Illnau

«Ich hoffe, ich bin gefährlich»

Ex-Jusopräsident Fabian Molina rückt für Tim Guldimann in den Nationalrat nach. Der 27-Jährige aus Illnau will die Schweiz offener und die Welt demokratischer machen.

Neu für den Kanton Zürich im Nationalrat und der Jüngste: Fabian Molina aus Illnau-Effretikon an der Delegiertenversammlung der Juso 2016.

Neu für den Kanton Zürich im Nationalrat und der Jüngste: Fabian Molina aus Illnau-Effretikon an der Delegiertenversammlung der Juso 2016. Bild: Keystone

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Bereits 2014 äusserten Sie die Absicht, Nationalrat zu werden. Wieso?
Fabian Molina: Ich will etwas verändern in der Welt. Es läuft auf unserem Planeten nicht so, wie es für die Mehrheit der Menschen gut wäre. Der Nationalrat gibt mir politischen Handlungsspielraum.

Was wird im Nationalrat jetzt anders?
Ich werde der jüngste Nationrat sein. Meine Generation ist in diesem Rat krass untervertreten. Wir Jungen sind mit einem harten Arbeitsmarkt, mit Wohnungsnot und unsicheren Perspektiven konfrontiert. Zwischen mir und meinem Vorgänger Tim Guldimann liegen vierzig Jahre. Das ist ein riesiger Unterschied.

Max Binder, der ehemalige SVP-Nationalrat aus Illnau-Effretikon, nannte Sie einmal gefährlich für die Bürgerlichen. Sind sie gefährlich?
Ich hoffe es. Ich stehe für eine offene Schweiz ein. Für eine Schweiz, in der es allen gut geht, in der alle eine Chance haben. Wenn wir dieser Vision näher kommen, wird es tatsächlich gefährlich für die Bürgerlichen. Meiner Meinung nach betreiben sie eine Klientelpolitik, die nur Privilegien absichert.

Mit Ihren politischen Aktionen drehen Sie oft den Spiess einfach um. Statt Sozialdetektiven fordern Sie Steuerdetektive. Nützt sich dieses Spiel nicht langsam ab?
Nicht so lange die bürgerliche Politik so widersprüchlich ist. SVP und FDP fordern Freiheit und weniger Bürokratie. Dabei meinen Sie nur Freiheit für die Wirtschaft, nicht Freiheit für die Menschen.

Nennen Sie mir eine Initiative von Ihnen, die konstruktiv ist, proaktiv, und nicht einfach auf den politischen Gegner reagiert.
Nächsten Montag werden Sie genau einen solchen Vorstoss von mir im Kantonsrat erleben.

Die Juso hat mit Clara Plantiko eine Fake-Kandidatur für den Winterthurer Stadtrat aufgestellt. Glauben Sie, dass die Wähler Ihre Partei nach dieser Aktion noch ernst nehmen?
Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung hat keinen Schweizer Pass und kann nicht wählen. Das ist ein Mangel an Demokratie. Es ist in unserem Land schwieriger als sonst wo in Westeuropa, sich einbürgern zu lassen. Mit dieser Provokation in Winterthur wollten die Juso auf ein wichtiges Anliegen aufmerksam machen.

Sie wollten nie ein Bünzli sein. Wenn man sich dagegen so krampfhaft wehrt, wird man dann nicht erst recht zum Bünzli?
Das mag sein. Noch bin ich kein Bünzli. Man kann aber nie sagen, was die Zukunft bringt.

Sie wollten Präsident Trump nicht in die Schweiz einreisen lassen. Ist das nicht bünzlig und engstirnig?
Nein. Es ging mir beim Protest gegen Trump um eine grundsätzliche Kritik an der Schweizer Aussenpolitik. Sie ist den Mächtigen gegenüber willfährig. Die Schweiz sollte für das hinstehen, was sie ausmacht. Das sind zum Beispiel die Menschenrechte. Sie gelten universell.

