Niederglatt

Jetzt widmet er sich den Affen

Regierungsrat Markus Kägi gibt sein Amt im Mai ab. Als Baudirektor hatte er den Kanton zwölf Jahre lang massgeblich geprägt. Nun freut er sich darauf, endlich wieder Herr über seine eigene Agenda zu sein.

Der Niederglatter Markus Kägi blickt zufrieden auf seine Amtszeit zurück.

Der Niederglatter Markus Kägi blickt zufrieden auf seine Amtszeit zurück. Bild: Paco Carrascosa

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Wie viel arbeitet eine 100 Prozent erwerbstätige Person im Unterland? Etwas über 1900 Stunden dürften es im Normalfall sein. Für Noch-Regierungsrat Markus Kägi war es während seinen zwölf Jahren Amtszeit bedeutend mehr. Er kam jeweils mit dem Zugum etwa 6.20 Uhrin Zürich an, begann somit etwa zehn Minuten später mit der Arbeit und blieb abends meist bis um 21 oder 22 Uhr. Die Ausnahme bildete immer der Montag. Da lieferte ihn ein Chauffeur jeweils bereits um 6 Uhr in seinem Büro in der Baudirektion ab – ansonsten hätte Kägi die Aktenberge, die er jeweils über das Wochenende studierte, nicht zurück in die Direktion transportieren können.

Es überrascht deswegen nicht, wenn Kägi kurz vor dem Ende seiner politischen Karriere verrät, wonach er sich am meisten sehnt: «Ich werde endlich wieder Herr über meine eigene Agenda sein.» Er sagt es mit etwas Schalk in den Augen, als einer, der nicht ausgebrannt ist, sondern zufrieden am Ende einer politischen Laufbahn angekommen ist, die über 40 Jahre gedauert hat. Sie begann 1978 in der Rechnungsprüfungskommission seiner Heimatgemeinde Niederglatt, wo er sechs Jahre später in den Gemeinderat gewählt wurde. 1991 folgte der Sprung in den Kantonsrat, wo Kägi während fünf Jahren amtete. Danach war der Notar elf Jahre lang Ombudsmann des Kantons Zürich und von 2005 bis 2007 Präsident des Europäischen Ombudsmann-Instituts. Und schliesslich wurde Kägi 2007 in den Regierungsrat gewählt, wo er währendseinen zwölf Jahren der Baudirektion vorstand. Zweimal war er in dieser Zeit Regierungspräsident.

Für Skandale hat er nicht gesorgt

Er habe nie ein anderes Departement gewollt, erklärt Kägi. «Thomas Heiniger und ich waren 2007 die beiden Neuen. Und ich habe ihn gefragt: ‹Du, was würdest du haben wollen?›». Heiniger habe am liebsten das Gesundheitsdirektion führen wollen. «Gott sei Dank, habe ich mir damals gedacht.» Denn die Gesundheitsdirektion hatte Kägi am wenigsten interessiert. Bei der Konstituierung wollte dann Hans Hollenstein aber weg von den Finanzen und lieber ins Sicherheitsdepartement wechseln. «Ach du Sch…, dachte ich mir. Weil dann hätte ich wohl die Finanzen übernehmen müssen.» Glücklicherweise wollte aber auch die damals erst seit rund einem halben Jahr regierende Ursula Gut wechseln. «Und so erhielt damals schliesslich jeder das Departement, mit dem er sich identifizieren konnte. Unter anderem Thomas Heiniger die Gesundheit und ich die Baudirektion», erinnert sich Kägi gerne zurück.

«Ich wollte einen Kanton mit einem Gesicht, mit 
Lachfalten und Charakter.»

Markus Kägi

Skandale hatte Kägi während seiner Regierungszeit nicht wirklich zu verkraften. Anders als etwa Christoph Mörgeli, Hans Fehr, Toni Bortoluzzi oder anderen bekannten Gesichtern aus der Zürcher SVP gehört er nie zu den lauten und mitunter provokativen Politikern seiner Partei. Stattdessen attestierte man ihm, seine Dossiers im Griff zu haben, gut informiert und vor allem kompromissbereit zu sein. So war es etwa die SP, die Kägis Version des neuen Wassergesetz mittels eines Referendums schützen wollte, nachdem sie im Kantonsrat von bürgerlicher Seite erheblich verändert worden war.

