«Ich sehe überall Seile, wohin ich auch blicke»

Er führt ein Leben in der Schwebe: Hochseilartist Freddy Nock spaziert am Samstag über die Dächer von Rapperswil. Ein Gespräch über Risiken, Aberglauben und seine tausend Schutzengel.

Dieser Kirchturm ist das Ziel: Für Seiltänzer Freddy Nock (54) ist der Balanceakt in Rapperswil ein Kinderspiel.

Bild Markus Timo Rüegg

Dieser Kirchturm ist das Ziel: Für Seiltänzer Freddy Nock (54) ist der Balanceakt in Rapperswil ein Kinderspiel. Bild Markus Timo Rüegg

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Mit Schwung steigt Freddy Nock die Schlosstreppe am Rapperswiler Hauptplatz empor, immer zwei Stufen aufs Mal. Sekunden später balanciert er freihändig auf dem Geländer. Ein Fotosujet in luftiger Höhe, ein Balanceakt vor der Schlosskulisse? Kein Problem für den Hochseilakrobaten. Leichtfüssig spaziert er auf der schmalen Stange, streckt ein Bein in die Luft und macht Faxen für den Fotografen. Was für die meisten eine wackelige Angelegenheit wäre, ist für Freddy Nock Routine. Am Samstag wird er den Rapperswiler Hauptplatz auf dem Hochseil überqueren, bis hinauf zum Turm der Stadtkirche. In einem Café nahe der Seepromenade erzählt der 54-Jährige von seinem baldigen Auftritt in der Rosenstadt – und davon, in welchen Momenten ihm die Knie schlottern.

Freddy Nock, es heisst, Sie seien unbarmherzig mit Journalisten, Reporter schicken Sie auch gerne mal in Ihr «Todesrad». Da habe ich wohl Glück, dass heute das Hochseil noch nicht über den Hauptplatz gespannt ist?
Ich integriere tatsächlich gern Journalisten in meine Aktionen, wenn ein Auftritt bevorsteht. Das erste Mal tat ich dies 1996 im Zirkus Flic Flac in Deutschland, kurz vor der Premiere. Es gab eine Pressekonferenz, und mir kam der Gedanke: Wieso nicht einmal die Journalisten einbinden, auf dem Hochseil oder gar im Todesrad? Das kam gut an – seither bin ich offen für solche Ideen. Im Todesrad habe ich schon Videojournalisten die Kameras abgenommen und sie selber bei ihren Versuchen gefilmt. Auch liefen schon diverse Fernsehmoderatoren mit mir übers Seil, unter anderem Stefan Raab.

Ich bin froh, dass mir das heute erspart bleibt. Erzählen Sie uns, was Sie am Rapperswiler Hauptplatz vorhaben.
Geplant ist, dass wir vom 22 Meter hohen Rathausdach aus ein Hochseil zum Kirchturm oben am Herrenberg spannen. Der Kirchturm ist 36 Meter hoch, das heisst, es wird eine Strecke mit einer Steigung sein, die ich am Ende der Knie-Arena-Vorstellung zurücklege. Und am Schluss gibt es einen Salto und ein Feuerwerk (schmunzelt). Übrigens war dieser Seillauf quer über den Rapperswiler Hauptplatz eine Tradition, die früher mein Grossonkel Pius «Pio» Nock viele Jahre im Circus Knie gepflegt hat. Er machte sich jeweils einen Spass daraus, in der Mitte des Seils auf einem Stuhl zu balancieren und auf einer kleinen, mobilen Herdplatte ein Spiegelei zu braten oder ein Omelett zu wenden.

«Herumblödeln und Spässe auf dem Seil gibt es nur, wenn ich mich absolut sicher fühle.»

Gemessen an Ihren Weltrekorden müsste dies ja eine Ihrer leichtesten Aufgaben sein. Was reizt Sie an diesem Auftritt?
Ich respektiere jeden Seillauf gleichermassen, denn jeder Lauf ist anders. Auch bei vergleichsweise niedrigen Höhen kann es zu einem Sturz mit dummen Verletzungen kommen. Wichtig ist mir, bei jedem Seillauf das Wissen und die Erfahrung aus meinem Training mitzunehmen. Jeder Lauf braucht ausserdem Selbstvertrauen und Mut.