«Es geht darum, einer globalisierten Wirtschaft eine globale Demokratie entgegen zu setzen.»Fabian Molina

Ausgerechnet Ihr Vorgänger Guldimann widersprach Ihnen in der Sache Trump.
Herr Guldimann war Spitzendiplomat. Er hat hier eine andere Perspektive.

Was nehmen Sie von Guldimann mit in den Nationalrat?
Herr Guldimann ist offen für Europa. Er fordert enge und gute Beziehungen zur EU. Es gibt viel zu wenig Schweizer Politiker, die diese Haltung haben.

Wann tritt denn die Schweiz nach Ihrer Einschätzung der EU bei?
Vielleicht schneller als man denkt. Die gegenwärtigen Beziehungen der Schweiz zur EU sind so verfahren, dass bald nichts mehr anderes übrig bleibt, als etwas ganz Neues zu wagen: Den Beitritt.

Haben Sie ein besonderes Interesse für die Aussenpolitik?
Die Aussenpolitik ist spannend und wird immer wichtiger. Es ist eine Illusion zu glauben, die Schweiz treffe heute ganz souverän ihre demokratischen Entscheidungen. Das Weltgeschehen wird immer mehr von globalen Konzernen bestimmt, völlig undemokratisch. Es geht darum, einer globalisierten Wirtschaft eine globale Demokratie entgegen zu setzen.

Von der grossen Welt zurück nach Illnau-Effretikon. Was nehmen sie von Ihrer Heimat mit in die Politik?
In Illnau-Effretikon sprechen mich immer wieder Menschen an. Sie loben mich oder kritisieren mich auch. Ich schätze diesen Kontakt. Ausserdem hilft es mir, dass ich die Verhältnisse in einer Agglomerationsstadt kenne und selbst erlebt habe.

«Ich habe Rassismus am eigenen Leib erlebt»Fabian Molina

Sie waren nur ein halbes Jahr im Kantonsrat. Was haben Sie da erreicht?
Nicht viel. Der Kantonsrat ist ein rechtsbürgerliches Machtkartell von FDP und SVP. Auf die Linke hört man nicht.

Der Kantonsrat entspricht immerhin dem Wählerwillen.
Er vertritt aber nicht die Interessen der Wähler. So wurde beschlossen, die Wasserversorgung teilweise zu privatisieren. Welchen Wählerinnen und Wählern nützt das?

Es scheint, als sei der Kantonsrat für Sie nur ein lästiger Zwischenschritt auf Ihrer politischen Laufbahn gewesen.
Ich freue mich, dass ich in den Nationalrat nachrücke. Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass Herr Guldimann zurücktritt.

Politisch wirken sie oft grün, zum Beispiel mit Ihrem Einsatz für die Kulturlandinitiative. Wo bleibt das Rot der Juso?
Die SP ist die grösste linke Partei. Mehr als die Grünen tragen die Sozialdemokraten den realen Machverhältnissen und der Wirtschaft Rechnung. In ihrer Geschichte hat die Partei unser Land mitgeprägt. Sie war immer das Zentrum des Widerstands. Deshalb bin ich in der Juso und der SP. Ich bin stolz darauf, Teil der Arbeiterbewegung zu sein.

Ihr Vater ist Chilene. Sie sind halb Secondo. Wie hat Sie das politisch geprägt?
Meine beiden Halbbrüder sind sogar ganz Chilenen. Ich habe also miterlebt, was es heisst, in der Schweiz Migrant zu sein. Und Rassismus habe ich sogar am eigenen Leib erfahren. Man lehnt alles Fremde ab — das ist der wahre Zustand der Schweiz. Das will ich nicht akzeptieren. (Landbote)

Erstellt: 19.02.2018, 17:16 Uhr

Zur Person

Fabian Molina ist 1990 geboren und in Illnau-Effretikon aufgewachsen. 2010 bis 2016 wirkte Molina im Parlament seiner Wohngemeinde.

2014 bis 2016 leitete er als Präsident die Juso Schweiz. Im letzten Amtsjahr war er zusätzlich Vizepräsident der SP Schweiz. 2017 rückte er in den Kantonsrat nach. Molina studiert Geschichte und Philosophie und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter. (cf)

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