Gesundheit

«In fünf Jahren wird es im Kanton Zürich zu wenig Hausärzte geben»

Josef Widler, CVP-Kantonsrat und Präsident der Ärztegesellschaft, hält nichts von einem Ärztestopp, den seine FDP-Ratskollegin fordert.

«Einfache Rezepte haben häufig schampar viele Nebenwirkungen», sagt Josef Widler.

«Einfache Rezepte haben häufig schampar viele Nebenwirkungen», sagt Josef Widler. Bild: Urs Jaudas

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Die Zahl der Arztbewilligungen ist zwischen 2010 und 2018 um 44,2 Prozent angestiegen (Ausgabe vom Samstag). Gleichzeitig hat die Bevölkerung im Kanton Zürich lediglich um 10,6 Prozent zugelegt. Für FDP-Kantonsrätin Astrid Furrer (Wädenswil) ist klar: «Wir haben zu viele Ärztinnen und Ärzte im Kanton Zürich.» Furrer fordert deshalb einen Ärztestopp.

Herr Widler, Sie sind Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich und CVP-Kantonsrat. Was halten Sie von der Forderung Ihrer Ratskollegin?
Josef Widler: Es ist sicher nicht falsch, zu schauen, wie hoch der Bedarf tatsächlich ist. Ein Zulassungsstopp anhand der Statistik von steigenden Berufsausübungsbewilligungen ist aber kein gutes Rezept. Die einfachen Rezepte zeigen häufig schampar viele Nebenwirkungen. Es lohnt sich also, differenzierte Rezepte zu nehmen.

Und wie wäre es mit einer differenzierteren Antwort auf die Frage?
Die Forderung von Astrid Furrer ist ziemlich schwierig, weil der Kanton gar nicht weiss, ob die Ärzte mit den Bewilligungen überhaupt in Praxen arbeiten und wenn ja wie viel. Wenn wir die Zahl der tatsächlich arbeitenden Ärzte anschauen, hat sogar der Bundesrat erkannt, dass wir zu wenig Mediziner ausbilden, um den künftigen Bedarf abzudecken. In den nächsten Jahren werden zahlreiche Hausärzte pensioniert. Meine Prognose: In fünf Jahren wird es im Kanton Zürich zu wenig Hausärzte geben.

Wie kommen Sie zu dieser Aussage?
Es sind die Babyboomer, die jetzt langsam ins Pensionsalter kommen. Darunter sind viele, die 110 Prozent gearbeitet haben. Unter den Ärzten, die heute in die Hausarztpraxis kommen, haben viele ein Pensum von 60 Prozent und weniger. Für jeden, der geht, braucht es also zwei neue.

Sind die vielen Teilzeitler mit ein Grund für die steigende Zahl von Ärztinnen und Ärzten?
Ja, eindeutig. In der Ärztegesellschaft stellen wir fest, dass nur noch die Hälfte aller Ärzte in den Praxen mehr als 60 Prozent arbeiten. Schauen Sie nur mal, wie viele Gemeinschaftspraxen seit 2010 entstanden sind.

Das allein erklärt die Zunahme aber nicht?
Nein. Aber bereits die Umstellung der Spitalfinanzierung hat dazu geführt, dass Untersuchungen von den Spitälern in Spitalambulatorien oder in Arztpraxen ausgelagert wurden. Mit der Strategie «ambulant vor stationär» braucht es im ambulanten Bereich noch mehr Mediziner. Spitäler und private Investoren bauen Ambulatorien auf und stellen dort Ärztinnen und Ärzte in Teilzeitpensen an. So tauchen viele Ärzte neu in der ambulanten Statistik auf.

Trotzdem: Die Diskrepanz zwischen dem Bevölkerungswachstum und der Zunahme bei der Zahl der Ärzte erstaunt schon.
Man darf nicht vergessen: Die Ärztinnen und Ärzte im Kanton Zürich versorgen nicht nur jene Leute, die auch im Kanton wohnen. Da gibt es etliche Leute, die von ausserhalb kommen, in Zürich arbeiten und hier ärztliche Leistungen konsumieren.

«Wir müssen vermehrt über den Nutzen von medizinischen Massnahmen diskutieren.»Josef Widler

Sind die Alten schuld am zusätzlichen Bedarf?
Die Alterung der Gesellschaft fällt nicht extrem ins Gewicht. Der Bedarf in der Geriatrie wird aber zunehmen. Was zweifellos zugenommen hat, sind die Begehrlichkeiten der Patienten. Heute wollen viele sofort ein Röntgenbild, eine Darmspiegelung oder auf die Notfallstation.

