Zürich

«Ich will die Tiere in der Wildnis erhalten»

Alex Rübel ist seit einem Vierteljahrhundert Direktor des Zoos Zürich. Er sagt, wie sich das Verhältnis zum Tier gewandelt hat, was die Aufgabe des Zoos ist und weshalb die Tiere nicht bloss nach ihrer Attraktivität beurteilt werden.

Der Zoo und der Naturschutz: «Zerstören wir die Biodiversität, sind wir früher oder später auch weg.»

Der Zoo und der Naturschutz: «Zerstören wir die Biodiversität, sind wir früher oder später auch weg.» Bild: Melanie Duchene

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Alex Rübel, der Zoo hat sich in den letzten 25 Jahren, seit Sie ­Direktor sind, gewaltig entwickelt. Begonnen mit der neuen Bärenanlage bis zur Eröffnung der mongolischen Steppe. ­Weitere Ausbauschritte laufen bereits oder sind geplant. Muss der Zoo den Besuchern ständig Neues bieten?
Alex Rübel: Der Zoo ist ein Spiegel der Gesellschaft. Methoden und Ziele verändern sich mit dem ­gesellschaftlichen Verständnis gegenüber dem Tier. Dieses hat sich massiv gewandelt. Da müssen wir mitgehen, denn wir sind eine Kulturinstitution, gemacht von Menschen für Menschen.

Wie hat sich das gesellschaftliche Verständnis gegenüber dem Tier konkret verändert?
Früher haben wir uns vor den grossen Tieren gefürchtet, heute dominiert der Mensch die Tierwelt uneingeschränkt, das führt einerseits zu einer vermehrten Bedrohung der Tierwelt, andererseits zu einer zunehmenden Vermenschlichung. Zum Glück werden die Tiere, von denen wir heute viel mehr wissen, aber auch als Mitgeschöpfe wahrgenommen, denen wir Sorge tragen und ihnen ein lebenswertes Leben schulden.

Was erwarten die Menschen vom Zoo?
Sie wollen nach einem Besuch heimgehen und sagen, sie haben etwas gelernt. Unser Anspruch ist es, die Leute für die Erhaltung der Tierwelt zu sensibilisieren.

Sie sprechen den Zoo-Slogan an. Er lautet «Wer Tiere kennt, will Tiere schützen». Funktioniert das tatsächlich?
Ja. Die Resultate unserer Umfragen bestätigen das. Früher kam man primär in den Zoo, um Tiere anzuschauen. Heute sagen 80 Prozent der Befragten, seine Aufgabe sei der Naturschutz. Wir sind heute zuallererst eine edukative Institution. Als wichtigstes Mittel haben wir das leben­dige Tier. Es erfasst die Besucher emotional, und es ist die Grund­lage, damit die Leute bereit sind, etwas für den Naturschutz zu tun.

Sie haben den Zoo als ein Naturschutzzentrum positioniert, in dem die Besucher in Ruhe beobachten sollen. Andererseits fallen die zahlreichen Kinderspielplätze und Verpflegungsmöglichkeiten auf. Ist der Zoo zum Vergnügungspark geworden?
Damit wir unsere Botschaften an unsere Besucher bringen, darf und soll der Zoobesuch Vergnügen bereiten. Wollen wir unsere Ziele erreichen, müssen wir attraktiv bleiben, sonst kommt niemand. Der Zoobesuch soll ein Erlebnis sein, aber im Unterschied zum Vergnügungspark ein lehrreiches. Wir haben den grossen Kinderspielplatz beispielsweise bewusst in die Nähe der Masoala-Halle gebaut. Die Halle verlangt dem Besucher Geduld ab. Kinder sollen danach den Kopf auslüften können. Fühlen sie sich wohl, sind sie bereit, etwas zu lernen. Die Wohlfühlaspekte, die nicht auf den ersten Blick mit den Tieren zu tun haben, spielen deshalb eine wichtige Rolle und tragen zur Bereitschaft bei, sich für die Tierwelt einzusetzen.

Müssen Tiere im Zoo in erster ­Linie attraktiv sein?
Die Attraktivität ist ein Kriterium, es gibt zahlreiche weitere. Etwa, was wir mit dieser Tierart vermitteln können oder ob sich eine Tierart in unserem Klima gut halten lässt.