Der Niederglatter nahm sich zudem selbst nie zu wichtig. Er setzte sich nicht in Szene, machte um seine Person kein grosses Aufheben und zeigte auch Sinn für Humor. Privat lässt er es sich nicht nehmen, seine Dächlikappe verkehrt herum aufzusetzen, um mal eben ein paar Verse zu rappen.

Der Richtplan war sein Magnum Opus

Kägi zieht selbst ein gutes Fazit seiner zwölf Jahre als Regierungsrat. Es gibt wenig, was ihn wurmt. «Gerne hätte ich ein Strassenprojekt von der Planung über den Spatenstich bis hin zur Einweihung in meiner Amtszeit erlebt», sagt er. Das ist ihm knapp nicht gelungen, der Autobahnzubringer Obfelden/Ottenbach hätte am ehesten das Potenzial dazu gehabt, wird nun abervoraussichtlich erst dieses Jahr umgesetzt. Immerhin konnte Kägi Anfang April in Dietlikon überhaupt bei seinem ersten Spatenstich für ein Strassenprojekt anwesend sein.

Stolz ist er auf viele andere Projekte, die während seiner Amtszeit umgesetzt wurden. So etwa die Gesamtrevision der Richtplanung. Hinter dem technischen Begriff verbirgt sich ein für den Kanton wichtiges Instrument: «Ohne Richtplan kann sich der Kanton nicht entwickeln», erklärt Kägi. Sieben Jahre Vorlaufzeit hat die Revision benötigt, bevor sie überhaupt in den Kantonsrat zur Diskussion in den Kommissionen kam. 33 Stunden debattierte der Rat dann darüber. Kägi stand in dieser Zeit unter Druck, von rechts hatte man von ihm verlangt, mehr Handlungsraum für Einzonungen zu ermöglichen, von links wollte man das Gegenteil. «Ich wollte einen Kanton mit einem Gesicht, mit Lachfalten und Charakter. Er sollte nicht überall gleich sein, gleich aussehen», beschreibt der Niederglatter das Ziel seines Richtplans. An die letzte «Elefantenrunde» vor der grossen Abstimmungim Jahr 2014 kann sich Kägi gut erinnern: «Jede Partei sagte: Das ist unser Richtplan.» Eine einzige Enthaltung gab es schliesslich, keine Gegenstimme. Besonders freut Kägi, dass die Gemeinden durch die Mitarbeit am Richtplan näher zusammengerückt seien. Sie würden nun nicht mehr nur bis zu ihrer Gemeindegrenze denken, sondern mehr Verständnis für das Gesamtkonzept entwickelt haben. «Aber die Revision des Richtplans war eine so grosse Sache, dass das Milizsystem dadurch definitiv an seine Grenzen kam.»

Auch weniger bekannte Projekte fallen in Kägis Amtszeit. AgroVet-Strickhof, die 2012 beschlossene Kooperation des kantonalen Strickhofs, der ETH Zürich und der Universität Zürich, verknüpft heute Forschung und Bildung im Agrarwesen mit den Praktikern in der Landwirtschaft. Kägi hat auch das sogenannte Urban Mining – die Wiederverwertung von teuren Baustoffen aus Abfall – vorangetrieben. Das Tierspital wurde aus Recyclingbeton gebaut, aus dem Klärschlamm wird heute Phosphor und Phosphorsäure entzogen. Das sind Stoffe, die in der Wirtschaft gefragt sind.

Etwas mehr Tempo hätte ihm gut gefallen

Nicht alles glückte jedoch. Die Jagdschussanlage in Embrach sorgte immer wieder für Diskussionen, ursprünglich war eine Schliessung 2015 angedacht, nun wird wohl bis 2024 weitergeschossen. Kägi – ein Jäger – wurde dabei immer wieder vorgeworfen, er greife weniger hart durch, als dies in der Sache angemessen wäre. «Ich will die Jagdanlage schon lange schliessen. Aber bis ein geeigneter Ersatz da ist, sind mir die Hände gebunden.» Und dieser Ersatz, eine Anlage in der Widstud bei Bülach, hat sich immer wieder nach hinten verzögert, durch viele Beschwerden und Rekurse. «Das ist etwas, woran ich mich nie ganz gewöhnen konnte: Die Zeit, die es benötigt, um in der Schweiz ein Projekt durch alle Instanzen und Vernehmlassungen durchzubringen, ist enorm», bemängelt der ehemalige kantonale Ombudsmann, auch wenn er Verständnis dafür habe, dass der Rechtsweg natürlich nötig sein.

