Theater

«Ohne Hierarchien geht es nicht»

Es ist Barbara Freys zehnte und letzte Saison als Schauspielhaus-Chefin. Hart wurde sie kritisiert während ihrer Zürcher Zeit. Frey antwortet nun den Kritikern, Nostalgikern, Gleichmachern – und Milo Rau, «dem fahrenden Marketingtool».

«Es gibt in Zürich theateraffine Menschen in jeder Generation»: Barbara Frey, Intendantin des Schauspielhauses.

«Es gibt in Zürich theateraffine Menschen in jeder Generation»: Barbara Frey, Intendantin des Schauspielhauses. Bild: Sabina Bobst

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Frau Frey, die Zuschauerzahlen des Hauses werden kritisiert. Sind sie schlimm?
Barbara Frey: Im Gegenteil! Wir hatten 72 Prozent Pfauen-Auslastung in der letzten Saison: der Rekord der letzten 23 Jahre. Unseren Spitzenwert in absoluten Zahlen hatten wir 2010/11 mit über 169 000 Zuschauern: Das hat vor uns zuletzt Gerd Leo Kuck geschafft, in den Neunzigern.

Was ist Ihre Erfolgsstrategie?
Es gibt da keine Zauberformel. Manchmal tüpft mans, hat einen Hit wie wir mit Herbert Fritschs «Die Physiker», der nun in der6. Spielzeit in Folge läuft. So etwas verursacht einen Kielwassereffekt, zieht Leute mit, die sonst keine Theatergänger sind. Im Frühling, wo die Zuschauer eher wegbleiben, hatten wir mit «Mass für Mass» einen Renner. Aber im Grunde gibts hier seit zwei Jahrzehnten rund 150 000 Besucher pro Saison, ähnlich wie bei vergleichbaren Häusern in München, Berlin oder Stuttgart.

Davor waren es mehr.
Das war vor Netflix und dem riesigen Freizeitangebot. Aber bei 150 000 kann man doch nicht behaupten, Theater sei nicht relevant. Wer hat eigentlich die Deutungshoheit darüber? Auch Künste mit kleinerem Publikum wie die Alte Musik verdienen Unterstützung. Es geht ums kulturelle Erbe! Und sehe ich unser engagiertes Publikum, möchte ich die gebetsmühlenartig wiederholte Phrase vom «harten Pflaster Zürich» wirklich beiseiteschieben. Es gibt in Zürich theateraffine Menschen in jeder Generation. Rund ein Fünftel unserer Besucher sind Junge – Schüler, Studenten.

Was waren Enttäuschungen?
Dass etwa Karin Henkels tolles «Amphitryon und sein Doppelgänger» – 2014 ans Berliner Theatertreffen geladen, zudem zur «Inszenierung des Jahres» gekürt – hier halb leer war.

«Das Tempo heutiger Shitstorms und Scheindebatten ist ungesund.»Barbara Frey

Machen Sie «Theater für die Stadt»?
Für wen sonst? Man lebt, arbeitet am Ort, sucht seine Geheimnisse. Das fliesst in die Spielpläne ein. Wir gehen auch auf unterschiedliche Publikumssegmente zu, haben unsere Vermittlungsarbeit aufgestockt. Das Schauspielhaus äufnete zudem einen Fonds für Patengelder: Damit werden Inklusionsprojekte gefördert, Tickets für Bedürftige finanziert, auch für Geflüchtete. Manche haben Schwellenängste. Wir stellen fest: Selbst die Schulen haben nicht mehr die Brückenfunktion. Gerade mit dem Lehrplan 21 scheint der Zugang zur Literatur oft erschwert.

Versagen die Schulen?
Ich finde es erschreckend, dass Kinder hier aufwachsen, ohne zu wissen, dass in Zürich ein Max Frisch oder ein Georg Büchner gelebt und gearbeitet haben.

Aber wenn Leute ins Theater getragen werden müssen, ist dessen Zeit vielleicht vorbei?
Wieso? Der Musikunterricht hilft ja auch beim Verständnis von Musik. Es wäre vernichtend, die Hinführung zur Kultur einfach sein zu lassen. Die Vorstellung, dass sich alles von selber und direkt rechnen muss, löst in mir das kalte Grausen aus.

Sie selbst machen keine dezidiert politischen Stücke.
Frisch sagte mal: «Poesie ergreift keine Massnahmen.» Das triffts für mich. Handkehrum schreibe ich keinem vor, wie seine Kunst auszusehen hat. «Sweatshop» von Sebastian Nübling etwa war dezidiert politisch. Ich selbst bin ein absolut politischer Mensch und genauso verzweifelt ob der Verhältnisse wie alle – aber meine künstlerische Sprache proklamiert nichts. Natürlich sind meine Inszenierungen in der Gegenwart verwurzelt.

