Spitalversorgung

«Notfallstationen in Spitälern könnten künftig sogar an Bedeutung gewinnen»

Spitäler scheinen ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Notfallstationen zu haben. Sie gehören zwar zum Gesamtpaket, weisen aber einen viel zu tiefen Kostendeckungsgrad auf.

Eingang zur Notfallstation des Universitätsspitals Zürich.

Eingang zur Notfallstation des Universitätsspitals Zürich. Bild: Keystone

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Wer künftig die Notfallstation eines Spitals wegen einer Bagatelle aufsucht, muss möglicherweise eine Strafgebühr von 50 Franken bezahlen. Der Kantonsrat hat am Montag eine entsprechende Motion mit 99 (CVP, GLP, SVP und FDP) zu 64 Stimmen (Grüne, AL, SP, EVP) deutlich überwiesen. Dies, obschon der Regierungsrat eindringlich warnte, eine solche Gebühr verstosse gegen Bundesrecht.

Welche Position der Verband der Zürcher Krankenhäuser (VZK) in dieser Frage vertritt, sagt Ronald Alder, der Leiter Öffentlichkeitsarbeit beim VZK.

«Die Spitäler haben kein Interesse daran, dass die Notfallstationen mit Bagatellfällen überfüllt werden.»Ronald Alder, Verband Zürcher Krankenhäuser (VZK)

Herr Alder, sind die zahlreichen Bagatellfälle in den Notfallstationen überhaupt ein Problem für die Spitäler?
Ronald Alder: Die Spitäler haben kein Interesse daran, dass die Notfallstationen mit Bagatellfällen überfüllt werden. Einige haben aus diesem Grund inzwischen hausärztliche Notfallpraxen vorgeschaltet. Die ankommenden Patientinnen und Patienten werden triagiert. Die Notfallpraxen behandeln die Bagatellen und nur die echten Notfälle kommen in die Notfallstation des Spitals.

Eine Notfallstation zu unterhalten, kostet viel Geld. Da sind mir doch viele Patienten lieber, als ein gänzlich leerer Notfall.
Das Problem ist nicht, dass die Notfallstationen von zu wenigen Patienten aufgesucht werden. Zudem darf man nicht vergessen, dass der Deckungsgrad bei ambulanten Behandlungen – und dazu gehört auch der Notfall – lediglich bei 79 Prozent liegt.

Wenn das so ist, begeht ja jedes Spital einen Fehler, das eine Notfallstation führt.
So einfach ist es natürlich nicht. Für die 16 Akutspitäler im Kanton, die eine Notfallstation betreiben, gehört das quasi zum Gesamtpaket. Der eine oder andere Patient lässt sich zu einem späteren Zeitpunkt stationär im selben Spital behandeln, wenn er mit dem Notfall zufrieden war. Spitäler ohne Notfall haben sich meist auf gewisse medizinische Gebiete – die auch keinen Notfall erfordern – spezialisiert.

«Der tiefe Kostendeckungsgrad im ambulanten Bereich bereitet uns Sorgen.»

Der Notfall rentiert eigentlich nicht, trotzdem hört man immer wieder, dass Spitäler sogar aktiv für ihre Notfallstationen werben.
Da geht es natürlich auch darum, das Image des ganzen Unternehmens zu stärken. Man will sich selber und die medizinische Dienstleistung in einem möglichst guten Licht erscheinen lassen. Es ist aber schon so: Der tiefe Kostendeckungsgrad im ambulanten Bereich bereitet uns Sorgen.

Was unternimmt der Verband der Zürcher Krankenhäuser (VZK) in der Sache?
Wir versuchen Einfluss zu nehmen, dass der Taxpunktwert erhöht wird. Aktuell läuft ein entsprechendes Festsetzungsverfahren bei der Gesundheitsdirektion. Die Situation für die Spitalnotfälle ist besonders misslich, weil sie – anders als die Hausärzte – für Notfälle keine zusätzlichen Tarifpositionen verrechnen dürfen.

Und wenn der VZK mit seinen Forderungen nicht durchdringt?
Dann müssen sich die Spitäler ernsthaft überlegen, ob sie gewisse ambulante Leistungen nicht mehr anbieten wollen.

«In der Spitallandschaft wächst die Tendenz zu Kooperationen.»

CVP-Kantonsrat Lorenz Schmid hat schon verschiedentlich geäussert, es gebe zu viele Notfallstationen im Kanton Zürich. Man müsse einige schliessen. Was hält der VZK von dieser Forderung?
Die Forderung, Notfallstationen zu schliessen lehnen wir – so pauschal – genauso ab, wie den Paragraphen in der Gesetzesrevision, der Notfallstationen zur Pflicht machen will. Spitäler, die ausschliesslich geplante Behandlungen durchführen, brauchen beispielsweise keine Notfallstation.

Also wünschen Sie sich Wahlfreiheit für die Spitäler?
In der Spitallandschaft wächst die Tendenz zu Kooperationen. Solche würden durch die Pflicht, eine Notfallstation zu betreiben, behindert. Im Rahmen der Spitalplanung muss man aber dringend den Bedarf abklären. Vor dem Hintergrund, dass die Bevölkerung wächst, gleichzeitig älter wird und zudem die Zahl der Hausärzte abnehmen wird, könnten Spitalnotfälle künftig sogar an Bedeutung gewinnen.

Ist das jetzt ein Votum für mehr oder weniger Notfallstationen?
Das kann man eben nicht so einfach beantworten. Es hängt von den Leistungsaufträgen ab, die die einzelnen Spitäler erhalten. Je nachdem muss man dann entscheiden, ob der Betrieb einer Notfallstation Sinn macht und ob er finanzierbar ist.

«Die Steuerung übers Portemonnaie hätte bestimmt einen Effekt.»

Was sagt denn nun der VZK zur kantonsrätlichen Motion, die eine Notfallgebühr fordert?
Wenn wir mal die Frage, ob eine solche Gebühr vom Rechtlichen her zulässig wäre weglassen: Wir sehen Dafür und Dawider.

Erklären Sie.
Die Steuerung übers Portemonnaie hätte bestimmt einen Effekt. Patienten würden es sich eher überlegen, ob sie wirklich einen Notfall aufsuchen müssen. Unerwünscht wäre es aber, wenn Patienten wegen der Gebühr zu spät oder gar nicht zum Arzt gehen würden. Zudem fragen wir uns, was es vom administrativen Aufwand her bedeuten würde.

Und wenn Sie Für und Wider gegeneinander abwägen?
Wir sind gespannt, wie der Regierungsrat den Auftrag des Kantonsrats umsetzen will.

Erstellt: 04.10.2019, 17:58 Uhr

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