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«Der Beruf hat mich zum Umweltschützer gemacht»

Dirk Steffens echauffiert sich bei Fragen um den Klimawandel. Nun moderiert er die Live-Inszenierung von «Planet Erde II» und feiert damit die Schönheit der Natur.

«Planet Erde II – Live in Concert» – Die Inszenierung zeigt spektakuläre Naturbilder auf Grossleinwand, live vertont von Orchester und Chor.
«Planet Erde II – Live in Concert» – Die Inszenierung zeigt spektakuläre Naturbilder auf Grossleinwand, live vertont von Orchester und Chor.
Tom Hugh-Jones / BBC NHU

Fühlen Sie sich ab und an als moderne Kassandra in männlicher Hülle?Dirk Steffens:Ja. Keine Rolle, die besonders viel Spass macht, obwohl es mir noch besser geht als Kassandra: Auf sie hat niemand gehört, bei Umweltthemen wächst die Einsicht.

Teilweise werden Sie als Klima-Alarmist verschrien. Wie gehen Sie damit um? Klima-Alarmist ist ja noch vergleichsweise nett; einige AfD-Sympathisanten in Deutschland bezeichnen Umweltreporter wie mich grundsätzlich als «linksgrün-versifft» – und sie haben noch hübschere Begriffe. Je weiter von rechts die Kritik kommt, desto bösartiger ist sie oft formuliert. Am Anfang haben mich solche Schmähungen geärgert, inzwischen habe ich mich an sie gewöhnt. Und wenn jemand so daherredet, weiss ich schon, was argumentativ eben nicht dahintersteht. Das macht das Leben dann auch wieder leichter.

Und mit welchen Argumenten kontern Sie? Echt? Sie wollen von mir noch im Jahr 2018 Argumente, die den Klimawandel belegen? Ist die Erde eine Scheibe? Sind wir mit den Affen verwandt? Gibt es den Weihnachtsmann? Man muss sich viel Quatsch anhören. Aber man muss nicht auf jeden Quatsch antworten. Es gibt weltweit Tausende Studien zum Klimawandel, weniger als ein Prozent der Forschungen sagen, der Mensch sei unschuldig daran. Der Drops ist gelutscht. Wer anderes behauptet, soll halt weiter an den Weihnachtsmann glauben.

Ihre Gegner behaupten, dass Klimaforschung keine exakte Wissenschaft sei. Wie sehen Sie das? Na, das erzählen Sie mal den ­vielen, vielen tausend Physikern, Geologen, Meteorologen, Biochemikern und all den anderen Naturwissenschaftlern, die rund um den Globus jeden Tag Fakten für die Klimaforschung zusammentragen. Und welcher «exakten» Wissenschaft gehören deren Kritiker eigentlich an? Aber ganz ehrlich: So viele Gegner habe ich gar nicht. Es gibt angesichts der Faktenlage einen sehr breiten Konsens der Vernunft, die wenigen Aussenseiter sind halt nur ziemliche Schreihälse und erzielen durch ihr Geschrei ein bisschen Aufmerksamkeit. Aber warum stellen Sie mir so viele Klimafragen? Das ist doch gar nicht mein Thema.

Weil Sie deshalb ins Kreuzfeuer geraten sind. Was ist denn Ihr Thema? Ich bin UNO-Botschafter für die Biodiversitäts-Dekade. Mein Thema ist also das Artensterben. Ein Umweltproblem, das zu den grössten Herausforderungen für die Menschheit in diesem Jahrhundert gehört – und öffentlich bisher viel zu wenig diskutiert wird. Wir erleben gerade das schlimmste Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Und wir sollten etwas dagegen tun, bevor dieses Massensterben unsere Landwirtschaft, unsere Nahrungsversorgung trifft. Denn dann könnte es für Homo sapiens sehr ungemütlich werden.

Sie lassen sich also von Ihren Gegenspielern nicht beirren? Wie gesagt, es gibt nur wenige. Und die spielen in ernsthaften Diskussionen kaum ein Rolle.

