Glattfelden/Bülach

Neue Wohnung für IV-Rentner nach Leben in der Brandruine

Am 20. Juni brannte die Küche von Delphine und Hanspeter Künzler aus. Darauf folgte eine dreimonatige Odyssee, gespickt mit unglücklichen Ereignissen. Die Verantwortlichkeit der Behörden ist bis heute vertrackt.

Hier begann die Odyssee: Am 20. Juni brannte die Küche von Hanspeter Künzler und seiner Frau Delphine aus.

Hier begann die Odyssee: Am 20. Juni brannte die Küche von Hanspeter Künzler und seiner Frau Delphine aus. Bild: Leo Wyden

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Für die Familie Künzler gibt es endlich einen Lichtblick: Diese Tage sollen sie eine Wohnung in der Stadt Bülach beziehen. Sobald ihr Zuhause in Glattfelden saniert ist, dürfen Delphine und Hanspeter Künzler dort wieder wohnen. Doch hinter sich haben die beiden, die seit 17 Jahren verheiratet sind, eine dreimonatige Odyssee. Einen Unfall, der möglicherweise hätte vermieden werden können; eine Notlösung, die zum teuren Prodivurium wurde; schlaflose Nächte in einer noch nicht sanierten Wohnung – und dazwischen behördliche Zuständigkeiten, die kaum zu entschlüsseln sind.

Konflikt 1: die Küche

Das Unglück begann am Abend des 20. Juni, einem Donnerstag: Die Familie heizte Frittieröl fürs Abendessen auf, dann entstand ein Funken auf dem Herd – das Öl fing Feuer. Die Küche der Künzlers brannte aus, die Wohnung war per sofort unbewohnbar. Dabei hätte der Brand womöglich verhindert werden können: Gemäss eines Freundes der Familie, der anonym bleiben will*, habe die Familie dem Eigentümer mehrmals gemeldet, dass bei der hinteren Herdplatte manchmal Feuerfunken entstünden. «Ihm war ein Ersatz zu dem Zeitpunkt wohl zu teuer», glaubt der Glattfelder.

Das Ehepaar Künzler kam wegen Verdachtes auf Rauchvergiftung für eine Nacht ins Spital Bülach. Am Tag darauf standen sie vor ihrem unbewohnbaren Zuhause. Gemäss des anonymen Freundes habe sie danach die Berufsbeistandschaft von Hanspeter Künzler angerufen. Künzler bezieht zu 100 Prozent Invalidenrente und lebt mit einer Behinderung; als Glattfelder ist die Berufsbeistandschaft Bülach für ihn zuständig. Diese wiederum habe danach das Glattfelder Sozialamt angerufen, damit dieses wenigstens für das Wochenende eine Bleibe für die Familie organisiere.

Konflikt 2: die «Fähre»

Kurzfristig bezogen Delphine und Hanspeter Künzler am 21. Juni ein kleines Zimmer im Landgasthof «Fähre», die das Glattfelder Sozialamt als Notlösung organisiert hatte. Die Gemeinschaftsdusche war für ihn aufgrund seiner Behinderung jedoch schwer zu benutzen – und vor allem hatte er zwischen der nächsten Bushaltestelle und seinem temporären Zuhause einen Fussweg von 1,5 Kilometern.

«Er rief mich abends regelmässig an, weil er nicht weitergehen konnte», gibt der Freund der Familie Auskunft. Aus dem temporären sollte ein Dauerzustand werden: Bis vergangene Woche war Hanspeter Künzler in der «Fähre» einquartiert. Seine Frau Delphine verliess den Gasthof schon nach einem Monat. Denn zwischen der Familie Künzler und dem damaligen Chef der Fähre, Martin Moser, kam es zu Konflikten, die sich so stark verschärften, dass Delphine nicht mehr in der «Fähre» wohnen wollte.

«Es ist nicht auszuhalten.»Hanspeter Künzler

Offen ist bis heute, wer die Rechnung für den Aufenthalt bezahlt. Mündlich und kurzfristig zwischen Sozialamt und «Fähre» vereinbart waren 65 Franken pro Person und Tag plus rund 25 Franken für Essen, exklusive Getränke. Wenn mal also rund 100 Franken pro Tag und Person rechnet, müsste die Rechnung um die 11500 Franken betragen. Moser wird diese Rechnung laut eigener Aussage kommende Woche ausstellen. Wer sie bezahlen soll – die Zuständigkeit ist bis jetzt unklar.

Konflikt 3: die alte Wohnung

Zurück zu den eigentlichen Akteuren. In ihrer Verzweiflung zogen Delphine bereits nach einem Monat, später auch Hanspeter Künzler zurück in ihre Brandwohnung; dort war zwar die Küche inzwischen ausgebaut, jedoch noch nichts saniert worden. Der Rauchgeruch war so beissend, dass beide auf Matratzen im Wohnzimmer neben der offenen Balkontür schliefen. «Es ist nicht auszuhalten», sagt Hanspeter Künzler.

Die Betroffenen beschuldigen die Berufsbeistandschaften Bülach, nicht für die Familie erreichbar gewesen zu sein und ihre Arbeit nicht korrekt erledigt zu haben. «Ich fühle mich wie eine heisse Kartoffel zwischen den Behörden hin- und hergeschoben», so Künzler. Dann schalten sich auch die Medien in den Fall ein: «Tele Züri» und «Blick» berichteten diese Woche über die Lebensbedingungen der Künzlers.

