Pfäffikon SZ

Mein Gesicht, mein Ich

Eine neue Ausstellung im Vögele Kulturzentrum zeigt, wie Menschen und Maschinen Gesichter lesen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Unser Gesicht ist extrem privat und gleichzeitig absolut öffentlich. Es gibt unser Innerstes preis und ist zentral für die Kommunikation mit anderen. In China wird die Privatsphäre der Uiguren komplett ausgehebelt, da die Regierung sie mithilfe von Gesichtserkennungssoftware überwacht. In San Francisco hingegen soll die Privatsphäre bald zumindest auf öffentlichem Grund durch das Verbot solcher Technologien geschützt werden. Vom Kleinen zum ganz Grossen: in diesen Sphären bewegt sich die neue Ausstellung «Faszination Gesicht: Was unsere Mimik alles zeigt» im Vögele Kulturzentrum, die am Sonntag eröffnet wird.

Die Technik spielt in der Ausstellung eine wichtige Rolle. Gleich zu Beginn begegnet sich die Ausstellungsbesucherin selbst auf einem Bildschirm. Die Kamera sucht nach Gesichtern und sobald sie eines erfasst hat, beginnt der Algorithmus mit der Analyse: Welches Geschlecht hat die Person? Wie alt ist sie? Wie fühlt sie sich? Die Ergebnisse erscheinen sofort auf dem Bildschirm.

Unheimlich fehlbar

Das unheimliche Gefühl, welches einem dabei beschleicht, wird dadurch gemildert, dass der Algorithmus ganz offensichtlich noch nicht die Analysefähigkeiten eines Menschen besitzt. So wird die Journalistin immer wieder als Mann kategorisiert. «Es werden in diesem Bereich grosse Versprechungen gemacht», meint auch Kuratorin Sarah Wirth. «Noch lassen sie sich aber nicht immer erfüllen.»

Das zeigt sich auch am Kunstwerk «Cloud Face» der Koreaner Shin-Seung Back und Kim Yong Hun. Sie haben eine Kamera auf die Wolken gerichtet und so programmiert, dass sie jedes Mal abdrückt, wenn sie ein Gesicht erkennt. Gesichter in den Wolken zu sehen ist zwar eine sehr menschliche Tätigkeit. Doch während wir wissen, dass es sich dabei nicht wirklich um Gesichter handelt, macht das Computerprogramm keinen Unterschied zwischen den Wolkengesichtern und den Gesichtern aus Fleisch und Blut. Noch sind die Programme nicht wirklich intelligent.

Die Ausstellung zeigt auf, in welchem Ausmass sich Überwachungssysteme ausgebreitet haben, geht aber nicht immer in die Tiefe, wenn es darum geht, wer besonders davon betroffen ist, nämlich ethnische Minderheiten, die zu Opfer von Racial Profiling werden. Zudem fehlt es ein wenig an historischer Einordnung der Gesichtswissenschaft, war es doch der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater der die Pseudowissenschaft der Physiognomie im 18. Jahrhundert vorantrieb. Der Fokus liegt ganz auf der Gegenwart.

Ein Haufen Selfies

Programme können Worte viel besser erfassen als Gesichter. Der englische Künstler Tom Stayte hat sich dies für sein Kunstwerk «#selfie» zunutze gemacht. Sein Algorithmus sucht die Social Media Plattform Instagram nach Bildern ab, die unter dem Hashtag Selfie dort veröffentlicht wurden. Dann werden die Fotos im Ausstellungsraum gedruckt und flattern auf den Boden, um sich zu den Hunderten anderen Fotos zu gesellen, die dort bereits liegen. Hier wird dem, was wir alle bereits wissen, eine konkrete Form verliehen: Einmal veröffentlicht, ist die Kontrolle über die Fotos, die genau gleich aussehen wie tausend andere, verloren.

Die Stärke der Ausstellung in Pfäffikon SZ liegt in den vielen Möglichkeiten selbst Hand an zu legen. Egal ob es darum geht, Gesichter zu machen, zu lesen oder gar zu kreieren, die Besucher können sich nicht einfach berieseln lassen, sondern müssen mitdenken. Zum Beispiel können sie abstimmen mit welchem Zürcher, St. Galler oder Schwyzer Regierungsratsmitglied sie gerne im Lift stecken bleiben würden. Was die Regierungsräte wohl für ein Gesicht machen, wenn sie die Resultate erfahren?

«Faszination Gesicht», 19. Mai bis 22. September. Mehr Informationen unter www.voegelekultur.ch.

Erstellt: 17.05.2019, 17:05 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!