Zürich

«Ich bin direkt, 1,52 grossund habe eine Züri-Schnure»

Stadträtin Claudia Nielsen (SP) steht für ihre Spitalstrategie und ihre Personalführung in der Kritik. Im Gespräch erklärt sie, wie sie als Stadträtin wieder-gewählt werden will.

Stadträtin Claudia Nielsen erwartet von sich und ihren Mitarbeitenden Offenheit, Leistungsbereitschaft und Qualität.

Stadträtin Claudia Nielsen erwartet von sich und ihren Mitarbeitenden Offenheit, Leistungsbereitschaft und Qualität. Bild: Severin Bigler

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Frau Nielsen, Ihnen weht derzeit aus diversen Lagern ein rauer Wind entgegen. Beginnen wir mit der Spitalstrategie: Der ­Zürcher Gemeinderat hat diese abgeschmettert, zudem unterstützen Sie nun vier weitere Stadträte in dieser Frage, was einer Teilentmachtung gleichkommt. Wo haperts?
Claudia Nielsen: Parallel zur Ausarbeitung der Spitalstrategie tauchte im Rahmen der EWZ-Vorlage erstmals die Frage nach einer öffentlich-rechtlichen Anstalt auf. Der Gemeinderat hat sich mit der Vorlage über ein Jahr beschäftigt und sie schliesslich einfach versenkt. Mit der Spitalfrage wollten wir gerade das nicht riskieren. Wir haben deshalb versucht, den Gemeinderat in den Lösungsprozess miteinzubinden und die Grundsätze der Spitalstrategie offenzulegen. Dieses Vorgehen hat er nun abgelehnt. Damit die Entscheide rund um die städtische Spitallandschaft schnell gefasst werden können, haben wir diesen Ausschuss auf meinen Antrag hin ins Leben gerufen.

Die Kritik aus dem Gemeinderat war ja gerade, dass Sie nur Grundsätze und keine Vorschläge für die Sanierung der Spitäler präsentiert haben. Das widerspricht doch Ihrem Vorhaben, schnell zu handeln.
Wie ich bereits sagte: Die Vorlage, die EWZ in eine öffentlich-rechtliche Anstalt umzuwandeln, scheiterte vor dem Gemeinderat. Damit wurden drei Jahre Arbeit in den Sand gesetzt. Das wollten wir bei den Spitälern verhindern. Deshalb haben wir zuerst Grundsätze vorgelegt. Mittlerweile ist auch der Gemeinderat davon überzeugt, dass wir schnelle Resultate brauchen. Entsprechend ist die Zurückweisung der Spitalstrategie ein Schritt in die richtige Richtung.

«Ich stehe für meine Überzeugung ein,  und manchmal  bezahle ich – wie gerade jetzt – auch einen Preis dafür.»Claudia Nielsen, Gesundheitsvorsteherin Zürich

Die wäre?
Der Ausschuss bestehend aus der Stadtpräsidentin Corine Mauch sowie den Stadträten Filippo Leutenegger, Raphael Golta, Andreas Türler und mir wird nun im Detail die Umwandlung der beiden Stadtspitäler Triemli und Waid in eine öffentlich-rechtliche Anstalt angehen. Finanziell müsste demnach ein Teil der Schulden in Eigenkapital umgewandelt werden. Zudem wird sich das Triemlispital auf drei Gebäude konzentrieren: das Bettenhaus, den Turm und den Behandlungstrakt. Ist die Strategie im Detail ausgearbeitet, muss sich der Gemeinderat positionieren.

Warum ist die öffentlich-rechtliche Form Ihrer Meinung nach die Lösung aller Probleme?
Die Politik soll nach wie vor die Spitäler steuern können. Sie sollen im Eigentum der Stadt bleiben. Als öffentlich-rechtliche Anstalten können sie schneller reagieren und besser Kooperationen eingehen. Die Vorstellung der SVP, dass man Teile der Stadtspitäler an die Hirslanden-Klink verkaufen würde, ist sicher nicht das, was unsere Bevölkerung will. Privatspitäler leben nämlich hauptsächlich von Zusatzversicherten.

Die beiden Spitäler Triemli und Waid fordern schon lange die Umwandlung in eine öffentlich-rechtliche Anstalt. Warum kommen Sie erst jetzt in die Gänge?
Tun sie das? Das hätte durchaus Vorteile. Es ist in der Politik nun mal nicht so, dass Dienstabtei­lungen bestimmen, sondern je nach Ebene entweder der Stadtrat, der Gemeinderat oder aber die Stimmberechtigten.

Sie haben sich in dieser Frage Zeit gelassen, wie es scheint.
Manchmal lohnt es sich, abzuwarten. Denn mit dem Scheitern der kantonalen Abstimmung über den möglichen Teilverkauf des Kantonsspitals Winterthur und der Integrierten Psychiatrie Winterthur haben sich viele Fragen geklärt. Es ist nun klar, dass ein solcher Vorschlag nicht durchkäme. Es mag so dargestellt werden, dass wir hier etwas verschlafen. Dem ist aber nicht so. Die Stadtspitäler sind in einer besonderen Position, weil sie zur Verwaltung gehören. Zudem behandeln sie überdurchschnittlich viele allgemein versicherte Patienten.