Aber wo bleibt die Debatten-kultur, die das Theater anstossen soll?
Soll sie das? Zum einen werden da die alten Zeiten ein wenig verklärt: Ganz so revolutionär argumentativ ging es nicht mal in den Siebzigern zu am Theater. Und ich halte nicht viel von nostalgischer Rückschau. Zum anderen sollte das Theater Debatten lieber verlangsamen, weil das selbstmörderische Tempo heutiger Scheindebatten, Empörungswellen und Shitstorms ungesund ist. Es sollte sortieren, hinterfragen, differenzieren. 

Fürchtet Ihr Haus Debatten?
Keineswegs. Ich bin begeistert von der Dickköpfigkeit künstlerischer Menschen: Es braucht diese Formen von Reibung ganz dringend. Wir nehmen einander ernst und haben eine eher flachere Hierarchie als an anderen Häusern. Der Chefton ist in der Schweiz nicht so gefragt.

Sind Regisseure denn nicht autoritär gepolt?
Ja, zugegeben. Arbeitet man in knapper Zeit mit einer Gruppe auf etwas hin, klingt man auch mal streng. Bei Frauen in Leitungspositionen werden offenbar gar die Stimmen tiefer; ich bin tatsächlich seit neun Jahren immer wieder heiser. Und jetzt sage ich etwas Unpopuläres: Ganz ohne Hierarchien gehts nicht. Aber es ist sinnvoll, sanftmütig mit ihnen umzugehen. In unserer erweiterten Leitungsrunde von 12 Personen sind 9 Frauen – und Leute, die von aussen kommen, sagen, dass das Klima dadurch offener sei als anderswo.

Gab es Machtmissbräuche?
Zumindest wurde es nicht an mich herangetragen. Das heisst nicht, dass es nie vorkam, aber es fällt auf, dass bei uns hinter und auf der Bühne sehr selbstbewusste Leute am Werk sind.

Ist es gut, dass man Ihren Intendantenlohn nicht kennt?
Mich selbst interessiert nicht, was andere Leute verdienen; ich finde die Diskretion ganz schön. Man wollte im Feuilleton mit solchen Fragen ja meist nur eine Neiddebatte entfachen, einen Empörungsdiskurs bewirtschaften. Die Diskussion hatte etwas Hysterisches mit masslosen Spekulationen wie eine halbe Million Franken Verdienst.

Die Vorstellungszahl im Schiffbau sinkt seit Jahren, auch bei Ihnen. Ist er sinnvoll?
Er ist genial! Die Crux ist bloss: Die aufwendigen Auf- und Abbauten rund um die Fremdvermietungen mitten in der Saison verursachen viele Einschränkungen. Dass es jetzt in der Halle nur 39 Vorstellungen waren, ist aber dem Zusammentreffen unglücklicher Faktoren geschuldet.

Sind Koproduktionen die Zukunft des Stadttheaters?
Koproduktionen sind gut, wenn sie konzeptuell passen. Nur sparen oder sich an fremde Erfolge anhängen, darf kein ausschlaggebender Grund dafür sein. Milo Rau hat bei uns mit dem Theater Hora und unserem Ensemble gearbeitet, was sehr spannend war. Insgesamt tendiert das Stadttheater ästhetisch ohnehin zur Vielfalt: Das gute alte Guckkastentheater wird immer noch geliebt ebenso wie das Schauspielertheater. Aber mit Sounddesign, Video-, und Dokformaten, Stadtraumerlebnissen und Interaktivität hat unendlich vieles Platz gefunden auf der städtischen Bühne. Mich ärgert manchmal die kleinliche Abgrenzerei.

Abgrenzerei?
Rau etwa ist ein fahrendes Marketingtool, das macht er super. Schade finde ich, dass er sich ein bisschen verspiessert hat mit seiner Dauerabgrenzung gegen das Stadttheater, an dem er ja auch seit Jahren präsent ist.

Blieben Sie sich – und manchen Künstlern – nicht gar zu treu?
Die Treue hat sich ausgezahlt. Henkel, Bastian Kraft oder Ruedi Häusermann: Sie alle haben viel ausprobiert – wir viel gewinnen können. Bei Alvis Hermanis gings zuletzt böse schief.

Würden Sie die Zürcher Intendanz wieder übernehmen?
Sicher! Und später könnte ich mir durchaus wieder eine Theaterleitung irgendwo vorstellen. Es war – ist – für mich ein grosses Abenteuer, wie in Zürich auch aus Phasen des Chaos oder Streits, faszinierende Dinge wachsen. Nun aber freue ich mich über die schönen Regie-Angebote als freie Regisseurin. Ich verrate nur eins: Der Zügelwagen wird termingerecht vor der Tür stehen.


Die in Basel geborene Regisseurin Barbara Frey (55) leitet seit Sommer 2009 das Schauspielhaus Zürich. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 10.10.2018, 10:59 Uhr

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