Nun erwartet Sie mit der Rapperswiler Altstadt ja eine besonders schöne Kulisse. Wie sehr können Sie diese während des Balanceakts geniessen?
Sagen wir es so: Wenn ich Rekordläufe mache, etwa eine Seilbahn hinauflaufe ohne Balancierstange, bin ich voll konzentriert. Da geht es um andere Höhen, da bin ich 150 bis 300 Meter über dem Boden. Bei einem Auftritt im Zirkus oder für eine Show sieht es ein wenig anders aus.

Das heisst, ein Blick nach links oder rechts zum Schloss liegt drin?
Wenn alles stimmt mit dem Seil, wenn es etwa nicht schwankt, kann ich zwischendurch auch die Leute anlachen oder jemandem zuwinken. Aber man muss immer vorsichtig sein. Denn in solch dummen Momenten passieren schnell Unfälle. Herumblödeln, Spässe auf dem Seil, solche Sachen mache ich wirklich nur, wenn ich mich zu hundert Prozent sicher fühle.

Gab es je kritische Momente, in denen Sie rückblickend sagten: Das war knapp?
Auch ich habe Stürze erlebt, als ich jünger war – im Training oder aus niedriger Höhe. Mit 23 Jahren fiel ich im Circus Royal aus vier Metern Höhe auf den Boden und brach mir beide Handgelenke. Ich war leichtsinnig, ungeübt und kannte noch keine Falltechniken. Meine Arme waren monatelang im Gips – das ist für einen Artisten etwas vom Schlimmsten. Aber aus diesem Sturz habe ich viel gelernt. So etwas sollte mir nicht nochmal passieren, sagte ich mir – und begann, härter und gezielter zu trainieren.

Hatten Sie seither wieder mal einen Schutzengel?
Es gab viele Situationen, in denen ich gespürt habe: Hier hatte ich Schutzengel um mich – einen grossen, oder auch mehrere. In den USA bin ich mal auf dem Seil durch einen Ring gesprungen und musste mich in der Luft abdrehen. Es klappte nicht wie geplant, ich landete nicht richtig, konnte mich aber noch mit einer Hand am Seil festhalten. Ich weiss noch, dass mich damals ein seltsames Gefühl erfasst hat. Es war kalt, schön, hell – auch wenn das jetzt verrückt klingt. Rational gesehen hätte ich dort eigentlich abstürzen müssen. Meine Reaktion war aber aus irgendeinem Grund die richtige. Man fragt sich rückblickend: Was war es, was hat mich vor dem Sturz bewahrt? Das Training, die schnellen Reflexe, die ich mit den Jahren aufgebaut habe? Ich kann es nicht genau sagen, aber solche Momente waren unglaublich.

«Früher habe ich mich immer dreimal bekreuzigt, bevor ich aufs Seil ging.»

Haben Sie ein Ritual, das Sie kurz vor Ihren Auftritten pflegen?
Früher hatte ich das, ja. Bis im Jahr 1995 bekreuzigte ich mich immer dreimal, bevor ich aufs Seil ging. Das taten viele Artisten. Sehr verbreitet war im Zirkus leider auch der Aberglaube. Wenn ein Vogel im Zelt war, hatte ihn mein Grossvater immer verscheucht. Er sagte, das bringe Pech. Unglücksboten waren auch ein Hut auf dem Bett oder Schuhe auf dem Tisch. Irgendwann sagte ich mir aber, jetzt ist Schluss mit diesem Unsinn. Ich löste mich von dem Aberglauben – und ich lebe noch immer (lacht).

