Umnutzung

Neues Geschäftsmodell – Die Reformierten vermieten ihre Kirchen

Ausstellungen, Floristenworkshop, Konzerte, Yoga und Mittagstische: Umnutzungen von Kirchenräumen nehmen zu.

Die Wasserkirche dient aktuell unter anderem als Ausstellungsraum für Gemälde von Ernst Sieber.

Die Wasserkirche dient aktuell unter anderem als Ausstellungsraum für Gemälde von Ernst Sieber. Bild: Matthias Scharrer

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Die Wasserkirche, gebaut in die Fluten der Limmat, zählt zu den ältesten Kirchen Zürichs. Ihre Ursprünge reichen bis ins 10. Jahrhundert zurück. Einst sollen hier die Stadtheiligen Felix und Regula hingerichtet worden sein. Regelmässige Gottesdienste finden in der Wasserkirche schon seit gut einem Jahr nicht mehr statt. Dafür wird das Programm sonst immer bunter.

So führt der Schweizerische Floristenverband im Februar Weiterbildungen in der Wasserkirche durch. Die blumigen Workshops, die vom 19. bis 21. Februar dauern, sind trotz Teilnahmegebühren von bis zu 1700 Franken bereits ausverkauft, wie der Website des Verbands zu entnehmen ist.

Ein bunter Strauss von Angeboten ist auch diese Woche in der Wasserkirche angesagt: Er reicht von einem Benefizkonzert des Lions Clubs über einen Yoga-Workshop mit indischer Musik und Gesang bis hin zur Konzertreihe «Sax am Mittag».

«Die Gesellschaft ist so vielseitig. Wir wollen für alle da sein», sagt Patrick Hess, Betriebsleiter des Kirchenkreises Altstadt der Reformierten Kirchgemeinde Zürich. Die von ihm mitverwaltete Wasserkirche sei ein Spezialfall, da sie der Stadt Zürich gehört und nicht mehr für Gottesdienste genutzt wird. Doch generell seien die Altstadtkirchen auch als Konzertkirchen und durch touristische Nutzungen sehr gefragt.

In zehn Jahren von 176 auf 129 Kirchgemeinden

Besonders für die reformierte Kirche stellt sich zunehmend die Frage, wie sie ihre Räume mit neuen Inhalten füllt: Die Zahl ihrer Mitglieder sinkt seit Jahrzehnten, während sie bei der katholischen Kirche dank Zuwanderung stabil bleibt. Kirchgemeindefusionen dürften das Raumangebot noch vergrössern, wie Nicolas Mori, Informationsbeauftragter der reformierten Landeskirche, auf Anfrage sagt.

Vor zehn Jahren habe es kantonsweit noch 176 reformierte Kirchgemeinden gegeben. Per Ende Jahr sind es nun 129, wobei die Fusion von 32 Stadtzürcher Kirchgemeinden dieses Jahr den grössten Schub darstellte. «Die Landeskirche empfiehlt den Kirchgemeinden, Immobilienstrategien zu entwickeln», sagt Mori.

Es geht nicht nur darum, leere Kirchenräume zu vermeiden, sondern schlicht auch ums Geld. Dies verdeutlicht eine kürzlich veröffentlichte Interpellations-antwort des kantonalen Kirchenrats: «Weiter geht es aber auch darum, die kirchlichen Liegenschaften nachhaltig zu bewirtschaften und daraus Erträge zumindest soweit zu erzielen, dass ein Teil des Liegenschaftsunterhalts durch Vermietungen gedeckt ist», schreibt das oberste Gremium der reformierten Landeskirche. Und: «Es besteht kein Anlass, dass Kirchgemeinden ihre Infrastruktur beliebigen Vereinigungen unentgeltlich zur Verfügung stellen.»

Auch nichtkirchliche Akteure angepeilt

Der Kirchenrat ruft die Kirchgemeinden dazu auf, «bei allfälligen Mischnutzungen oder Umnutzungen kirchlicher Liegenschaften auch nicht-kirchliche Akteure in kirchennahen und gesellschaftlich relevanten Themen ins Auge zu fassen». Namentlich nennt er Gastronomie, Co-Working-Spaces, Kultur, soziale Einrichtungen und Kinderbetreuung als Beispiele.

Die reformierte Kirchgemeinde Zürich ist schon länger daran, eine Immobilienstrategie zu entwickeln. «Wir wollen offene Häuser haben», sagt Kirchenpfleger Michael Hauser, der in der Gemeinde das Ressort Immobilien führt. Räume zu teilen, sei ein Megatrend – und habe bei der Kirche eine lange Tradition.

Während Kirchen laut Hauser vor allem für Konzerte vermietet werden, reiche das Spektrum bei anderen Kirchgemeinderäumen von Geburtstagsfesten über Chorproben und Jugendarbeit bis hin zu Flüchtlingsgruppen und Firmenanlässen. Ein wichtiger Kunde sei zunehmend die Stadt Zürich, die wegen der wachsenden Schülerzahlen Platz für Mittagstische und generell Schulräume braucht.

Zudem organisiert die grösste Kirchgemeinde der Schweiz gerade die Vermietung ihrer Räume neu: Ein Pilotprojekt mit harmonisierten Tarifen und der Möglichkeit von Online-Buchungen soll laut Hauser Mitte 2020 starten.

Heute gehen die Kirchenmieten zum Teil weit auseinander. So kostet die Zürcher St. Jakob-Kirche für kommerzielle Anlässe bis zu 3300 Franken, das Fraumünster hingegen 1800 Franken Miete für Konzerte mit Eintrittsgebühr.

Zum Vergleich: Die Stadtkirche Winterthur ist im Volltarif für 2000 Franken zu haben, die reformierte Kirche Dietikon für 1500 Franken, wie Angeboten im Internet zu entnehmen ist. Für Gemeindemitglieder und nicht-kommerzielle Anlässe sind die Kirchenmieten in der Regel günstiger oder sogar gratis.

Erstellt: 06.12.2019, 15:04 Uhr

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