Inwiefern ist das besonders?
Die Spitäler werden leider oft wegen der Schulden kritisiert. Dabei geht der Systemwechsel von 2012 gerne vergessen. Die Investitionen wurden über Nacht in Schulden umgewandelt. Die Behandlung von Allgemeinversicherten ist grösstenteils nicht kostendeckend. Die Leistungen unserer Stadtspitäler sind nach wie vor hervorragend. Die finanzielle Schieflage hat vor allem aber mit der Abschreibung des neuen Bettenhauses des Triemlispitals zu tun. Mit solchen Investitionen werden sich diverse andere Spitäler in den nächsten Jahren noch befassen müssen.

Inwiefern wird die kantonale Bestimmung, welche Leistungen ab Januar stationär und welche ambulant erbracht ­werden, den Druck auf die ­beiden Spitäler erhöhen?
Der Druck ist jetzt schon hoch. Die Spitäler setzen die Massnahmen bereits um. Dazu gehört auch die Verdichtung im Triemli oder Fragen, wie viel Personal man wo einsetzt.

Neben der Spitalstrategie wurden Sie jüngst und wiederholt für Ihre Personalpolitik kritisiert. Innerhalb von sieben ­Jahren haben Sie sechs ­Departementssekretäre ­verloren. Was ist los?
Der Schein trügt in dieser Frage. Seit meiner Wahl in den Stadtrat vor sieben Jahren ist im Gesundheitswesen kein Stein auf dem anderen geblieben. Um die zahlreichen gesetzlichen Änderungen und den Systemwechsel bewältigen zu können, habe ich von meinen Stabsmitarbeitenden andere Leistungen benötigt, als von ihnen in den Jahren zuvor gefordert wurden. So kam es zu einem Stellenwechsel. Wenn es nicht geigt, sind alle frustriert. Ein weiterer Mitarbeiter wurde befördert, wieder andere wollten sich nach Jahren neu orientieren. Sie sehen, die Stellenwechsel basieren auf alltäglichen, personellen Entscheiden.

Warum hat es denn nicht«gegeigt»?
In einem Departementsstab muss Hand in Hand gearbeitet werden können. Die Basis ist das Vertrauen. Unsere Vorlagen müssen so ausgearbeitet und vorbereitet werden, dass sie gut und bewilligungsfähig sind. Dafür muss man sich im Team gut verstehen. Es benötigt ein gewisses Know-how und Erfahrung.

Ihr Führungsstil wird als ruppig und kontrollierend bezeichnet.
Ich war in den ersten Jahren im Amt sicher forsch. Die neue Aufgabe als Stadträtin war eine grosse Herausforderung für mich. Plötzlich hatte ich 7000 An­gestellte zu führen. Inhaltlich stand ich bei meinem Amtsantritt vielen grossen und komplexen Themen gegenüber. Da kann es schon mal hoch zu- und hergehen.

Waren Sie überfordert?
Nein. Aber ich musste zuerst in meine neue Aufgabe hineinwachsen. Meine Ökonomieausbildung und die bereits gesammelte Führungserfahrung kamen mir dabei aber sicher zugute.

Wie würden Sie Ihren ­Führungsstil beschreiben?
Ich bin direkt, 1,52 gross und habe eine Züri-Schnure. Ich erwarte von mir und meinen Mitarbeitenden Offenheit, Leistungsbereitschaft und Qualität. Ich habe in den letzten Wochen von meinen Stabsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern im Übrigen viel Zuspruch und Unterstützung erfahren. Daraus kann man wohl schliessen, dass die Stimmung in meinem Departement gut ist.

Warum soll Sie das Zürcher Stimmvolk am 4. März wiederin den Stadtrat wählen?
Ich stehe für meine Überzeugung ein und manchmal bezahle ich – wie gerade jetzt – auch einen Preis dafür. In der Stadt Zürich sollen sich alle Bewohner auf eine gute und hochstehende Gesundheitsversorgung verlassen können. Ich will keine Spitäler, die Patienten nur dann behandeln, wenn es sich rechnet. Unsere Spitäler sollen mit dem medizinischen Fortschritt mithalten können und wir brauchen Unterstützung im Alter. Dafür sind gute Alters- und Pflegezentren sowie eine starke Spitex wichtig. Die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft und des Gesundheitsschutzes versuche ich Schritt für Schritt zu erreichen. Für alle diese Themen sowie eine pragmatischere Drogenpolitik würde ich mich gerne in den nächsten vier Jahren einsetzen.

Sie wollen also das ­Departement behalten?
Ich würde gerne im Gesundheits- und Umweltdepartement weiterarbeiten. Schliesslich entscheidet aber das Kollegium. Ich bin lange genug in der städtischen Politik, um mich auch in einem anderen Departement bewähren zu können.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 09.01.2018, 15:48 Uhr

Zur Person

Die 55-jährige gebürtige Schweiz-Südafrikanerin Claudia Nielsen ist seit 2010 für die SP im Zürcher Stadtrat. Dort leitet sie das Gesundheits- und Umweltdepartement. Vor der Wahl in den Stadtrat war Nielsen 16 Jahre Mitglied des Stadtzürcher Gemeinderates. Von 1998 bis 2000 und 2008 bis 2010 war sie Kommissionspräsidentin für Polizei, Tiefbau und Entsorgung. Von 2004 bis 2006 präsidierte sie die Verkehrskommission. Die promovierte Ökonomin präsidiert von Amts wegen die Stiftung Alters­wohnungen in Zürich und ist Mitglied des Verwaltungsrates des Kernkraftwerks Gösgen- Däniken sowie Mitglied der konsultativen Konferenz Flughafen Zürich. (giu)

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