Wie stark wecken die Spezialisten unter den Ärzten diese Begehrlichkeiten? Man sagt ja: Je grösser das Angebot, desto grösser die Nachfrage.
Das spielt sicher eine Rolle. Es gilt insbesondere für die Spezialisten, die aus dem Ausland noch für ein paar Jahre in die Schweiz kommen, um Geld zu verdienen. Das will ich aber nicht allen Kollegen unterstellen.

Die Hausärzte sind also vor dieser Versuchung gefeit?
In einer normalen Hausarztpraxis bestellen Sie keinen Patienten zu oft. Da kommen Sie mit der Arbeit auch so kaum nach.

Sie haben die Ärzte mit ausländischen Diplomen erwähnt. An den Daten des Regierungsrats fällt tatsächlich auf, dass ihre Zahl regelrecht explodiert ist.
Es gibt etliche Mediziner aus dem grenznahen Ausland, die neben ihrer Praxis daheim ein Teilpensum in der Schweiz wahrnehmen. Darunter sind auch ältere Kolleginnen und Kollegen, die spezialisiert sind und bei uns noch ein paar Jahre Umsatz machen wollen. Das finden wir auch nicht so lustig.

Kann sich die Ärztegesellschaft dagegen wehren?
Wenn wir das tun, heisst es, wir wollen den Kuchen nicht teilen.

In unseren Spitälern wimmelt es doch auch von ausländischen Medizinern.
Die Spitäler könnten ihre Stellen gar nicht besetzen ohne die Mediziner aus dem Ausland. Sie machen den Facharzttitel bei uns, und einige eröffnen später eine Praxis.

Was halten Sie von Astrid Furrers Behauptung, die Arztausbildung im Ausland könne von der Qualität her oft nicht mit jener in der Schweiz mithalten?
Wir müssen die Diplome gegenseitig anerkennen. Bei den Orthopäden aus Deutschland gab es beispielsweise das Problem, dass sie nicht dieselben Operationskataloge hatten wie wir. Teilweise reichte es dort, bei gewissen Operationen bloss zu assistieren.

Wie kann man das Problem lösen?
Die Orthopäden haben jetzt selber ein Speziallabel eingeführt. Wer das Label will, muss eine Prüfung machen. Das gilt auch für die alten Hasen. Das ist ein guter Weg. Die Fachgesellschaften müssen Anstrengungen erbringen, um die Qualität zu sichern.

Ein Thema im Zusammenhang mit ausländischen Ärzten ist auch der Braindrain, der im Herkunftsland entsteht. Die Leute werden dort auf Kosten des Staates ausgebildet und kommen dann zu uns. Ist das ein Anlass zur Kritik?
Daran kann man kaum etwas ändern. Ehrlicherweise muss man aber sagen, sie nehmen auch Brain mit, wenn sie wieder nach Hause gehen. Es ist ein Geben und Nehmen.

Allgemein wird es so wahrgenommen, dass die Medizin immer mehr kann. Inwiefern steigert das die Nachfrage?
Das spielt eine gewisse Rolle, weil natürlich alle vom medizinischen Fortschritt profitieren wollen. Man müsste sich allerdings öfter fragen, ob eine Massnahme in einem gewissen Alter ethisch gesehen Sinn macht. Etwa wenn der Patient statistisch schon gestorben ist, bis die Präventionsmassnahme etwas nützt. Heute spricht man zu wenig darüber, wann eine Massnahme noch sinnvoll ist. Diese heikle Diskussion müssen wir künftig vermehrt führen.

Die Frage nach dem Nutzen ist ein Tabu. Stellen Sie darin einen Wandel gegenüber früher fest?
Früher sind die Leute zur Kirche gegangen, und der Pfarrer hat ihnen gesagt, dass das Leben nicht ewig dauert. Heute liest man am Sonntag die Zeitung und erhält Tipps fürs ewige Leben. Man befasst sich nicht mehr mit der Endlichkeit des Lebens, sondern verdrängt das. Die Vergänglichkeit thematisiert man nicht so gerne in der heutigen Gesellschaft.

Erstellt: 04.09.2019, 19:19 Uhr

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