Haben Sie deshalb vor Jahren auf die Eisbären verzichtet?
Wir mussten uns auf weniger Tierarten beschränken, deren Haltung sehr aufwendig ist. Der Eisbär hätte grosse Landreserven bedingt und grosse Wasserbereiche. Wir befinden uns zuoberst auf dem Hügel, und Wasser ist für uns daher sehr teuer. Wir können und wollen nicht sämtliche grossen Tierarten halten.

Auf welche grossen Tierarten verzichtet der Zoo Zürich sonst noch?
Von den grossen haben wir auch auf die Flusspferde, den Panther und die Schimpansen verzichtet.

Gibt es im Zoo Zürich Lücken­büsser-Tiere?
Das würde ich so nicht sagen. Wir wollen ganz bewusst die Vielfalt der Tierwelt zeigen. Da gehört auch das Mäuschen dazu.

Wenn Sie in Anlagen investieren, stehen dann die attraktiven Tiere zuoberst auf der Liste?
Nein. Da steht ganz klar die Tierhaltung im Vordergrund. Ist ein Gehege 20 Jahre oder älter, besteht automatisch Handlungs­bedarf. Wir können aber nicht ­alles aufs Mal machen.

Verschiedene Tieranlagen sind mit Naturschutzprojekten verknüpft, in denen sich der Zoo ­engagiert. Das grösste und ­älteste ist Masoala auf Madagaskar. Es läuft seit rund 13 Jahren. Welche Bilanz ziehen Sie?
Masoala ist ein schwieriges Projekt. Politisch ist Madagaskar sehr instabil. Die Madagassen ­leben ausserdem von der Brandrodung. Heute existieren noch rund vier Prozent des ursprünglichen Regenwaldes. Wenn sich an der Lebensweise nichts ändert, dauert es noch rund zehn Jahre, und der Regenwald ist weg.

Ist das Scheitern also ein möglicher Ausgang für dieses Projekt?
Ja. Der Druck auf die Natur hat leider keineswegs nachgelassen. Seit wir auf Madagaskar aktiv sind, hat sich die Bevölkerung mindestens verdoppelt. Der Masoala-Regenwald ist eine der ­artenreichsten Gegenden der Welt. Wir konnten die Abholzung in Masoala von 3 Prozent auf 1 Prozent reduzieren. Es wäre schön, wenn es uns gelänge, dort noch weitere positive Beiträge zu leisten.

Andernfalls gibt es die Masoala-Halle in Zürich als Arche Noah.
So schön der Zoo ist: Ich will die Tiere in der Wildnis erhalten. Das Leben basiert auf der Biodiversität. Zerstören wir sie, sind wir früher oder später ebenfalls weg.

Momentan planen Sie mit der afrikanischen Savanne Lewa ein weiteres Grossprojekt, das letzte vor Ihrer Pensionierung. Mit Lewa sollen die Giraffen in den Zürcher Zoo zurückkehren. Bis anhin war diese Tierart stark mit dem Kinderzoo in Rapperswil verknüpft. Graben Sie dieser Institution das Wasser ab?
Konkurrenz belebt. Mit Lewa, einem Naturschutzgebiet in Kenia, verbindet uns seit über 50 Jahren eine lose Zusammenarbeit. Wir wollten deshalb ein Naturschutzprojekt mit Afrika realisieren. Und da gehören neben den Nashörnern und ­Zebras die Giraffen dazu.

Ein lang gehegter Wunsch ist eine Seilbahn vom Bahnhof Stettbach in den Zoo. Es sollen mehr Besucher mit dem öffentlichen Verkehr anreisen. Wer aber den ÖV nutzt, der kommt im HB an und will von dort aus weiterreisen.
Aus der ZVV-Region ist man von beinahe jeder Destination aus eine halbe Stunde rascher im Zoo, wenn man via Stettbach reist. Das mühsame Umsteigen im HB ist der Hauptgrund, wenn Zoobesucher nicht den ÖV benützen.