Sie wurden für Ihr Engagement für Nachhaltigkeit und für IhreDokumentarfilme mehrfach ausgezeichnet. Wie haben Sie sich als Journalist Ihr profundes Wissen im wissenschaftlichen Bereich angeeignet? Die Liebe zur Natur war wohl angeboren. Schon im Alter von ungefähr sechs Jahren habe ich alle Filme von Bernhard Grzimek verschlungen, mit seinen Büchern habe ich quasi Lesen gelernt. Ich wollte immer ein Naturfilmer, ein Umweltreporter werden. Und für einen Wissenschaftsjournalisten gelten dann die gleichen handwerklichen ­Regeln wie für alle Journalisten: recherchieren, Experten fragen, Fakten von Gerüchten trennen. Ich habe den Job von der Pike auf gelernt: Journalistenschule, Zeitung, Radio, Fernsehen – ganz klassisch. Aber eine Besonderheit hat dieses Genre: Wenn man wie ich seit einem Vierteljahrhundert mit eigenen Augen sieht, wie sich die globale Natur verändert, und dann davon erzählt, gilt man schon als Aktivist. Und inzwischen ist das wohl auch so. Dieser Beruf hat mich zum Umweltschützer gemacht.

«Wir könnten ohne eine intakte Natur gar nicht überleben.»

Dirk Steffens

Sie werden bei der Vorstellung von «Planet Erde II – Live in Concert» als Moderator dabei sein. Worauf können sich die Zuschauer besonders freuen? Auf die wohl spektakulärsten Naturaufnahmen der Welt; auf einer riesigen LED-Wand, auf der diese Ultra-HD-Bilder eine unvergleichliche Wirkung entfalten; auf die extra dafür geschriebene Musik von Oscarpreisträger Hans Zimmer; auf ein grosses Sinfonieorchester, das diese Musik live einspielt. Das ist fett!

Spektakuläre Bilder, vereint mit sinfonischer Musik: Was denken Sie über diese Verbindung von Wissen und Kunst? Eher eine Verbindung von Kunst und Kunst. Diese Naturaufnahmen gehen nämlich über die reine Vermittlung von Wissen weit hinaus, sie sind nicht weniger als Filmkunst. Ich bin davon begeistert, weil die Schönheit der Natur so noch besser zur Geltung kommt, noch intensiver wirkt.

Lenkt der künstlerische Aspekt nicht vom Kernthema, der Natur und deren Zusammenhänge, ab? Im Gegenteil. Fast alle Filme, ob fiktional oder nicht fiktional, arbeiten intensiv mit Musik. Musik ist für Filmemacher fast so wichtig wie der Filmtext. Wenn Sie bei einem Horrorfilm den Ton runterdrehen, ist er nicht mehr unheimlich. Legen Sie Karnevalsmusik darunter, wird der Horror albern. Musik gibt Bildern also eine emotionale Wirkrichtung. Genau das macht die Kunst der Filmmusik aus. Und Hans Zimmer ist einer der ganz Grossen in diesem Genre.

Sie werden zwischen den einzelnen Filmsequenzen die Entstehung der Aufnahmen erläutern und Hintergrundinformationen beisteuern. Hatten Sie in Bezug auf die Inhalte Vorgaben oder wird Ihr Engagement für die Umwelt zum Tragen kommen? Ich will und werde zwischen den Aufnahmen natürlich keine Umweltvorträge halten. Darum gehts bei diesem Filmkonzert auch nicht. Wir möchten die Schönheit der Natur feiern. Und ich liefere ein paar Hintergrundinformationen dazu, wie Naturfilmer es schaffen, diese Schönheit mit der Kamera einzufangen.

Zurück zu Kassandra: Sie hatte kein heiteres Leben, auch weil ihren Vorsehungen kaum Glauben geschenkt wurde. Warum ist es wichtig, dass man Ihren Ruf ernst nimmt? Weil die Natur uns die Luft zum Atmen, sauberes Wasser und Nahrung zur Verfügung stellt, auch die Rohstoffe für Handys, Kleidung und Häuser – sowie den Zauber von Wäldern, Bergen, Seen. Wir könnten ohne eine intakte Natur gar nicht existieren. Ihr Schutz dient also der menschlichen Selbsterhaltung. Was könnte wichtiger sein?

«Planet Erde II – Live in Concert»

Mittwoch, 21. März, 20 Uhr. Hallenstadion, Zürich. ticketcorner.ch, planet-erde.ch.

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