Kritik musste Kägi auch um dasProjekt zum Bau des neuen Polizei- und Justizzentrums (PJZ) einstecken. Um das PJZ wurde des Öfteren gestritten, so etwa, als sich Kägi den Vorwurf gefallen lassen musste, bei der Planung die Kosten um 100 Millionen überschritten zu haben, auch wenn dies sich nachweislich als falsch erwiesen hatte.

Einen Schrecken musste der Regierungsrat beim Thema Wasser verkraften. «Ich war knapp 100 Tage im Amt, als plötzlich um halb 10 Uhr abends das Telefon klingelte. Die Kantonspolizei war dran:‹Herr Kägi, der Krisenstab tritt zusammen.›» – «Wie, was, Krisenstab? Worum geht es?», entfuhr es einem leicht verdatterten Kägi. Der Wasserpegel im Sihldurchlauf unter dem Hauptbahnhoftunnel war so weit angestiegen, dass nur noch drei Zentimeter bis zu einer Überflutung fehlten. «Braucht es mich?», fragte Kägiden Polizisten am Telefon. Am anderen Ende der Leitung blieb es still. «Geben Sie es zu, eigentlich brauchen Sie jetzt die Fachleute», sagte der Regierungsrat daraufhin. «Ja», kam die Antwort, «aber wenn es schlimmer wird, müssen Sie vorne hinstehen und es erklären.»

«Ohne meine Frau hätte ich das alles gar nicht schaffen können.»Markus Kägi

Nach dieser Episode, die schliesslich glimpflich ausging, trieb Kägi den Hochwasserschutz voran. «Mit der Klimaveränderung werden wir konzentriert mehr Niederschläge haben als früher.» Ein Unwetter, wie es 2005 die Innerschweiz heimgesucht hatte, hätte gemäss Kägi in Zürich Schäden von 6,4 Milliarden Franken an Gebäuden verursacht – die daraus entstehenden Arbeitsausfälle nicht miteingerechnet.

In Umweltsachen bleibt Kägi umstritten, Teile der Politik forderten stets mehr Massnahmen zum Schutz der Umwelt und des Klimas. «Hier muss man vernünftig sein, ich war nie einer, der Dinge gehypt hat», hält der Niederglatter dagegen. Von 7 Tonnen CO2-Verbrauch jährlich pro Person habe man während seiner Zeit auf 4,8 Tonnen reduzieren können. «Wir sind damit auf Kurs», findet Kägi. Eine 2000-Watt-Gesellschaft sei unrealistisch, er habe der Bevölkerung nie ein unerreichbares Ziel vorgaukeln wollen.

Mehr Zeit für Enkel und Tiere

Nach der Übergabe an seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird Kägi nach zwölf Jahren Dauereinsatz wieder mehr Zeit haben. «Zeit für meine Enkelin und meinen Enkel», sagt der Noch-Regierungsrat. Vor allem aber auch für seine Frau: «Ich habe meine Frau in den letzten zwölf Jahren wahrscheinlich weniger oft gesehen als meine Sekretärin», erzählt Kägi. «Und ich bin wirklich dankbar, dass mich meine Frau all die Jahre unterstützt hat. Sie hat zuhause alles gemacht, von der Steuererklärung über sämtliche Arbeiten, die es im und am Haus zu erledigen gibt. Sie war meine Innenministerin. Ohne sie hätte ich das alles gar nicht schaffen können. Sie hat mir den Rücken freigehalten. Und bei all dem hatte sie sogar noch Verständnis dafür, wenn ich am Abend erschöpft nach Hause gekommen bin und halt nach 16 Stunden arbeiten nicht immer viel Lust zum Reden hatte.»

Daneben hat Kägi auch sonst schon ein paar Pläne geschmiedet. Er will mit seiner Frau auf Reisen gehen. «Wir möchten ein wenig die Welt entdecken. Ich will die Orang-Utans in Borneo sehen und dann weiter nach Vietnam.» Mit Westfalenterrier Lenny wird er auch etwas öfter unterwegs sein als früher. Ob er auch beruflich wieder etwas Neues in Angriff nehmen wird, darüber schweigt er sich vorerst aus.

Erstellt: 18.04.2019, 13:32 Uhr

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