Winterthur

Krankfeiern ist leicht — und doch anstrengend

Gemütlich im Bett liegen bleiben, anstatt zur Arbeit zu gehen. Mit diesem Gedanken hat wohl schon so mancher gespielt. Reicht schludrige Kleidung und ungekämmtes Haar, um ein Arztzeugnis zu erschleichen? Ein Selbstversuch.

Das Leben geniessen und ein paar Tage ausspannen tönt verlockend. Wer länger als drei Tage schwänzt, muss allerdings den Gang zum Arzt wagen.

Das Leben geniessen und ein paar Tage ausspannen tönt verlockend. Wer länger als drei Tage schwänzt, muss allerdings den Gang zum Arzt wagen. Bild: Shotshop

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Es ist nicht wirklich eine böse Tat, aber sicher eine egoistische: krankfeiern, blaumachen, schwänzen. Die freien Tage geniessen, während die Arbeitskollegen schuften. Bis jetzt habe ich es beim Gedanken belassen, für die Sommerserie «Gut sein – Böse sein» mache ich den Test: Kann ich als gesunder Mensch eine Krankschreibung erschleichen?Schon der erste Schritt, der Anruf bei der Arbeitsstelle, ist mir unangenehm. Als Arbeitnehmerin bin ich aber dazu verpflichtet. Tipps dazu finde ich im Internet, wo es Seiten gibt, die sich der Kunst des Schwänzens widmen. Dort finde ich Hinweise darauf, wie ich am Telefon möglichstauthentisch klinge. Kurz nach dem Aufwachen soll man anrufen, dann sei die Stimme noch ein wenig belegt. Wer noch eins drauflegen will: 10 Sekunden ins Kissen schreien lässt die Stimme heiser klingen. Ich versuche es. Die Kollegen auf der Redaktion schöpfen keinen Verdacht, sondern wünschen mir gute Besserung. Der erste Teil ist geschafft.

Nun geht es darum, ein Arztzeugnis zu beschaffen, zwei Tage lang geht es ohne, beim dritten führt kein Weg daran vorbei. Gesetzlich ist der Zeitpunkt zur Abgabe zwar nicht definiert, geregelt ist dies aber im Arbeitsvertrag. Aufgepasst: Bei häufigem Fehlen kann der Vorgesetzte oder die Vorgesetzte auch schon vom ersten Tag an einen Beweis verlangen.

Um mir einen Nachweis meiner «Krankheit» zu besorgen, entscheide ich mich für die Walk-in-Praxis Permanence am Winterthurer Hauptbahnhof. Einen Hausarzt habe ich nicht. Da ich im sogenannten Telcare-Modell versichert bin, muss ich vorher meine Krankenkasse anrufen. Medizinisches Personal hört sich meine Symptome an und entscheidet dann, ob ein Arztbesuch nötig ist. Ich entscheide mich, eine Magen-Darm-Grippe vorzutäuschen. Laut einer Webseite eine gute Wahl. Dort sind Krankheiten aufgelistet, die schlecht nachweisbar sind und sich somit ideal zum Krankfeiern eignen: Darmgrippe (3 bis 10 Tage), Sehnenscheidenentzündung (zwei bis vier Wochen), Eierstockentzündung (ein bis mehrere Monate).

«Sie sind alt genug»

Eine Stunde verbringe ich im Wartezimmer der Permanence. Da ich kerngesund bin, ist das kein Problem. Hätte ich allerdings wirklich die Magen-Darm-Grippe könnte es heikel werden, ausserdem hätte ich in dieser Zeit wohl um die 20 Leute angesteckt. Ich werde langsam, aber sicher ein wenig nervös; wird der Arzt mir glauben? Ich google nochmals schnell nach den Symptomen einer Magen-Darm-Grippe: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall. Kann, muss aber nicht auftreten: Fieber, Gliederschmerzen, Magenkrämpfe, Kopfschmerzen.

Schliesslich holt mich Dr. med. Dennis Jürgens ab. Wir nehmen in seinem Zimmer Platz. Ich habe mir extra die schlabbrigen Reisehosen und ein weites T-Shirt aus dem Schrank gekramt, das ungeschminkte Gesicht und die ungekämmten Haare sollen den Eindruck verstärken.

Ich schildere also, wie ich seit zwei Tagen nichts mehr im Körper behalten könne, als weitere Symptome entscheide ich mich für Gliederschmerzen und Magenkrämpfe. Ob ich was Falsches gegessen haben könnte, fragt mich Dr. Jürgens. Ich erzähle, wahrheitsgemäss von meinem Festivalbesuch über das Wochenende. Der erste kritische Blick – keine gute Idee. Abschliessend sagt er mir, während er das Zeugnis ausstellt: «Sie sind alt genug, um entscheiden zu können, ob Sie wirklich krank sind.» Ich schaue ihn verdutzt an, er lässt sich nichts anmerken und drückt mir das Zeugnis in die Hand. Drei Tage bin ich krankgeschrieben. 10 Franken kostet das Arztzeugnis, dazu kommt die rund 50-fränkige Rechnung für den Arztbesuch.

