteils- oder widerstandsunfähig sei. «Die Frau war keines von beidem.» Nicht jede Grenzüberschreitung sei eine Straftat: «Wäre dem so, würde Sex zum juristischen Minenfeld.»

«Eine Strafe darf nur wegen einer Tat verhängt werden, die das Gesetzausdrücklich unter Strafe stellt.»

Vorsitzender RichterObergericht Zürich

Wie schon das Bezirksgericht Bülach stufte auch das Obergericht die Schilderungen der Frau, besonders auch zum Kondomgebrauch, als glaubhaft ein. «Das Verhalten des Beschuldigten ist unterste Schublade und moralisch höchst verwerflich.» Unter den Tatbestand der Schändung falle es aber nicht. Denn da sei der Artikel 1 des Strafgesetzbuchs und der besage: «Eine Strafe oder Massnahme darf nur wegen einer Tat verhängt werden, die das Gesetz ausdrücklich unter Strafe stellt.»

Stealthing sei in jüngster Zeit offensichtlich zum Trend geworden: «Jetzt wäre der Gesetzgeber gefordert.» Das Gericht sprach den Studenten frei.

Weiterzug wahrscheinlich

Der Staatsanwalt liess nach dem Urteil durchblicken, dass er «mit hoher Wahrscheinlichkeit» den Weiterzug ans Bundesgericht anregen wird. «Der Entscheid darüber liegt jedoch bei der Oberstaatsanwaltschaft.»

Zuvor hatte er dem Beschuldigten, der kürzlich das Jus-Studium aufgenommen hatte, noch einen Rat mit auf seinen Lebensweg gegeben: «Ich hoffe, Sie studieren nicht Juristerei, das wäre das Falsche für Sie.» Viel Zeit fürs Studium bleibt dem Mann momentan ohnehin nicht. Er arbeitet mit einem 80-Prozent Pensum in einer Bar. Mit dem Lohn begleicht er die Schulden, die er «wegen dieses Verfahrens» bei seinen Eltern machen musste.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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