Das Ziel soll aber nicht sein, dass die Zoobesucher dereinst mit dem Auto in den Stettbach fahren und dann von dort aus das Bähnli nehmen?
Nein. Wir wollen, dass die Besucher den öffentlichen Verkehr benutzen. Letztes Jahr lag die Quote bei rund 50 Prozent. Vor zehn Jahren waren es noch etwa 35. Heute haben wir rund 250 Parkplätze weniger als vor 25 Jahren.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Zoo-Seilbahn kommt?
Das bin ich. Vermutlich wird das aber erst nach meiner Zeit als Zoodirektor sein.

Die neuen Anlagen verschlingen grosse Geldmengen. Da kommen die Sponsoren ins Spiel: Was Alex Perreira für das Zürcher Opernhaus war, ist Alex Rübel für den Zoo Zürich. Wie wichtig ist die Sponsorensuche in Ihrer Arbeit?
Relativ wichtig. Ich kann selbstverständlich nicht einfach auf mögliche Gönner zugehen und Geld verlangen. Ich muss überall auftreten, Vorträge halten, Leute begrüssen. Das macht einen Viertel bis ein Drittel meiner Arbeit aus.

Liegt Ihnen das?
Ich mache das gern. Manchmal wird es aber viel. Gerade jetzt halte ich praktisch täglich Vorträge, selbstverständlich immer am Abend. Da merke ich, dass ich ­etwas älter geworden bin.

Der Zoo braucht nicht nur Geld für neue Anlagen. Der jährliche Betriebsaufwand beläuft sich – ohne Restaurants – auf rund 24 Millionen Franken. Diese Summe gilt es zu erwirtschaften. Muss der Zoo ständig dem Geld nachrennen?
Unsere Qualität hängt davon ab, wie wir unsere Tiere halten. Ausserdem davon, wie wir den Besuchern unsere Werte näherbringen. Je effizienter wir arbeiten, desto mehr Geld können wir in unsere ideellen Ziele investieren.

In vier Jahren werden Sie pensioniert. Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin wird einen schwierigen Stand haben. Was bleibt zu tun nach der Ära Rübel?
Ich hätte Ideen für weitere 20 Jahre. Die Menschenaffen brauchen beispielsweise ein neues Zuhause. Handlungsbedarf gibt es auch bei den Vögeln und allenfalls den Robben. Eine wichtige Aufgabe für meinen Nachfolger wird es zudem sein, die Leute zusammenzuhalten, die den Zoo tragen.

Erstellt: 29.06.2016, 16:34 Uhr

Der Zoo Zürich in Zahlen

68 504 Franken Betriebsaufwand pro Tag

Der Zoo Zürich beherbergt vom Alpaka bis zum Zwergseidenäffchen 357 Tierarten. Momentan leben rund 4150 Tiere im Zoo. Der Betrieb kostet pro Tag 68 504 Franken. Mehr als die Hälfte machen die Lohnkosten aus (36 682 Franken). Der Unterhalt von Gebäude, Garten, Gehege und die Energiekosten belaufen sich auf 15 772 Franken. Das Futter für die Tiere und die Betreuung durch den Tierarzt schlagen mit gut 2800 Franken zu Buche.
Auf der Einnahmenseite stehen die Eintritte mit 34 740 Franken an oberster Stelle. 6300 Franken kommen auf den Tag berechnet durch Tier- und Pflanzenpatenschaften sowie Sponsoring zusammen. Führungen und Veranstaltungen steuern täglich 4900 Franken bei, und von den Shops und Restaurants kommen nochmals gut 3800 Franken dazu. Das sind ­nahezu drei Viertel der Betriebskosten. Für das letzte Viertel kommen Stadt und Kanton ­Zürich je zur Hälfte auf.

Zur Person

Alex Rübel (61) ist seit Juli 1991 Direktor des Zoos Zürich. Zuvor stand er schon als Tierarzt für den Zoo im Einsatz. Ein Lieblingstier hat der Zoodirektor nicht – könnte er wählen, wäre er selber aber ein Spatz. Und zwar weil der mit seiner Grösse überall dabei sein kann. Rübel lebt mit seiner Partnerin in ­Zürich. Er hat drei erwachsene Kinder und ein Enkelkind.

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