Verlängertes Wochenende

Schliesslich gebe ich mich zu erkennen. Ich hoffe, dass Dr. Jürgens nicht wütend wird. Wird er nicht, im Gegenteil. Das Erschleichen von Arztzeugnissen sei durchaus ein Thema, gerade in der anonymen Umgebung einer Walk-in-Praxis. «Es gibt viele junge Leute, die hier vorbeikommen, um ein Zeugnis zu holen, bei denen ich sofort merke, dass sie nicht wirklich krank sind», sagt Jürgens. Hoch im Kurs stehen dabei Grippe und Kopf- oder Bauchschmerzen. Hinweise darauf gibt auch die Krankenakte der Patienten, allerdings sind dort nur die Besuche in der eigenen Praxis vermerkt. Spätestens beim dritten Zeugnis innerhalb von ein paar Monaten frage er genauer nach. «Ich habe das Gefühl, das krankfeiern bei den Jungen zunimmt», sagt Jürgens. Dies liege wohl an der gesunkenen Arbeitsmoral. Gerade in der Festivalsaison seien Freitag und Montag beliebte Tage, um das Wochenende zu verlängern.

Ein täglicher Kampf

Dagegen machen könne er wenig, solange er sich nicht 100 Prozent sicher sei, dass das Gegenüberlüge. «Ich habe mich aber auch schon geweigert, Zeugnisse auszustellen», sagt Jürgens. Auf die Thematik vorbereitet werden die Mediziner laut Jürgens nicht, weder im Studium noch beim Berufseinstieg. Auch offizielle Richtlinien gebe es keine. Das Einzige, das helfe, sei Praxiserfahrung. «Als Arzt hat man eine gewisse Verantwortung gegenüber dem Menschen, aber auch gegenüber der Gesellschaft», sagt Jürgens. Dieser Zwiespalt sei nicht immer einfach.

Martin Spillmann, Leiter der Permanence Winterthur, bestätigt das Problem mit den Arztzeugnissen. «Es ist ein täglicher Kampf», sagt Spillmann. Daher habe er interne Regeln aufgestellt: Zeugnisse werden für maximal vier Tage ausgestellt und die Ärzte sollen, sofern keine Befunde vorliegen, auf dem Zeugnis nicht «aufgrund meiner Untersuchung», sondern «nach Angaben des Patienten» ankreuzen. Was viele nicht wissen: Ärzte können ihr Zeugnis im Nachhinein widerrufen. Etwa dann, wenn der Arbeitgeber sich beim Arzt erkundigt und durch die Rücksprache mit dem Angestellten klar wird, dass er gelogen hat.

Zum Schluss des Gesprächs nimmt Jürgens das Arztzeugnis wieder an sich und zerreisst es. Hätte ich mich nicht zu erkennen gegeben, hätte ich nun drei freie Tage vor mir. Ob ich sie allerdings hätte geniessen können, ist die andere Frage. Schliesslich musste ich den Arbeitgeber belügen und das Vertrauen des Arztes ausnützen. Stressmomente, die ich unter normalen Umständen gerne vermeide. (Landbote)

Erstellt: 04.08.2016, 21:33 Uhr

Krankheitstage im Gesetz

Wenn der Angestellte zu oft fehlt

Laut Bundesamt für Statistik sind Schweizer Vollzeitangestellte eher selten krank. Männer fehlten im Jahr 2015 rund sechseinhalb Tage, Frauen etwas mehr als acht Tage aufgrund von Krankheit oder Unfall. Die Zahlen sind seit Jahren fast unverändert.
Wer allzu oft fehlt, muss mit Konsequenzen rechnen. Die Arbeitnehmer haben zwar in der Zeit der Krankheit Kündigungsschutz, im ersten Dienstjahr 30 Tage, aber dem sechsten dann die maximalen 180 Tage. Wer aber längere Zeit oder immer wieder krankheitsbedingt ausfällt, bekommt es früher oder später mit einem sogenannten Vertrauensarzt zu tun. Der Arbeitgeber nutzt diese Möglichkeit dann, wenn das vorgewiesene Arztzeugnis Zweifel hervorruft. Der Vertrauensarzt wird vom Arbeitgeber ausgewählt und geniesst daher dessen «Vertrauen», sollte aber unabhängig urteilen. Krankheiten dürfen ausserdem in Arbeitszeugnissen erwähnt werden, wie das Bundesgericht in einem Urteil 2010 entschied. Allerdings nur dann, wenn die Krankheit erheblichen Einfluss auf Leistung oder Verhalten der Angestellten genommen hat. Es gibt sogar Detektivbüros, die auf Auftrag des Vorgesetzten, den angeblich kranken Mitarbeiter ausspionieren. Ob Chefs ihre Angestellten überwachen dürfen, ist allerdings umstritten. Die Einhaltung der Arbeitszeiten darf der Arbeitnehmer selber kontrollieren, engagiert er aber eine Drittperson, werden Daten gesammelt, die den datenschutzrechtlichen Bestimmungen unterliegt. Einen höchstrichterlichen Entscheid gibt es in der Schweiz derzeit noch nicht.anb

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