Fussball

Im Zwinger

Die Fangewalt steht in den Schlagzeilen. Schon wieder. Obwohl die Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien massiv sind. Ein Erlebnisbericht vom letzten Auswärtsspiel der Grasshoppers.

Ruhe vor dem Sturm: Die vergitterte Brücke zum Gästesektor des Fussballstadions Kybunpark in St. Gallen.

Ruhe vor dem Sturm: Die vergitterte Brücke zum Gästesektor des Fussballstadions Kybunpark in St. Gallen. Bild: Keystone

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Wie Raubtiere auf dem Weg in die Arena. Die GC-Fans stehen in einem Tunnel aus massiven Metallgittern. Es geht nur langsam vorwärts. Beim Eingang wird eine Person nach der anderen durch eines der Drehkreuze gelotst. Dahinter nimmt Sicherheitspersonal in voller Montur alle einzeln in Empfang. St. Gallen, Kybunpark, Sonntagnachmittag. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff des Super-League-Spiels FC St. Gallen gegen Grasshoppers Zürich.

Ich hätte es ja wissen können. Als nur noch gelegentlicher Fussballzuschauer reise ich nach zehn Jahren wieder einmal an ein Auswärtsspiel meines Clubs. Sonst sitze ich jeweils im Familiensektor im Heimstadion. Jetzt habe ich erstmals seit langem Tickets für die Fankurve gekauft. Weil ich nach den Schlagzeilen der letzten Wochen sehen wollte, wie es heutzutage dort so zugeht. Und weil ich nicht wusste, wie hart die Vorkehrungen unterdessen sind. Zäune, Schranken, Personal in Rambo-Ausrüstungen. Am Boden Abfall, an den Wänden Schmierereien. Eine Szenerie wie in einem apokalyptischen Science-Fiction-Film.

Wäre in dieser Atmosphäre jemand ausgerastet, es hätte mich nicht überrascht.

«Gehen Sie dort hinüber zur Kontrolle.» Der Ton ist höflich und routiniert, alles andere knallhart. Auch die folgende Leibesvisitation. «Die Beine auseinander. – Weiter auseinander.» Der Sicherheitsmann sucht unter der Kleidung versteckte Gegenstände und knetet mich durch. Überall.

Dann sind wir endlich drin. Auch hier ist alles vergittert, sogar der Kiosk. Die berühmten Bratwürste ohne Senf werden durch eine Durchreiche verkauft. So stelle ich mir die Essensausgabe in einer Strafanstalt vor. Immerhin: Das Verkaufspersonal trägt Shirts mit GC-Logo. Eine versöhnliche Geste.

Ein paar Minuten vor Anpfiff sind wir auf der Tribüne. Wir suchen uns Plätze oberhalb des harten Kerns der GC-Fans. Die Fangesänge sind immer noch ­dieselben wie vor zehn Jahren, manchmal stimmungsvoll, manchmal primitiv, manchmal aggressiv. Abgesehen von den Sprechchören («Scheiss-Sankt- Gallen!»), gibt es heute keine Ausraster. Obwohl GC auf dem Feld mit 3:1 abgefertigt wird.

Die GC-Fans am Sonntag in St. Gallen: Als Auswärtsfan wird man dort nicht eben gastfreundlich behandelt. Quelle: gc-zone.ch

Nach dem Spiel will ich rasch raus. Mein Kollege, der häufiger an Fussballspiele mitreist, grinst nur. «So schnell lassen die uns nicht gehen.» Tatsächlich. Der Zwinger bleibt zu. Erstaunlich: Die Fans stört das nicht gross. «Ist doch immer so.» Nur ab und zu haut einer ans Eisentor. Sonst wartet man stoisch ab.

«Diese militanten Psycho-Fans muss man einfach trennen.»Ein Fussball-Fan

Ist das alles nötig? «Du siehst ja, was in Zürich rund ums Stadion läuft», sagt mein Kollege. Was soll man sonst machen? «Früher, als die Gitter noch nicht fest installiert waren, gab es heftige Schlägereien. Diese militanten Psychofans muss man einfach trennen», sagt ein befreundeter St.-Gallen-Anhänger später. «Bist du sicher, dass es nicht eskaliert wäre ohne diese Sicherheitsmassnahmen?»

Dass nach einem problemlosen Spiel die Fans so lange eingesperrt werden, verstehe ich hingegen nicht. Die Fans sind an diesem Spiel nicht gewalttätig. Als eine Form von Gewalt empfinde ich hingegen die knallharten Massnahmen und diese Käfighaltung. Wäre in dieser Atmosphäre jemand ausgerastet, es hätte mich nicht überrascht.

Das Sicherheitsaufgebot erzwingt im Stadion wohl Ruhe und Ordnung, bekämpft aber offensichtlich nur die Symptome. Die Repression – in den letzten Jahren massiv verstärkt – löst das Problem nicht.

Eine halbe Stunde dauert die Zwangspause. Endlich öffnet sich das Tor. Die Menge drängelt durch das Gittertunnel aus dem Stadion. Alles ist abgesperrt. Die Fans werden direkt in Richtung des Extrazugs nach Zürich geschleust. Wir hingegen wollen auf einen Bus. Doch wie? Überall sind Gitter. Endlich finden wir einen Sicherheitsmann, der uns ein kleines Tor aufschliesst. Wir erwischen den nächsten Bus, 30 Minuten später als geplant. Im Bus sitzen Fans in Grün und in Blau-Weiss nebeneinander. Friedlich.

Erstellt: 31.10.2017, 09:21 Uhr

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