Was treibt Sie an, sich immer wieder neue «verrückte» Rekorde auszudenken und Risiken einzugehen?
Die Träume aus meiner Kindheit. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Mutter als Bub die St. Beatus-Höhlen bei Interlaken besuchte. Ich blickte hinaus auf den Thunersee und dachte: Diesen See möchte ich auf einem Hochseil überqueren. Ich sehe immer Seile, wohin ich auch blicke. Und natürlich hat die modernere Technik zum Wunsch «immer höher, immer weiter» beigetragen. Früher war ein Seillauf zu einem Kirchturm mit 100 Metern Seil etwas Ausgefallenes. Heute kann ich ein Hochseil auf einer Länge von 3,3 Kilometern spannen. Den Thunersee habe ich später tatsächlich überquert: Mehr als zwei Kilometer lang war die Strecke.

Gibt es einen Kindheitstraum, den Sie noch nicht verwirklicht haben?
Ganz klar: Ein Seillauf vom kleinen aufs grosse Matterhorn, sieben Kilometer Luftdistanz beträgt die Entfernung. Wir waren früher mit dem Zirkus Nock in Zermatt, und schon da hat mir das Matterhorn imponiert. Das sind Bilder, die sich als Kind eingeprägt haben, die ich nicht mehr aus dem Kopf bringe. Damals dachte ich: Hier will ich ein Seil spannen. Und wenn ich es nicht mache, macht es irgendwann mein Sohn oder eine meiner Töchter.

Gibt es denn etwas, wovor Sie Angst oder Respekt haben?
Ich hatte lange Zeit Flugangst. Ich wurde nervös und bekam Schweissausbrüche, sobald ich ein Flugzeug bestieg. Ich konnte es überwinden, als ich vor sechs Jahren im Cockpit eines Fliegers sitzen durfte. Das war auf einem Flug von Mallorca nach Zürich. Ich habe schon lange nicht mehr so eine schöne Aussicht gesehen. Irgendwie hat mir das die Angst genommen. Das Zweite, wovor ich bis heute grossen Respekt habe, sind Haie. In Dubai sah ich von Land aus mal eine Haiflosse in Ufernähe – da schlotterten mir die Knie. In Australien könnte ich darum nie im Meer schwimmen gehen. Aber angenommen, der grösste Haifisch schwimmt unten in der Bucht: Dann laufe ich auf dem Seil übers Meer.

Knie-Arena-Vorstellung mit Seillauf von Freddy Nock: Samstag, 16. März, 15 Uhr und 19 Uhr, Hauptplatz Rapperswil. Ausweichdatum bei schlechtem Wetter: Sonntag, 17. März.

Erstellt: 13.03.2019, 13:29 Uhr

Infobox

Zur Person
Freddy Nock wurde 1964 in die Artistenfamilie Nock hineingeboren. Im Alter von vier Jahren machte er die ersten Versuche auf einem Seil, mit fünf stand er das erste Mal in der Manege. Mit elf Jahren widmete er sich ausschliesslich dem Hochseillauf. Die ersten dreissig Jahre seines Lebens waren geprägt durch Reisen als Zirkusartist.

Später etablierte sich Freddy Nock als Soloartist und Extremsportler, mittlerweile hält er 25 Weltrekorde. Sein Markenzeichen ist es, ungesichert übers Seil zu laufen: Gerne spektakulär über Seen oder auf den Tragseilen von Bergbahnen. Auch ins «Todesrad» wagt er sich immer wieder. Das letzte Mal auf Zirkustournee war Freddy Nock im Jahr 2010 mit dem Circus Knie. Nebst Engagements im Zirkus und in diversen Shows hält Freddy Nock Vorträge und erzählt in Seminaren und Workshops von seinen Extremerlebnissen und Grenzerfahrungen.

Seit anderthalb Jahren trainiert er für seinen nächsten geplanten Rekord: Auf 5000 Metern Höhe will er unter einem Heissluftballon ungesichert über einen Stab gehen, der vom Ballon getragen wird. Das Vorhaben will er im September dieses Jahres umsetzen.

Freddy Nock ist fünffacher Familienvater und lebt im aargauischen Uerkheim. (ran)

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