Forschungsprojekt

Medikamentenversuche waren «risikoarme Routine»

1250 bis 1500 Patienten wurden zwischen 1950 und 1980 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli mit nicht registrierten Medikamenten behandelt. Die meisten waren Frauen.

Das Psychopharmakon Serpasil wurde im Burghölzli getestet, bevor es zugelassen und von der Ciba AG in den 1950er Jahren auf den Markt gebracht wurde.

Das Psychopharmakon Serpasil wurde im Burghölzli getestet, bevor es zugelassen und von der Ciba AG in den 1950er Jahren auf den Markt gebracht wurde. Bild: Norsk Farmasihistorisk Museum

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Seit 2002 weiss man, dass in der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) Burghölzli, aber auch in Rheinau, nicht registrierte Medikamente an Patientinnen und Patienten getestet wurden. Im Rahmen der vom Kanton finanzierten Forschungsprojekten zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden die Akten des Burghölzli aus den Jahren 1950 bis 1980 erstmals analysiert.

Der Verdacht, dass Bevormundete oder Heimkinder besonders häufig in der Medikamentenforschung einbezogen wurden, hat sich nicht bestätigt. Vielmehr mussten Psychiatriepatienten zu dieser Zeit grundsätzlich als vulnerable Personen betrachtet werden, da deren Autonomie stark eingeschränkt wurde. Kaum jemand war freiwillig im Burghölzli, viele wurden auch unter Zwang behandelt – sowohl mit Medikamenten als auch mit Insulin- oder Elektroschocktherapien.

Keine Regulierung

Die Medizinhistoriker schätzen, dass 1250 bis 1500 Patientinnen und Patienten mit mindestens 55 Psychopharmaka behandelt wurden, die noch nicht für die Marktzulassung registriert waren. Viele Medikamente wurden danach zugelassen, manche gelangten aber nie über das Versuchsstadium hinaus. Sie sind in den Akten nur unter ihrem Industriekürzel mit einer Nummer statt einem Namen vermerkt. Oft liessen die Ärzte Patienten viele verschiedene Antidepressiva oder Neuroleptika ausprobieren – zugelassene wie auch Versuchssubstanzen.

Obwohl 1970 eine Forschungsabteilung gegründet wurde, gab es keine Regulierung der Versuche in der PUK. «Die Psychiater brachen zwar Versuchsreihen ab, wenn akute Gesundheitsschäden drohten oder eingetreten waren. Zugleich nahmen sie einschneidende Nebenwirkungen in Kauf», schreiben die Forscher. Dazu gehörten Sehstörungen, parkinsonähnliche Symptome, Gesichtsrötungen, Unruhe, Angst- und Hitzegefühle.

Keine Zustimmung nötig

Über die Versuche informiert wurden die Patienten kaum. Bei körperliche Kuren wie Elektroschocks beharrte die Klinik auf der schriftlichen Zustimmung der Patienten oder der Angehörigen. Bei Medikamenten bestanden geringere Anforderungen, egal ob Standard- oder Versuchspräparat. Denn die Behandlung mit Medikamenten galt als vergleichsweise «risikoarme Routinetherapie».

Die von den Forschern betrachteten Zahlen zeigen, das Frauen deutlich häufiger von den Medikamentenversuchen betroffen waren als Männer. Das spiegelt die Klinikpopulation wieder, denn Diagnosen wie Schizophrenie und Depression wurden Frauen häufiger gestellt. Aggressives Verhalten oder übermässiger Alkoholkonsum sei bei Frauen rascher pathologisiert worden.

Die genauen Gründe blieben aber fraglich, schreiben die Historiker. So müsse die Untersuchung nicht nur der Geschlechterfrage, sondern allgemein ausgeweitet werden sowohl auf die Poliklinik, die Klinik Rheinau und die Kinder- und Jugendpsychiatrie, wie auch auf Heime für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen.

Erstellt: 29.11.2018, 20:10 Uhr

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