Auf die erhobenen Vorwürfe angesprochen, müssen sich Michel Guggisberg, Leiter Berufsbeistandschaften, sowie Daniel Knöpfli, Leiter Soziales und Gesundheit, von Gesetzes wegen bedeckt halten: Fallbezogene Auskünfte fallen unter die Schweigepflicht. «Das bedeutet, dass wir in solchen Fällen keine fallbezogenen Auskünfte geben dürfen», sagt Guggisberg. «Festhalten kann ich nur, dass der Fall komplizierter ist, als er von den Betroffenen dargestellt wird.»

Konflikt 4: die Zuständigkeit

Beispielsweise glauben aufgrund der Abfolge der Ereignisse nun viele Beteiligte, dass die Berufsbeistandschaft erst auf den diese Woche ausgebrochenen Medienrummel über den Fall reagiert habe. Das stimmt jedoch nicht: Die Information zum Umzug nach Bülach hat Hanspeter Künzler bereits in der Woche davor erhalten, wie er selber dieser Zeitung Auskunft gab. Mögliche alternative Wohnmöglichkeiten wurden also geprüft, bevor bevor Medienschaffende überhaupt von der Geschichte wissen konnten.

Auch ist bis jetzt von Seite der Medien nicht geklärt, welcher Form der Berufsbeistandschaft Hanspeter Künzler tatsächlich untersteht. Die Berufsbeistandschaften Bülach dürfen auch dazu keine Auskunft geben. Daniel Knöpfli, Leiter Soziales und Gesundheit der Stadt Bülach, weist jedoch darauf hin, dass es verschiedene Modelle gibt (siehe Box). Versichern könne er jedoch Folgendes: «Es läuft enorm viel in zahlreichen Berufsbeistandschaftsfällen. Was bisher im Fall Glattfelden kommuniziert wurde, ist ein Teil – in dem wird aber nicht klar, welche Kompetenzen der Berufsbeistandschaft eingeräumt wurden und welche nicht. Und genau darüber dürfen wir nicht informieren.»

Am Donnerstag war Zügeltag (Foto: PD)

«Die aktuelle Darstellung in den Medien weckt den Eindruck, als würden wir nichts tun, als wären wir faul oder herzlos oder inkompetent», sagt auch Michel Guggisberg, Leiter Berufsbeistandschaften der Stadt. «Aber wir sind mit Herzblut an unseren Fällen dran und stehen unter enorm hohem Druck. Wir können Optionen anbieten, ob diese aber angenommen werden, liegt an den einzelnen Personen.»

«Es sieht hier aus, als würden wir nichts tun, als wären wir faul oder herzlos oder inkompetent.»Michel Guggisberg

Knöpfli und Guggisberg weisen auf ein letztes Thema hin, das auch in den Fall der Künzlers hineinspielen könnte: jenes der verfassungsrechtlichen Notfallhilfe. «Bei Notfalllösungen kennen die Gemeinden unterschiedliche Praxen. Teilweise sind Gemeinden sehr grosszügig bei der Notfallhilfe, zum Beispiel nach Brandereignissen. Teilweise sind sie aber auch weniger grosszügig», sagt Knöpfli. Und Guggisberg ergänzt: «Die Zuständigkeit zwischen Berufsbeistandschaft und Gemeinde ist in solchen Fällen oftmals schwierig abzugrenzen. Das kann zu unterschiedlichen Auffassungen von Aufträgen führen, weil die eine Stelle die andere für verantwortlich hält oder umgekehrt. Das Ziel ist immer, dass die involvierten Stellen kooperativ miteinander zusammenarbeiten können, wenn sie sich um dasselbe Problem kümmern.»

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 19.09.2019, 17:35 Uhr

Die verschiedenen Formen der Beistandschaften

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) prüft eine behördliche Massnahme, wenn eine volljährige Person ihre Angelegenheiten nur teilweise oder gar nicht mehr selber besorgen kann. Eine Massnahme wird erst dann angeordnet, wenn die Unterstützung der hilfsbedürftigen Person durch Dritte nicht ausreicht oder von vornherein als ungenügend erscheint und auch keine ausreichende eigene Vorsorge getroffen worden ist. Je nach Ursache und Schutzbedürftigkeit können von der KESB verschiedene Formen von Beistandschaften angeordnet werden. Jede behördliche Massnahme muss für die betroffene Person erforderlich, geeignet und angemessen sein. Daraus entstehen dann mitunter die folgenden Arten der Beistandschaft:

die Begleitbeistandschaft: wird als lediglich begleitende, beratende Unterstützung für gewisse Aufgabenbereiche ohne Vertretung vor Behörden errichtet;

die Vertretungsbeistandschaft: wird errichtet, wenn die hilfsbedürftige Person bestimmte Angelegenheiten nicht erledigen kann und deshalb vertreten werden muss, falls nötig mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit;

die Mitwirkungsbeistandschaft: wird errichtet, wenn für bestimmte Handlungen der verbeiständeten Person jeweils das Einverständnis des Beistands oder der Beiständin eingeholt werden muss;

die umfassende Beistandschaft: wird errichtet, wenn eine Person dauerhaft urteilsunfähig ist, sich mit ihren Handlungen immer wieder gefährdet und deshalb in besonderem Ausmass hilfsbedürftig ist. Die umfassende Beistandschaft bezieht sich auf alle Angelegenheiten der Personensorge, der Vermögenssorge und des Rechtsverkehrs.

Daraus wird ersichtlich, dass beispielsweise die Wohnsituation einer verbeiständeten Person je nach Modell in die Verantwortung der Beistandschaft fällt – oder eben nicht. Weitere Informationen zu den verschiedenen Formen finden Interessierte im Netz unter www.kesb-zh.ch/beistandschaften. (sam)

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